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Träume, die aus Stoff gemacht sind: Ausbildung zur Schneiderin in Göttingen

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Von: Raphael Digiacomo

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Ausbildung zur Herrenschneiderin: Lehrling Mathilda Rocker (24, in schwarz) und Ausbildungsleiterin Nele Wachsmann (29, in beige) in der Herrenschneiderei des Deutschen Theaters in Göttingen.
Ausbildung zur Herrenschneiderin: Lehrling Mathilda Rocker (24, in schwarz) und Ausbildungsleiterin Nele Wachsmann (29, in beige) in der Herrenschneiderei des Deutschen Theaters in Göttingen. © Raphael Digiacomo

Mathilda Rocker wird Herrenschneiderin am Deutschen Theater in Göttingen. Über den Traditionsberuf des Schneiders und seine Perspektiven in der Zukunft.

Göttingen – Ritsch, ratsch, langsam teilt die Schere der Kreidespur folgend den Stoff. Mathilda Rocker fertigt gerade den Zuschnitt für eine Herrenweste an. Die hohe Konzentration, mit der die junge Frau am Werke ist, ist ihr anzusehen. Die 24-Jährige macht in der Herrenschneiderei am Deutschen Theater (DT) in Göttingen ihre Ausbildung zur Herrenschneiderin und ist in ihrem dritten und damit letzten Ausbildungsjahr.

Eine eher seltene Berufswahl in Zeiten von „Fast Fashion“ – sogenannter Wegwerf-Mode, die in zumeist geringer Qualität in Billiglohnländern produziert wird und jede Saison aufs Neue weltweit die Märkte überschwemmt.

Dann sucht Mathilda Rocker ein passendes Paar Stöckelschuhe aus dem Fundus aus.
Manchmal tragen auch Schauspieler und Sänger auf der Bühne Stöckelschuhe. Dann sucht Mathilda Rocker ihnen ein passendes Paar aus dem Fundus aus. © Raphael Digiacomo

Mathilda Rocker wird Herrenschneiderin am Deutschen Theater in Göttingen

„Ich wollte beruflich schon immer gerne etwas Praktisches machen“, erklärt Rocker. Da kam die Möglichkeit, die ihr die DT-Schneiderei bot, gerade recht. „Ich liebe an meinem Beruf zum einen das klassische Handwerk der Schneiderei mit all seinen Traditionen, aber auch die Möglichkeit, selbst kreativ und schöpferisch zu sein.“

Ausbilderin Nele Wachsmann (links) mit Nachwuchsschneiderin Mathilda Rocker in der Herrenschneiderei des Deutschen Theaters in Göttingen.
Ausbilderin Nele Wachsmann (links) mit Nachwuchsschneiderin Mathilda Rocker in der Herrenschneiderei des Deutschen Theaters in Göttingen. © Raphael Digiacomo

Die angehende Herrenschneiderin hat in ihrer Zwischenprüfung neben einem Theorieteil auch eine praktische Prüfung absolviert. Dafür hat sie eine Herrenhose geschneidert. Nun folgt im Sommer ihre Schlussprüfung, für die sie als Gesellenstück ein Herrenjackett komplett anfertigen wird.

Von der Stoffrolle bis hin zur finalen Anprobe: In einem tadellos sitzenden Jackett – der vielleicht höchste Ausdruck der Handwerkskunst – wird die Ausbildung gipfeln. Betreut wird sie während der gesamten Ausbildung von Gewandmeisterin Nele Wachsmann.

Schneiderberuf fordert vielfältige Kenntnisse und Fähigkeiten

„Der Beruf der Schneiderin ist spannend, da er Kenntnisse der Anatomie, der Mode und ihre Entwicklung bis hin zu Materialkunde fordert.“ Die 29-Jährige selbst hat im Rahmen ihrer Meisterausbildung in Hamburg auch historische Kleidungsstücke wie einen typisch schottischen Kilt angefertigt.

Mathilda Rocker (links) und Nele Wachsmann inspizieren ein Herrenjackett.
Mathilda Rocker (links) und Nele Wachsmann inspizieren ein Herrenjackett. © Raphael Digiacomo

Die Herrenschneiderei des DT fertigt neue Kostüme für Schauspieler und Sänger an, passt bestehende an ihre Träger an und führt den Fundus der Kleidungsstücke und Schuhe. „Im Alltag nähen wir nicht nur, wir pflegen den Fundus und das Lager, bestellen Materialien wie Stoffe und Knöpfe und bügeln viel“, erklärt Rocker. Erst nach der sogenannten Dressur, also wenn ein Stück richtig in Form gebügelt ist, sitze es perfekt.

„Die Welt der Mode ist im Wandel“, erklärt Wachsmann. Zur Zeit seien zwei konträre Tendenzen spürbar: Während viele Menschen ihre Kleidung zum Großteil immer öfter günstig bei großen Modehäusern und -ketten erwerben, wächst in der breiten Bevölkerung langsam auch ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit, Qualität und Tradition.

Maßschneiderei statt Fast Fashion: Rückbesinnung auf Qualität und Nachhaltigkeit

Gerade in der oftmals zunehmend umweltbewussten Jugend. „Letztlich muss sich jeder selbst die Frage stellen, ob man zu jeder Saison – nach der aktuellen Mode gehend – ein Mal komplett den Kleiderschrank ausmistet und sich neu einkleidet oder auf hochwertige, eventuell sogar maßgefertigte Kleidung setzt.“

Gewandmeisterin Nele Wachsmann zeigt Nachwuchsschneiderin Mathilda Rocker den korrekten Zuschnitt für eine Herrenweste.
Gewandmeisterin Nele Wachsmann zeigt Nachwuchsschneiderin Mathilda Rocker den korrekten Zuschnitt für eine Herrenweste. © Raphael Digiacomo

Diese halte in der Regel länger und sei gerade im Fall von maßgeschneiderten Stücken auch individuell personalisierbar und passe dementsprechend besser, habe durch den hohen Arbeitsaufwand allerdings auch ihren Preis.

Was Mathilda Rocker nach ihrer Ausbildung machen wird, wird sich erst noch zeigen. Fakt ist, dass die Zukunft der Maßschneiderei durch ihre Preise und Konkurrenz aus dem Internet eher nicht im Mainstream liegen dürfte. „Eine Stelle an einem Theater wäre toll, die sind aber ziemlich selten und sehr begehrt“, erklärt die Auszubildende.

Die beiden Schneiderinnen bei der sogenannten Dressur.
Bei der sogenannten Dressur wird ein Kleidungsstück in Form gebügelt. © Raphael Digiacomo

Im Moment erfreut sich die 24-Jährige noch der „guten Atmosphäre und dem spannenden Arbeitsalltag“, umgeben von Kostümen, Stoffen und Schuhen in allen denkbaren Farben, Größen und Formen. (Raphael Digiacomo)

Der Betrieb kultureller Einrichtung ist kostspielig ‒ und oft nicht ohne Fördermittel umsetzbar. So forderte die Stadt Göttingen im April 2022 mehr Geld vom Kultusministeriums des Landes Niedersachsen für Theater und Orchester. Im Deutschen Theater in Göttingen steht im Frühjahr 2022 auch der Klassiker „Ring der Nibelungen“ auf dem Plan.

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