Runder Geburtstag

Arbeiterwohlfahrt: 100 Jahre Hilfe. Die Arbeit geht nicht aus

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Gruppenbild mit AWO-Gründerin Luise Stegen: Zum zehnjährigen Bestehen des Göttinger Volksblattes ließen sich im Jahr 1929 der Göttinger SPD-Vorstand sowie die „Preß-Kommission“ fotografieren. Rechts neben Luise Stegen ist ihr Mann Wihelm zu sehen, der damals Göttinger SPD-Vorsitzender war. Heute ist in dem Gebäude die HNA-Redaktion zu finden.

Die Arbeiterwohlfahrt ist ein wichtiger Träger der Sozialarbeit. Er feiert nun seinen 100. Geburtstag - und die Arbeit geht nicht aus. 

Seit 100 Jahren unterstützt die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Bedürftige. Auch in Südniederaschsen gehört der Verband zu den wichtigen Trägern der Sozialarbeit.

Das Selbstverständnis

Anderen Menschen zu helfen, gehörte zum sozialen Selbstverständnis der SPD seit ihrer Gründung. In zahlreichen Vereinen half man sich gegenseitig und unterstützte sich insbesondere während der Arbeitslosigkeit und des Sozialistengesetzes, um die Familie durchzubringen. Ein besonderes Augenmerk galt den Kindern. Es waren die Frauen der aktiven Genossen, die diese Aufgaben übernommen hatten. Die Novemberrevolution 1918 brachte auch ein Umdenken in der bisher starren Haltung der SPD, dass nur der Staat dazu in der Lage sei, soziale Arbeit zu leisten. So überzeugte 1919 Marie Juchacz den Parteivorstand, der wohltätigen Frauenarbeit einen festen organisatorischen Rahmen zu geben.

Not und Elend

Das Elend und die tägliche Not waren nach dem Krieg besonders groß und eine Besserung nicht in Sicht. Nach der Berliner Gründung haben auch in Südniedersachsen in Städten wie Göttingen, Hann. Münden und Osterode, aber auch in größeren Ortschaften die Sozialdemokratinnen damit begonnen, einen Ortsausschuss der AWO zu schaffen.

Fehlende Bekleidung

In Göttingen war es Luise Stegen, die 1920 die AWO ins Leben rief. Auch hier war es die Not der Kinder, die mangelhafte Ernährung von Jung und Alt, fehlende Bekleidung besonders für Schulabgänger, die sich bei einem Lehrherren vorstellen wollten und ein wenig Freude mit Wanderungen und Festveranstaltungen. Alle vierzehn Tage fand ein Nähabend statt, um Kleidungsstücke zu fertigen oder zu reparieren.

Ausflüge

Von einem Ausflug zur beliebten Gaststätte Hampe in Grone berichtete das Göttinger „Volksblatt“: „Es wurde gesungen und gejubelt und es wurde manchem Zuschauer gezeigt, daß in der Stille durch Proletarierfrauen ein Werk aufgerichtet wurde, das wohl viel Mühe und Arbeit bringt, das aber auch leuchtende Kinderauen den Dank abstatten läßt.“

Sondermarken

Das ganze kostete auch Geld. In den Städten wurde häufig bei Parteiveranstaltungen sogenannte Tellersammlungen vorgenommen, die Partei und die Stadt um Zuschüsse gebeten, Sondermarken verkauft und vor allem eine einträgliche Wohlfahrtslotterie organisiert, bei der man als ersten Preis „ein Haus für fünfzig Pfennig“, wie es hieß, erwerben konnte.

Sachspenden

Das Geld reichte nie, so dass man auch auf Sachspenden angewiesen war. Die Frauen arbeiteten ehrenamtlich und oft bis zur Erschöpfung. „Dabei muß hervorgehoben werden, daß die gewaltige Arbeit neben den Pflichten der Hausfrau geleistet werden“, teilt die Vorsitzende der AWO Osterode auf dem Frauentag im Jahr 1926 in Northeim mit. Hier trat auch Marie Juchacz als Rednerin auf und mahnte eine moderne Sozialpolitik an, mit der bisherigen „Bettelsuppenpolitik“ ließen sich die Frauen nicht mehr abspeisen.

