Vier bis fünf Millionen Setzlinge

Aufforstung im Harz und Solling: Neue Bäume für die Wälder

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Wichtige Aufgabe: Revierförster Thomas Deppe und seine Kollegen haben mit der Auffortsung in den landeseigenen Wäldern alle Hände voll zu tun.

Nach den schweren Wetter- und Umweltschäden der vergangenen drei Jahre ist der Baumbestand in den niedersächsischen Wäldern dramatisch zurückgegangen - vor allem im Harz und Solling. Die Forstämter pflanzen bis Mai nun Millionen von Setzlingen.

Wedemark-Resse – Links vom Waldweg östlich der Bundesstraße 6 taucht plötzlich ein forstliches Trümmerfeld auf. Äste über Äste, Wurzelballen und abgebrochene Baumstämme zeugen von den Herbst- und Winterstürmen der vergangenen drei Jahre.

„Im Herbst 2017 war der Boden nach dem vielen Regen total durchweicht; die Buchen trugen noch Laub und boten dem Wind viel Angriffsfläche“, berichtet Mathias Aßmann von den Niedersächsischen Landesforsten (NLF). „Schwupps, da lagen sie.“

Folgestürme wie Friederike, die beiden extremen Trockensommer 2018 und 2019 sowie die Borkenkäfer besorgten den Rest. Jetzt ragen hier und da noch ein paar einsame Fichten und Buchen in den blauen Himmel. Die Rettung rückt mit giftgrün-roten Arbeitsjacken, Spaten und einem Sack voller Setzlinge an. Die Forstwirte Gert Rüping, Milena Brünjes und ein Kollege pflanzen an diesem sonnigen Märztag junge Douglasien.

„Wir schaffen 60 bis 70 Stück pro Person und Stunde“, erklärt Revierförster Thomas Deppe. 2500 Exemplare sollen hier auf der gerade mal 0,8 Hektar großen Fläche hochwachsen. Vorwürfe, mit den aus Nordamerika stammenden Kieferngewächsen bringe man eine fremde Art in die deutschen Wälder und schaffe mit dem dominanten Baum nur wieder eine neue Monokultur, weist der Fachmann sofort zurück. „Die Buchen und Birken kommen von ganz allein dazu“. Die Douglasie passe sich hervorragend an und bilde den mit heimischen Bäumen eine robuste Mischung gegen die Herausforderungen des Klimawandels.

„Das hier ist nicht repräsentativ, absolut kein Vergleich zum Harz“, stellt NLV-Förster Aßmann klar. Von den 330 000 Hektar des landeseigenen Waldes, der 28 Prozent des niedersächsischen Gesamtbestandes ausmache, seien 10 000 Hektar hinüber. Unter den Folgen von Dürre, Stürmen und Käfern hätte vor allem Süd-Niedersachsen mit seinen großen Fichtenbeständen zu leiden, neben dem Harz auch der Solling und das Weserbergland.

Dort forciere man auch die Wiederaufforstung. Vier bis fünf Millionen Setzlinge sollen in der bis Mai laufenden Pflanzsaison in den Boden – die gleiche Größenordnung wie in den vergangenen Jahren. Angesichts der immensen Schäden sei eigentlich viel mehr nötig, aber nicht drin, sagt Aßmann und beschreibt das Hauptproblem. „Es gibt gar nicht so viele kleine Pflanzen auf dem Markt.“ Beim Baumnachwuchs konkurriere man zudem mit den Privateigentümern, denen etwa die Hälfte der 1,1 Millionen Hektar Gesamtwald gehört, sowie den anderen Waldeignern wie Kommunen, Klosterkammer und auch der Bundeswehr.

Über den Fachkräftemangel in der Forstwirtschaft mag der Landesförster nicht klagen. „Wir haben mehr Bewerber als ausgeschriebene Stellen.“ 100 neue Jobs vergebe der staatliche Arbeitgeber jährlich, darunter 40 für Förster und 20 für Forstwirte. Diese könnten auch alle besetzt werden. Dennoch kommen die NLF mit dem eigenen Personal auf den 1200 Vollzeitstellen nicht aus. In den Jahren 2018 und 2019 habe man jeweils 60 Millionen Euro für die Leistungen von privaten Lohnunternehmen ausgegeben – doppelt so viel wie in den Jahren zuvor.

Im Übrigen helfe man sich durch eine Abordnung aus dem von nur wenigen Schäden betroffenen Norden. „Im Süden haben wir derzeit so viele Leute im Wald wie seit Jahrzehnten nicht mehr“, sagt Aßmann. Für die Pflanztruppe von Forstwirt Rüping geht es demnächst ins Forstamt Riefensbeek beim Söse-Stausee östlich von Osterode.

Dort im Harz erwacht der Borkenkäfer bald wieder zu neuem Leben. Bei Temperaturen ab 16, 17 Grad wird der gefräßige Schädling aktiv und vermehrt sich im Höllentempo. Ein Weibchen kann laut Aßmann 100.000 Nachkommen erzeugen. „Da ist es wichtig, die erste Welle abzuschöpfen.“

Mit speziellen Netzfallen, die mit Insektiziden präpariert seien, rücke man dem Borkenkäfer zu Leibe. Das A und O sei es aber, befallene Fichten zu schlagen und sofort aus dem Wald zu bringen. „Die sind meist eh hin.“

Im Nationalpark führt die Natur Regie

In der Kernzone des Nationalparks Harz ist der Kampf gegen Borkenkäfer tabu. „Hier führt allein die Natur Regie“, betont Friedhart Knolle von der Parkverwaltung. Die braunen Fichten bei Torfhaus und am Brocken zeigten ein ungeschminktes Bild. Dass diese Baumart, die Kälte brauche, angesichts steigender Temperaturen verschwinde, sei ein ganz normaler Prozess. „Hier stirbt nicht der Wald, hier sterben Bäume.“ 

Rufe nach einer Wiederaufforstung widersprächen nicht nur der Idee und dem Gesetz des Nationalparks; sie seien auch unnötig. „Die Kernzone erholt sich ohne Pflanzungen von selbst.“ Knolle verweist auf den Quitschenberg an der Grenze zu Sachsen-Anhalt, der in den 90-er Jahren vom Borkenkäfer heimgesucht wurde. „Das ist heute ein quietschvergnügter Wald.“ 

Die Kernzone umfasst 60 Prozent der 24 700 Hektar des Nationalparks. Drumherum, in der Entwicklungszone, sind sanfte Eingriffe in die Natur und damit auch die Abwehr der Borkenkäfer erlaubt. Knolle spricht von „Hilfe zur Selbsthilfe“ für den Wald, von „Initialpflanzungen“ bestimmter Arten. „Den Rest macht die Natur von alleine“, sagt der Parkverwalter 

Dabei leidet die Parkverwaltung unter den gleichen Problemen wie die Landesforsten. „Der Markt für Pflanzgut ist abgegrast“, ert Knolle. Und die Personalausstattung sei auch nicht gerade üppig. „Deswegen sind wir dankbar für ehrenamtliche Hilfe.“ Das Engagement dafür ist hoch. Die vom Nationalpark alljährlich angebotenen Pflanztage für Freiwillige sind in diesem Frühjahr ausgebuch

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