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Ausbildungsmarkt: Firmen müssen um jeden jungen Kopf kämpfen

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Von: Bernd Schlegel

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Für Unternehmen in Südniedersachsen wird es immer schwerer, geeigneten Nachwuchs zu finden. Das geht aus der Bilanz des Ausbildungsjahres hervor.

Göttingen – Die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes im Süden von Niedersachsen: In diesem Jahr blieben in den Landkreisen Göttingen und Northeim 456 Lehrstellen unbesetzt – 118 mehr als im Vorjahr. Das besagt die Bilanz des Berufsberatungsjahres der Göttinger Agentur für Arbeit hervor.

Im Landkreis Göttingen konnten 342 Ausbildungsstellen (plus 84) nicht besetzt werden, im Landkreis Northeim sind es 114 (plus 34). Gleichzeitig kamen in diesem Jahr in Südniedersachsen auf 2057 (minus 131) gemeldete Bewerber immerhin 3081 gemeldete Lehrstellen (plus 140) – also etwa 1,5 Angebote je Bewerber.

Bilanz des Ausbildungsjahres: Viele Chancen für Bewerber in Südniedersachsen

Zogen die Bilanz des Ausbildungsjahres: (von links) Lorenz Böning von der Agentur für Arbeit, Prof. Dr. Günter Hirth, Abteilungsleiter Berufsbildung der IHK, Klaudia Silbermann, Chefin der Göttinger Arbeitsagentur, und Tobias Dunkel, Abteilungsleiter Berufliche Bildung der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen.
Zogen die Bilanz des Ausbildungsjahres: (von links) Lorenz Böning von der Agentur für Arbeit, Prof. Dr. Günter Hirth, Abteilungsleiter Berufsbildung der IHK, Klaudia Silbermann, Chefin der Göttinger Arbeitsagentur, und Tobias Dunkel, Abteilungsleiter Berufliche Bildung der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen. © Bernd Schlegel

„Es ist für Ausbildungssuchende eine Zeit der Chancen. Und für Ausbildungsbetriebe ist es eine Zeit der Herausforderungen“, bringt Klaudia Silbermann, Chefin der Göttinger Agentur für Arbeit, die aktuelle Situation auf den Punkt. Gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie der Handwerkskammer (HWK) Hildesheim-Südniedersachsen zog sie eine Bilanz des Ausbildungsjahres.

Die IHK schloss in Südniedersachsen 1539 (plus vier) Lehrverträge ab. Um 83 auf 677 Ausbildungsverträge ging die Zahl hingegen beim Handwerk zurück. In Bereich Göttingen sank die Zahl der Verträge um 38 auf 470 zurück. Im Bereich Northeim sank diese Zahl sogar um 45 auf 207.

„Der Ausbildungsmarkt entwickelt sich seit einigen Jahren immer stärker zum Bewerbermarkt, da Fachkräfte rar sind und für Betriebe die Nachwuchsgewinnung kontinuierlich an Bedeutung gewinnt“, so Silbermann. Gleichzeitig treffe ein steigendes Angebot von Ausbildungsstellen auf rückläufiges Bewerberinteresse.

Deshalb könnten Ausbildungsinteressierte wählerisch sein, weil es für sie auch andere Optionen gibt. Zu diesen Alternativen zählt Agenturchefin Silbermann ein duales Studium (zum Beispiel im öffentlichen Dienst), eine schulische Ausbildung, einen Freiwilligendienst, einen weiterführenden Schulbesuch oder auch eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ohne Ausbildung.

Ausbildungsmarkt Südniedersachsen: Kampf um die Köpfe

Die sinkenden Bewerberzahlen verschärfen den Wettbewerb um talentierte Nachwuchskräfte. Das machte Klaudia Silbermann, Chefin der Göttinger Agentur für Arbeit, bei der Vorstellung der Bilanz des Ausbildungsjahres deutlich.

Die Entwicklung zeigt, wie wichtig es ist, dass kein Jugendlicher am Übergang von der Schule in den Beruf verloren geht.