Weitere Gründungen

Nach und nach entwickelte sich auch in den Ortschaften Grone, Bovenden, Weende, Geismar, Eddigehausen, Northeim und Duderstadt eine lebendige Tätigkeit der AWO. Die Genossin Margraf in Bovenden forderte in einer Parteiversammlung die Männer auf, ihre Frauen mitzubringen, damit auch in Bovenden endlich eine AWO gegründet werden könnte.

Ein Zeitdokument aus dem Jahr 1925: Das historische Foto zeigt ein Kinderfest der Arbeiterwohlfahrt in der Drei-Flüsse-Stadt Hann. Münden. Auch nach 100 Jahren geht der Wohlfahrtsorganisation nicht die Arbeit auf. Immer wieder kommen neue Aufgaben dazu.

Der AWO geht die Arbeit überhaupt nicht aus

Mit dem Antritt der Nazis 1933 nun auch im Reich wurden neben der SPD auch ihre Organisationen aufgelöst und in die Deutsche Arbeitsfront und NS-Volkswohlfahrt überführt.

Wie in Hann. Münden hielten auch in Göttingen die Frauen weiter Kontakt und standen nach Kriegsende und Befreiung 1945 sofort wieder bereit, die Arbeiterwohlfahrt erneut aufzubauen. 

In Göttingen waren es Luise Syring und Charlotte Kraft, in Hann. Münden Sophie Werzeiko und Marie Kaldauke. In Bovenden, Weende und Geismar ging man ebenfalls erneut an die Arbeit. Die Not, besonders die der Kinder und Flüchtlinge war die Herausforderung der Zeit. Die Frauen packten an. 

In Göttingen kam später Else Wagener dazu, die sich besonders um den Aufbau der Kinderbetreuung verdient gemacht hat. Das 1962 beschlossene Bundessozialhilfegesetz stellte die AWO vor neue Aufgaben und sie begann, sich in der Famllienhilfe und dem Beratungswesen zu engagieren. 

Die bisher fast ausschließlich ehrenamtlich erledigten Aufgaben reichten nicht mehr aus. Dazu kam auch, dass mit dem neuen großen Landkreis Göttingen, in dem die Altkreise Duderstadt und Münden aufgingen, eine Neuorganisation der AWO erforderlich machte. 

1979 begann die Professionalisierung

1979 konnte der Kreisverband der AWO seine Arbeit aufnehmen. Das war der Beginn der Professionalisierung. Die Aufgaben stiegen weiter. 

Es blieben nicht nur die Aussiedlerbetreuung in Friedland, die Einrichtung einer § 218-Beratungsstelle, eine Psychosoziale Beratungsstelle, Kinderbetreuung, das so genannte Häuschen am Lönsweg, die Flüchtlingshäuser an der Merkelstraße, die Schuldenberatung usw., die mehr und mehr Fachpersonal erforderlich machten. 

Die Vorsitzenden Katharina Lankeit und ihre Nachfolgerinnen Ulrike Witt und Dagmar Freudenberg schafften die Überleitung in das heute arbeitende mittlere Unternehmen AWO und tragen die neue Struktur einer gemeinnützigen GmbH. 

Der Geschäftsführer Michael Bonder hat mit seinen Mitarbeitern nicht nur die Organisation Trialog mit einem schönen Haus an der Kiesseestraße und die Kinderbetreuung in Krippen ausgebaut. 

Mit anderen Wohlfahrtsverbänden wurde die Bonveno gGmbH zur Betreuung von Flüchtlingsunterkünften zum Erfolg geführt. Die AWO arbeitet zurzeit an der Einrichtung eines Inklusionsbetriebes im „Haus der Nationen“ in Hann. 

Münden und die Anpassung der Aufgaben an die neuen Vorschriften des Bundesteilhabegesetzes, das eine Individualisierung der sozialen Hilfen fördert. Dabei unterstützt ihn auch der 2018 erfolgte mutige Schritt, in moderne und funktionstüchtige Räume an die Jutta-Limbach-Straße umzuziehen. Der AWO geht die Arbeit auch in den nächsten 100 Jahren nicht aus.

VON GÜNTER BLÜMEL

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