Theater für Niedersachsen

Auf der anderen Seite des Zauns: "Deportation Cast" auf JT-Bühne

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Wollen wieder zurück nach Deutschland: Elvira (Carla Neddermeier) und ihre Mutter (Stella Lasaridou). Die Familie ist im Stück „Deportation Cast“ in den Kosovo abgeschoben worden“.

Göttingen. Das kratzt am Gewissen: Einfühlsam und drastisch zeigt der Jugendclub des Theater für Niedersachsen in "Deportation Cast" das Schicksal einer abgeschobenen Roma-Familie. 

An einem Gitter zappeln Schatten von Menschen, gesichterlose Wesen, die verzweifelt am Zaun rütteln und schreien. Wir alle kennen diese Bilder.

Mit solchen Anspielungen, raffinierter Ironie und viel Einsatz zeigte der Jugendclub des Theaters für Niedersachsen (TfN) ihre Version von „Deportation Cast“, die emotional sehr nahe geht. Das wurde im Publikumsgespräch im Anschluss deutlich.

Für das Stück haben die Jugendlichen ein Jahr lang improvisiert. Dafür erhielt die einstündige Inszenierung der jungen Theaterpädagogin und Schauspielerin Jenny Holzer den Theaterviruspreis 2016.

Zwischen dem Chor aus Wutbürgern und der Abschieberriege geht es um die Familie von Elvira und Egzon, die in den Kosovo abgeschoben wird.

Gewissenskonflikte

Aus verschiedenen Perspektiven erzählt Björn Bickers in seinem Stück „Deportation Cast“ die Konflikte der Familie. Die Abschiebung zieht Kreise bis hin zur Klassenlehrerin, die nicht weiß, wie sie ihrer Klasse erklären soll, dass plötzlich eine fehlt. Und bis zu Bruno, der sich in Elvira verliebt hat und entdeckt, dass sein Vater als Pilot fast selbst das Abschiebeflugzeug gesteuert hätte.

„Als wir in der Schule Europa durchgenommen haben (...) gab es Kosovo noch gar nicht auf der Karte. Und jetzt hängen wir hier.“ ( Elvira, Carla Neddermeier)

Die Kulisse schaffen sich die Spieler mit dem dreigeteilten Zaun auf Rollen und ausgekippten Müllsäcken selbst. Geschickt wird der Zaun immer wieder zur unüberwindbaren Grenze von Stigmatisierung und Gesetzen.

Die Schreie von Egzon (Rüya Gürcan), der in Erinnerung nicht von dem Brand im Haus loskommt, gehen unter die Haut. Fast möchte man sich die Ohren zuhalten oder das Programm wechseln wie im Fernsehen. Dem Jugendclub gelingt es, zu zeigen: Das ist real. Wir sehen es und verschließen doch die Augen.

Der Vater der Familie verschreibt sich der Flasche und Elvira geht anschaffen. Zwischen dem Schicksal der Familie berichten Protagonisten aus dem Abschieberteam in genöltem, gönnerhaftem Ton aus ihrem Alltag: der Arzt (Ahmad Samir Ghafuri) mit der Pilotenbrille, die Beobachterin im Leoparden-Mini (Nina Bosse) mit Lutscher im Mund und Glitzerstifelletten, der Anwalt (Philipp Steinmann) und die Sachbearbeiterin, großartig gespielt von Marlen Morelli, die ihre Brille putzt und zu Lounge-Musik wippt, während sie sich dumm grinsend und glucksend versichert, sie mache die Gesetze ja nicht, sie führe sie nur aus. Dazwischen: Parolen wie „Ich bin ja kein Nazi, aber...“ und Politikerzitate auf Zetteln, die zum Boden segeln.

Am Ende gab es von den knapp 30 Zuschauern beherzten Applaus.

Das TfN macht noch Station in Hannover und Hildesheim. DieFriedrich Naumann Stiftung für die Freiheit fördert die Tour, der Eintritt war frei.

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