Ansiedlung von XXXL-Möbelhaus in Göttingen: Mittelständler fürchten Riesen

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Ansiedlungsfläche: Auf dem rot markierten Areal an der Autobahnabfahrt Göttingen wollen sich XXXL und Poco ansiedeln.

Göttingen/Northeim. Möbelriese XXXLutz und Poco will sich in Göttingen ansiedeln. Wir geben Antworten auf Fragen zu dem – auch in der Region – umstrittenen Projekt.

Wo sollen die Häuser XXXL und Poco entstehen? 

Auf einem Grundstück an der A-7-Abfahrt Göttingen. Eigentümer ist das Göttinger Unternehmen Kurth, er würde auch als Generalunternehmer für den Bau verantwortlich zeichnen. Kurth gehören auch die Komplexe Kaufpark I und II in dem Bereich.

Was plant Möbelgigant XXXL, das zweitgrößte Möbelunternehmen hinter IKEA?

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Laut Rahmenplan zwei Möbelhäuser (XXXL und Poco) mit insgesamt etwa 33.000 Quadratmeter (das sind etwa vier Fußballfelder) für denVerkauf von Möbeln und Haushaltswaren. Der Gigant erwartet etwa 35 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Gegner des Projektes kalkulieren mit mindestens 45 Millionen Euro Jahresumsatz für den Möbelriesen.

Alle Göttinger Möbelhäuser machen zusammen einen Jahresumsatz von 69 Millionen Euro, im Einzugsgebiet sind es 132 Millionen Euro. Die Möbelhäuser der Region bieten zusammen 115.000 Quadratmeter Verkaufsfläche.

Welche Konsequenzen hätte die Ansiedlung für bestehende Möbelhäuser?

Die Umverteilung durch die Ansiedlung von XXXL könnte zu Umsatzverlusten von zehn bis 20 Prozent pro Jahr führen. Das sagen die Unternehmer in Northeim, Gieboldehausen, Uslar, Witzenhausen, Bad Sachsa und Göttingen. Bäucke in Northeim erwartet drei Millionen Euro, das Eichsfelder Möbelcenter Gieboldehausen 2,7 Millionen Euro weniger Jahresumsatz. Das sei kaum zu verkraften, sagen die Unternehmer unisono. Der Geschäftsführer von BONO Göttingen, Jörg Schwill, geht von einer „Zahlungsunfähigkeit in wenigen Jahren“ aus, wenn XXXL in geplanter Größe kommt.

Wie beurteilen Gutachter die Situation?

Das von der Stadt Göttingen in Auftrag gegebene, pro Ansiedlung ausgefallene Gutachten „GMA“ sieht nur eine mäßige Gefahr für die Verdrängung bestehender Häuser, die finanziell gut da stünden. Das Gutachten von Bulwiengesa, initiiert von den Möbelhäusern, aber sieht eine große Verdrängungsgefahr – „ein reales Marktaustrittspotenzial“ – vor allem für Northeim.

Gibt es Empfehlungen, die den bestehenden Möbelhäusern helfen könnten?

Ja, das Bulwiengesa-Gutachten empfiehlt eine deutlich kleinere Verkaufsfläche im Neubau: 18.000 Quadratmeter für Möbel. Für POCO und XXXL gesamt 23.500 Quadratmeter. „Das wäre immer noch viel, aber vertretbar“, sagen die Möbelhaus-Unternehmer der Region.

Nun verkaufen XXXL- und Poco-Häuser nicht nur Möbel, sondern auch Haushaltswaren, wie steht es damit?

Ein heikles, auch politisch heiß diskutiertes Thema. Bettwäsche, Gardinen, Töpfe, Gläser und ähnliche Produkte gelten als innenstadtrelevante Sortimente. Und: Im Göttinger Einzelhandelskonzept ist eine Verkaufsflächenbeschränkung bei Märkten auf der grünen Wiese dafür festgeschrieben: 800 Quadratmeter. Aber: XXXL will auf 1350 Quadratmeter verkaufen. Lässt die Stadt Göttingen mehr als 800 Quadratmeter zu, würde sie ihr noch junges Einzelhandelskonzept aus dem Jahr 2014 unterlaufen, oder ändern müssen.

Wie ist die Meinung in Politik und Wirtschaft? 

Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) und die Bauverwaltung um Stadtbaurat Thomas Dienberg stehen hinter dem Projekt. Anders die Fraktionen: SPD und Grüne bilden die Mehrheit, sind noch nicht geschlossen dafür, es gibt Zweifler. Die Linke ist pro, die CDU und Piratenpartei kontra XXXL. Die Händler in der Gemeinschaft Pro City sehen Größe und Auswirkung auf die Innenstadt kritisch.

Würde XXXL auch kommen, wenn es stärkere Beschränkungen gibt?

Das umstrittene Unternehmen aus Österreich, das den Großteil der Steuern auf Malta zahlt, ist auf Expansionskurs. Göttingen ist strategisch wichtig, die nächste Niederlassung ist in Braunschweig. XXXL hatte signalisiert, die Fläche für innenstadtrelevante Waren auf 7,5 Prozent (2000 Quadratmeter) der Gesamtfläche (jetzt 27.000 Quadratmeter) zu beschränken. Nun will XXXL auf fünf Prozent der Gesamtfläche, also 1350 Quadratmeter, runtergehen. Das zeigt: XXXL will nach Göttingen kommen. Dieses Verhalten nimmt der Stadt die Argumente, XXXL unbedingt entgegenkommen zu müssen – auch durch die Änderung des Einzelhandelskonzeptes.

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