Mit der Eisscholle zum Nordpol

Die fantastische Forschungsreise der „Polarstern“ in die Arktis – Montag im TV

Expedition der Polarstern zum Nordpol - Doku im ZDF
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Festgefroren im Drift zum Nordpol: Die „Polarstern“ begab sich auf eine 300-tägige Forschungsreise in die Arktis, dockte an einer Eisscholle an, fror ein. Die Wissenschaftler bauten eine Stadt auf dem Eis auf.

Es war eine spannende Forschungsreise mit der Polarstern in die Arktis. Der Leiter der Expedition berichtet in einem Buch über die Reise. Die ARD zeigt am Montag eine Doku.

Göttingen - Der Bug schneidet sich mit zehn Knoten Geschwindigkeit in die Eisfläche. Die Motoren stoppen. Das Schiff steckt fest. Die „Polarstern“ friert ein. Das Schiff, die 60 Wissenschaftler und Techniker an Bord haben am 4. Oktober 2019 den eigentlichen Startpunkt der fantastischen Forschungsreise erreicht: „ihre“ Eisscholle.

Ab da ist nur noch Drift dank Wind und Strömung, gesteuert von der Natur. Die „Polarstern“ geht mit der damals 3,5 mal 2,5 Kilometer großen Eisfläche auf gemächliche Reise – auch zum Nordpol, die nach 389 Tagen in Bremerhaven am 12. Oktober 2020 enden sollte.

Gut zwei Wochen danach steht Markus Rex, der Leiter der Expedition Mosaic, anlässlich des Literaturherbstes für seinen Vortrag weder auf eisigem, noch wackligem Boden, sondern auf historischem: in der Paulinerkirche Göttingen. Markus Rex ist zurück aus dem Eiskosmos, nun in einer Welt, die in der Zwischenzeit eine andere geworden ist. „Wir mussten uns nun in einer Welt mit Corona erst einmal zurechtfinden“, sagt Rex, der aber von der „größten Arktis-Expedition aller Zeiten“, einer historischen Mission berichtet. Er hat faszinierende Fotos mitgebracht und sagt: „Ich bin gedanklich noch im Eis.“

Forschungsschiff Polarstern: Arktisist das Epizentrum der Klimaerwärmung

Also erzählt Rex, wie das früher gewesen sein muss, als Fridjof Nansen zurück nach Norwegen kam, nachdem er seine „Fram“ von 1893 bis 1896 ebenfalls ins Eis manövriert hatte, um den Arktis-Drift zu erforschen. Nansen wurde zum Vorbild für viele Forscher und Abenteurer – auch für Markus Rex, der „seine“ Expedition auf die Beine gestellt hat, um den Klimawandel zu erforschen. Warum aber in der Arktis? „Weil sich hier die Klimaerwärmung so schnell und stark wie nirgendwo sonst auf der Welt vollzieht. Die Arktis ist das Epizentrum der Klimaerwärmung.“ Aber man verstehe das Geschehen dort am wenigsten. „Weil wir die Prozesse dort noch nie im Winter untersuchen konnten – wir kamen nicht hin.“

Der Aufwand dafür ist immens: 140 Millionen Euro, sieben beteiligte Schiffe, 450 Menschen aus 37 Nationen. Sie alle eint ein Ziel, dem „Klimasystem der Zentralarktis die Geheimnisse zu entreißen“. Sie wollen wissen, wie Meereis wächst und schmilzt, setzen auch Mini-U-Boote ein, lassen Ballons in den Himmel steigen. Nach dem Festfrieren an der Scholle begann die Crew, gekleidet in knallroten Polaranzügen, mit dem Ausladen der 100-Tonnen-Ausrüstung: Um die „Polarstern“ entstand ein Camp mit vier „Städten“ samt Hütten, Geräten, Instrumenten, Eislöchern, Ballon-Airport, 30-Meter-Turm und markierte Straßen zwischen den „Citys“. Mit dabei auch Schneeforscher David Wagner aus Söhrewald im Kreis Kassel.

Markus Rex, Leiter der Expedition Mosaic auf der Polarstern.

Markus Rex spricht klar und schnell, die 300-Tage laufen gerafft in 55 Minuten an den Zuhörern vorbei. Unaufgeregt schildert er die Treffen mit Eisbären, oder wie die mit Gewehren und Signalpistolen bewaffneten Wachen Ausschau nach den „wunderbaren Tieren“ hielten, oder die Forscher zum raschen Rückzug aufs Schiff riefen. Dort war es eng, das Alltagsleben bestimmt von der Arbeit, vom Essen, von Sport und Gesprächen. Rex schwärmt „von dem bunten Haufen aus vielen Nationen“, der „wunderbaren Stimmung“ an Bord und von Partys, „die aber nie ausuferten, weil alle an den nächsten Morgen, den Arbeitstag in der Dauerdunkelheit dachten.“

Aber es könnte die letzte große Arktis-Expedition dieser Art gewesen sein. Sie endete mit dem Schmelzen der Scholle. Ein Omen? Befürchtungen kann auch Rex nicht zerstreuen, im Gegenteil: Er schildert, dass er heute bei Expeditionen dort mit dem Boot fahre, wo er vor 20 Jahren mit Ski unterwegs war. Dramatische Veränderungen seien das, „die befürchten lassen, dass wir die letzte Generation sind, die eine von Eis bedeckte Arktis erleben kann“. Nur ein schnelles, massives Handeln könnte helfen, sagt Markus Rex, den die Reise auf der Eisscholle geprägt hat: „Wir sind alle etwas verändert von der Reise zurückgekommen – mit Eindrücken, die nachdenklich gemacht haben, wenn man weiß, dass man auf Eis steht, was in einigen Jahrzehnten vielleicht nicht mehr da sein wird“, sagt Rex auf Nachfrage unserer Zeitung. Und Rex zitiert Fridjof Nansen: „Seit Jahrtausenden liegt dieser weiße unbewegliche Eis-Horizont da – und er wird auch noch in Jahrtausenden so unbeweglich da liegen. Das sagte er an einem Ort, wo heute kein Eis mehr ist.“ (Thomas Kopietz)

Am Montag, 16.11.2020, ist die TV-Reportage „Expedition Arktis“ über das Forschungsschiff Polarstern um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen.

Buch zum Forschungsabeteur in der Arktis

Markus Rex: „Eingefroren am Nordpol“, C. Bertelsmann, 320 S., 28 Euro. Hörbuch-Download 21,95 Euro.

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