INTERVIEW „Auf Dauer ist die Unsicherheit eine große Belastung“

Göttinger Psychotherapeutin Michaela Huber über die psychischen Folgen der Coronakrise

Michaela Huber, Göttinger Psychotherapeutin
+
Michaela Huber, Göttinger Psychotherapeutin

Die Covid-19-Erkrankung verursacht körperliche Beschwerden und kann zum Tod führen. Doch wie wirkt sie sich auf die psychische Gesundheit aus?

Göttingen – Darüber haben wir mit der Psychotherapeutin und Autorin Michaela Huber gesprochen.

Frau Huber, was macht die Angst vor dem Coronavirus mit den Menschen?

Ein Teil der Menschen hat Angst, angesteckt zu werden. Andere befürchten, dass man sie im Stich lässt. Viele meiden daher Kontakte oder haben Angst, zu Hause eingesperrt zu werden. Besonders bei Vorbelasteten kann das zu Einsamkeit und stärkeren psychischen Belastungen führen. Hinzu kommt, dass viele Unterstützungsmöglichkeiten weggebrochen sind. Bei Berufstätigen, deren Tätigkeit von der Coronakrise eingeschränkt ist, gibt es zusätzlich oft Existenzängste. Auf Dauer ist auch die Unsicherheit darüber, wie es mit der Krise weitergeht, eine große Belastung.

Welche Folgen hat es für Menschen, wenn sie Masken tragen und Abstände einhalten müssen?

Studien haben gezeigt, dass die Menschen besonders unter den Masken leiden, die früh im Leben Probleme mit Beziehungen hatten. Sie sehen in Menschen mit Masken keine richtigen Menschen. Für sie sind das nur zwei Augen. Außerdem leiden Menschen unter den Folgen des Abstandhaltens. Als soziale Wesen wollen wir auch körperlichen Kontakt zu anderen Menschen haben, doch der wird durch den Abstand unterbrochen.

Wie viele Menschen haben psychische Probleme aufgrund der Coronakrise und auch daraus resultierend in Zukunft?

Ein Drittel der Deutschen hat ohnehin einmal im Jahr eine psychische Krise, 30 Prozent leiden langfristig. Ich gehe davon aus, dass durch die Coronakrise zehn bis 15 Prozent psychische Folgeerkrankungen haben werden, die behandelt werden müssen.

Woran liegt es, dass einige Menschen wegen der Coronakrise leiden, andere aber gut damit zurechtkommen?

Das hängt vor allem von der psychischen Stabilität ab. Eine solche entsteht, wenn man in der Kindheit sichere Beziehungen hatte, zum Beispiel zu den Eltern. Wenn man jedoch viele Verluste erlebt hat, wird man instabiler. Zwar können Menschen über die Zeit stabiler werden, aber eine Krise kann das wieder aufbrechen. Dabei spielt es eine wichtige Rolle, wie viel Stress die Krise für jemanden bedeutet und wie viel Stress er schon vor der Krise hatte.

Was können Menschen tun, die psychisch unter der Coronakrise leiden?

Menschlichen Kontakt kann man über das Telefon und Videoanrufe halten. Letztendlich brauchen wir als soziale Wesen aber wieder den körperlichen Kontakt zueinander. Außerdem sollte man sich bewegen. Es gibt eine Spaltung zwischen Menschen, die die Corona-Regeln befolgen, und denen, die es nicht tun. Um damit fertig zu werden, muss jeder seinen eigenen Weg finden.

An welche Stellen können sich Betroffene wenden?

Es gibt Hotlines für verschiedene Gruppen, zum Beispiel Kinder und Frauen. Außerdem können sich Betroffene an Beratungsstellen, Ambulanzen und die Telefonseelsorge wenden. Auch Psychotherapeuten sind eine Möglichkeit. Zurzeit ist jedoch der Bedarf vor allem für dauerhafte Behandlungen so groß, dass wir dem kaum gerecht werden können.

Was hat es mit ihrem neuen Projekt, der Bundesarbeitsgemeinschaft für bedarfsgerechte Nothilfe (BAGbN), auf sich?

Wir richten uns an Menschen, die eine Behandlung brauchen, aber es nicht schaffen, selbstständig eine zu bekommen, zum Beispiel weil sie in ihrer Umgebung keine Psychotherapeuten finden. Außerdem helfen wir Menschen, aus Gewaltverhältnissen herauszukommen. Dazu sind wir in den sozialen Netzwerken erreichbar. Und wir wollen Lobbyarbeit machen, damit politisch Möglichkeiten geschaffen werden, den Bedarf an Psychotherapie zu decken. In den nächsten Wochen gründen wir dazu einen Verein, künftig soll eine Stiftung daraus werden. Eine 24-Stunden-Hotline ist als eines unserer ersten Projekte geplant. Foto: privat

Zur Person

Michaela Huber (68), geboren in München, wuchs dort und später in Düsseldorf auf. Sie studierte Psychologie in Düsseldorf und Münster. Ihre klinische Ausbildung machte sie unter anderem an der Universität Münster, bei der Milton-Erickson-Gesellschaft und am Eye-Movement-Desensitization-and-Reprocessing-Institut (EMDR-Institut). V

on 1978 bis 1983 war sie Redakteurin bei der Zeitschrift „Psychologie heute“. Seit 1989 hat sie sich mit einer Praxis in Kassel als Psychotherapeutin niedergelassen. 1998 hat sie das Zentrum für Psychotraumatologie Kassel mitgegründet. Seit der Gründung der deutschen Sektion der „International Society for the Study of Dissociation“ im Jahr 1995 ist sie deren Erste Vorsitzende. Die Gesellschaft wurde 2011 in „Deutsche Gesellschaft für Trauma und Dissoziation“ umbenannt. 

Sie ist Diplom-Psychologin, approbierte Psychologische Psychotherapeutin, Supervisorin, Ausbilderin und Autorin mehrerer Bücher. Sie wohnt in Göttingen, ist verheiratet und hat eine Tochter. 2008 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.