Mark Zurmühle verabschiedet vom DT in Göttingen mit „Ay! Ay! Carmencita!“

Umkreisen sich im Tischgeviert, das die Bühne ist: Marie-Kristien Heger (links) und Angelika Fornell, die beide die Carmen spielen, mit weiteren Ensemblemitgliedern. Foto:  Thomas Müller
+
Umkreisen sich im Tischgeviert, das die Bühne ist: Marie-Kristien Heger (links) und Angelika Fornell, die beide die Carmen spielen, mit weiteren Ensemblemitgliedern. Foto:  Thomas Müller

Göttingen. Ein Galafeuerwerk abbrennen oder still die Tür hinter sich schließen? Es ist schwierig, sich nach 15 Jahren als Intendant von seinem Publikum zu verabschieden. Mark Zurmühle hat als letzte Inszenierung in dieser Funktion am Deutschen Theater in Göttingen einen anderen Weg gewählt.

Seine Abschiedsproduktion „Ay! Ay! Carmencita!“ ist wie eine Art Zusammenfassung. Ein Leitfaden durch seine Art und Weise, Theater, Stadttheater, zu machen.

Er inszeniert „Carmen“, zeigt den Stoff im Großen und Ganzen so, wie ihn auch George Bizet in seiner Oper verwendet. Zurmühle entwickelt aus der Novelle von Prosper Mérimée (1845) ein Bühnenerlebnis, das einiges von dem zeigt, wofür seine Indendanz steht: starke Bilder und eine große Lust, auf der Bühne Menschheitsfragen zu erforschen. Die Premiere in einem ausverkauften Saal der Göttinger Lokhalle ist am Donnerstagabend lang beklatscht worden.

Die Inszenierung beginnt bereits im Vorraum, wo beleuchtete Garderobenspiegel mit liebevoll arrangierten Schminkutensilien und „Toi toi toi“-Zettelchen aufgebaut sind. Von da aus geht es zum Saal, wo die Zuschauer um ein Karree aus Tischen sitzen, in dem gespielt wird. Es entsteht eine Arena, die Spieler werden von allen Seiten beobachtet. Diese Einrichtung ist exemplarisch für Zurmühle und Bühnenbildnerin Eleonore Bircher: Kraftvolle, poetische Bilder schaffen, in die man eintauchen möchte – und zugleich zeigen, dass Theater etwas Gemachtes ist, in jedem Moment erst neu entsteht.

So geht es weiter: Erzähler sitzen an den Tischen und sprechen den Text der Novelle. Nach und nach schlüpfen sie in die Rollen. Michael Meichßner ist Prosper Mérimée, der Novellenautor. Die ganze Zeit schaut er dem Treiben aus der Bühnenmitte zu, verdoppelt also den beobachtenden Blick der Zuschauer.

Im Gespräch mit Don José (Andreas Jeßing) erfährt er dessen Geschichte mit der geheimnisvollen Carmen. Neben dem Betrachten wird auch das Erzählen verdoppelt. In den Spielszenen wird Carmen sogar vervierfacht, Marie-Kristien Heger, Gaby Dey, Angelika Fornell und Anja Schreiber sind Carmen. Abwechselnd mit Zigarre, Patronengurt, Ansteckrose, Rüschenrock (Kostüme: Ilka Kops). Einen weiteren Don José gibt es auch: Benjamin Krüger. Die Darsteller stehen für verschiedene Eigenschaften und Lebensalter der Figuren.

Fünf Männer und fünf Frauen (noch Karl Miller, Andreas Daniel Müller und Sarah Schermuly) erzählen von der exotischen Zigeunerin mit dem Freiheitsdrang und von ihrem Liebhaber Don José als szenischen Bilderbogen. Sie verwandeln sich mitten auf der Bühne, das Ganze behält bei aller optischen Eindringlichkeit einen gewissen Forschungs-Charakter, der für Zurmühles Team zum Theater gehört: Erkunden, was Menschsein ist. Mann und Frau sein. Lieben. Eifersüchtig sein.

Die Opernhits werden angesungen, die tolle Band unter Leitung von Albrecht Ziepert wechselt von Bizet zu Flamenco und Zigeunerjazz. Und der Torero schwingt sein rotes Tuch.

Viele Termine bis 25.7., Kartentelefon: 0551-496911

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.