Arbeitsagentur sucht im Lager Friedland nach Flüchtlingen mit Diplom

Sprechen mit den Flüchtlingen: Jennifer Schabram und Arne Zagorski von der Göttinger Agentur für Arbeit. Foto: Schlegel

Friedland. Im Grenzdurchgangslager in Friedland gibt es inzwischen eine eigene Anlaufstelle der Agentur für Arbeit. Die zwei Berater suchen nach Asylbewerbern, die schnell in den Arbeitsmarkt integrierbar sind.

Beraterin Jennifer Schabram (32) hatte in dieser Woche erneut eine spannende Begegnung. Sie traf beim Gespräch auf eine afghanische Ärztin, die zwölf Jahre Berufserfahrung als Gynäkologin mitbrachte. „Sie hat super Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt.“ Wenn die Sprachkenntnisse ausreichend sind und die Anerkennung erfolgreich war, kann sie bald in einer deutschen Klinik arbeiten, so die Einschätzung.

In der Woche werden etwa 35 Asylbewerber über ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt beraten. Etwa 90 Prozent der Ratsuchenden haben eine akademische Ausbildung, darunter sind viele Ingenieure und Ärzte, die in Deutschland gesucht werden. Gerade viele der jungen Asylsuchenden haben eine Universitätsausbildung, so die Erfahrung von Berater Arne Zagorski (56).

Damit die Gespräche optimal laufen können, sind immer Dolmetscher vor Ort. Hilfe gibt es bei folgenden Sprachen: Arabisch, Tigrinya (Eritrea), Urdu (Pakistan), Dari und Paschtunisch (Afghanistan) sowie Kurdisch (Irak und Syrien). Ob Asylbewerber eine Arbeit gefunden haben, darüber gibt es derzeit noch keine Rückmeldungen. Schließlich läuft das neue Angebot erst zwei Monate. „Wir hoffen, dass wir demnächst die ersten positiven Meldungen bekommen“, sagt Schabram.

Mit der Erhebung der Vorbildung und der Fähigkeiten bereits bei der Registrierung der Flüchtlinge werde frühzeitig die Grundlage für berufliche Integration geschaffen, betont der Pressesprecher der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hannover, Stefan Noort. Hier habe es in den vergangenen Monaten in Niedersachsen Fortschritte gegeben, das sollte Standard werden.

Bevor Flüchtlinge im Lager Friedland Kontakt zur Arbeitsagentur haben, sprechen sie in der Regel mit dem Sozialdienst des Grenzdurchgangslagers.

Wenn dort eine hohe Chance auf einen positiven Entscheid über das Asylverfahren sowie eine interessante berufliche Vorbildung erkannt wird, so vermittelt der Sozialdienst einen Termin bei der Arbeitsagentur im Lager.

Das neue Angebot für Flüchtlinge besteht seit dem 1. Juli. Es wird in Friedland sowie den weiteren Erstaufnahmeeinrichtungen in Braunschweig, Osnabrück und Bramsche angeboten. Das Projekt, das in Kooperation mit dem Wirtschaftsministerium des Landes läuft, ist zunächst bis Ende 2016 befristet.

Beraterin Schabram hat festgestellt, dass alle Flüchtlinge Lust auf eine Arbeit in Deutschland haben. „Sie sind hoch motiviert und dankbar für jede Chance. Die Flüchtlinge sind dankbar, dass wir zuhören und sie wertschätzen“, sagt Schabram.

Die beiden Berater nehmen noch in Friedland die Daten der Flüchtlinge auf. Wenn die Asylbewerber später in den Kommunen sind, können die dortigen Mitarbeiter der Agentur für Arbeit sofort auf die Daten zugreifen. „Das ist wie ein kleiner Lebenslauf“, sagt Arne Zagorski.

Klaus-Dieter Gläser: Chancen für Flüchtlinge

Flüchtlinge sind eine Bereicherung für den deutschen Arbeitsmarkt, sagt Klaus-Dieter Gläser (59). Dazu fünf Fragen an den Göttinger Leiter der Agentur für Arbeit.

Warum hat die Agentur für Arbeit ein eigenes Büro im Lager Friedland?

Gläser: Als Agentur für Arbeit haben wir ein hohes Interesse, das Potenzial für den Arbeitsmarkt zu erschließen. Ohne Zuwanderung können wir den Fachkräftemangel nicht decken.

Sehen Sie Chancen, konkret Arbeitskräfte zu gewinnen?

Gläser: Ja, vor allem im Bereich der Fachkräfte bestehen Chancen für Flüchtlinge - insbesondere bei Akademikern und anderen gut ausgebildeten Migranten.

Wo sind die Möglichkeiten, einen Job zu finden, für Asylbewerber besonders gut?

Gläser: Einen hohen Bedarf haben wird mit Blick auf den demographischen Wandel im Bereich der Gesundheits- und Pflegeberufe. Aber auch bei technischen Berufen sowie im Hotel- und Gaststättenbereich sowie in vielen Handwerksberufen sind gute Aussichten für Asylbewerber da.

Was muss passieren, damit die Integration auf dem deutschen Arbeitsmarkt klappt?

Gläser: Der Schlüssel ist die Sprache. Deshalb brauchen wir schnell mehr Sprachkurse. Außerdem müssen zügig die im Ausland erworbenen Fachkenntnisse anerkannt werden.

Was tut die Agentur für Arbeit dafür?

Gläser: Wenn Qualifikationen fehlen, versuchen wir diese über Kurse zu vermitteln.

Wie schnell können Flüchtlinge bei uns arbeiten?

Gläser: Bereits nach drei Monaten können Flüchtlinge unabhängig von ihrem Status in Deutschland arbeiten. Es gibt eine Einschränkung: Solange das Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist, muss geprüft werden, ob andere bevorrechtige Deutsche oder EU-Ausländer auf die freie Arbeitsstelle vermittelt werden können.

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