Interview: Holger Gerken blickt auf 40 Jahre Göttinger Werkstätten zurück

40 Jahre Göttinger Werkstätten

Holger Gerken: Er ist Chef der Göttinger Werkstätten. Foto: Schröter
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Chef der Göttinger Werkstätten: Holger Gerken

Göttingen. Mit einem Festakt und einem hausinternen Sommerfest feiern die Göttinger Werkstätten am Samstag, 16. Juni, ihr 40-jähriges Bestehen. Wir sprachen über den Geburtstag mit Geschäftsführer Holger Gerken.

Herr Gerken, 40 Jahre Göttinger Werkstätten - Eine Erfolgsgeschichte?

Holger Gerken: Verglichen mit anderen Werkstätten haben die Göttinger Werkstätten eine besondere Geschichte. Menschen mit einer geistigen Behinderung – heute etwa 60 Prozent unserer Betreuten – waren in den ersten Jahren in der Minderheit. Die Anfangsidee war nämlich, eine Werkstatt für Langzeitpatienten aus Psychiatrien zu schaffen. 1973 haben wir in der Werkstatt mit sechs Personen aus der Psychiatrie angefangen, schon drei Jahre später eröffneten wir unser erstes Wohnheim.

Wie viele Beschäftigte sind heute für die Werkstätten tätig?

Gerken: Heute arbeiten etwa 1000 Menschen mit und ohne Behinderung bei den Göttinger Werkstätten, über 400 nehmen unsere Wohnangebote in Anspruch. Die Wahlmöglichkeiten, die wir in beruflichen Feldern oder der Form der Wohnbetreuung bieten, haben wir beständig erweitert. Allein in den letzten 12 Monaten haben wir mit der Eröffnung der Tagesstätte für psychisch Erkrankte, dem Bistro-Betrieb in der Volkshochschule und der Beratungsstelle in der Innenstadt drei neue Projekte realisiert.

Was hat sich seit der Gründung 1973 in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen geändert?

Gerken: Geblieben ist, dass bei uns die Menschen mit Ihren Fähigkeiten, Neigungen und Potentialen im Mittelpunkt stehen. In den eher experimentellen Anfangsjahren war das oft dem Einfühlungsvermögen und der Kreativität der Betreuerteams überlassen. Heute können wir auf die jahrzehntelange Erfahrung unserer Mitarbeiter vertrauen – in allen Bereichen tritt unsere Professionalität hervor: Die Abläufe bei uns sind klar strukturiert, werden kontinuierlich kontrolliert und verfeinert – egal, ob es um den Start ins Arbeitsleben oder Unterstützungsleistungen beim Wohnen geht.

Was hat sich auf der anderen Seite für Menschen mit Behinderungen geändert?

Gerken: Was sozialstaatliche Initiativen und Reformen angeht, bleiben die 70er Jahre sicherlich die Zeit mit der größten Innovationskraft. Damals wurden die Grundlagen für Vieles geschaffen. Heute gehen viele Impulse von der Gesellschaft aus. Davon profitieren etwa unsere Wohneinrichtungen im Landkreis. Mit Ablehnung oder Vorbehalten der Nachbarschaft haben wir kaum zu tun. Die Berührungsängste der Bevölkerung gegenüber Menschen mit Behinderung haben definitiv abgenommen.

Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit besonders viel Freude?

Gerken: Mich beeindruckt immer wieder das Engagement unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die von ihnen betreuten Menschen. Nach allem, was ich in meinem Berufsleben gesehen habe, ist es wirklich etwas Besonderes, mit welchem Einsatz sie sich ihrer Aufgabe widmen. Ich bin stolz, Geschäftsführer eines gemeinnützigen Unternehmens zu sein, bei dem das auch heute noch so ist.

Und was frustet Sie?

Gerken: Frustrierend ist, wie groß auch heute noch die Barrieren sind, mit denen Menschen mit Behinderung konfrontiert sind – zum Beispiel beim Zugang zum ersten Arbeitsmarkt. Wenn man sieht, was unsere Leute in der Werkstatt zu leisten im Stande sind, bekommt man einen Eindruck davon, was eigentlich möglich wäre. Nötig wäre aber ein Umdenken: Nicht die Menschen sollten sich der Arbeit anzupassen haben, sondern die Arbeit muss den Menschen angepasst werden. Davon könnten alle profitieren.“

Von Per Schröter

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