Klaudia Silbermann

Dabei gehe es längst nicht mehr nur um die besten Köpfe. Viele Betriebe erhalten inzwischen kaum noch Bewerbungen. „Diese Entwicklung zeigt, wie wichtig es ist, dass wir uns um jeden einzelnen jungen Menschen bemühen und dass kein Jugendlicher am Übergang von der Schule in den Beruf verloren geht“, so Silbermann.

Sie appelliert deshalb an die Betriebe, auch motivierten Bewerberinnen und Bewerbern eine Chance zu geben, die nicht auf den ersten Blick überzeugen können. „Als Arbeitsagentur können wird die Ausbildung mit unterstützenden Maßnahmen flankieren“, machte die Arbeitsmarktexpertin deutlich.

Zahlreiche offene Lehrstellen bei den Banken

Wie stark sich die Lage verändert hat, zeigt ein konkretes Beispiel: So blieben in diesem Jahr in den Landkreisen Göttingen und Northeim zwölf Ausbildungsplätze bei Banken unbesetzt. Das war vor einigen Jahren praktisch noch undenkbar. Zwei Faktoren hob Silbermann hervor, die aus ihrer Sicht besonders für Probleme auf dem Ausbildungsmarkt sorgen.

Neben der demografischen Entwicklung ist dies vor allem der zunehmende Trend zum (Fach-)Abitur und in der Folge das große Interesse an einem Studium. Laut Silbermann erscheint vielen nach dem Abitur ein Studium als zwangsläufige berufliche Konsequenz. Das liegt nach ihren Erfahrungen zum Teil auch daran, dass es noch nicht gut genug gelungen sei, die guten Karriere- und Verdienstmöglichkeiten in vielen Ausbildungsberufen herauszustellen.

Dass ein Studium nicht zwangsläufig für jeden der Königsweg ist, zeigt sich nach Ansicht der Agenturchefin auch daran, dass rund ein Drittel aller Studierenden ihre akademische Ausbildung abbrechen.

Genau an diesem Punkt setzen auch die Bemühungen von Agentur für Arbeit, IHK und Handwerk an. Sie sprechen inzwischen gezielt diese Studienabbrecher an. So bietet die Arbeitsagentur einmal pro Woche eine Sprechstunde auf den Zentralcampus in Göttingen an.

Markt ist noch in Bewegung

Prof. Dr. Günter Hirth, Abteilungsleiter Berufsbildung bei der Industrie- und Handelskammer Hannover sieht mit Blick auf die Situation auf dem Bewerbermarkt Chancen bei Ungelernten. Etwa jeder Siebte eines Jahrgangs verzichtet gänzlich auf eine berufliche Ausbildung. Dies biete Potenzial. Gleichzeitig zeigte er sich davon überzeugt, dass bis zum Jahresende noch einige Ausbildungsverträge im Bereich der IHK abgeschlossen werden.

„Denn aus nach dem Start der Ausbildung ist immer noch Bewegung im Markt“, so Hirth. Der Zug sei noch nicht gänzlich abgefahren. Mit Blick auf das Handwerk sagte Tobias Dunkel, Abteilungsleiter Berufliche Bildung bei der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen: „Von betrieblicher Seite tragen auch die hohen Energiekosten dazu bei, dass Handwerksunternehmen zurückhaltend bei der Besetzung neuer Stellen engagieren.“

Im vergangenen Jahr half zudem die landesseitige Unterstützung für Ausbildungsbetriebe. Bei dieser Prämie haben Betriebe mit bis zu zehn Beschäftigten beispielsweise eine einmalige Pauschale von 4.000 Euro für Besetzung von mindestens einem Ausbildungsplatz erhalten. (Bernd Schlegel)

Junge Männer streben Lehre in Autobranche an

Das Auto übt auf junge Männer weiter eine hohe Faszination aus. Das zeigt sich in den Berufswünschen. Ganz oben auf der Liste steht der „Kfz-Mechatroniker – Pkw-Technik“, gefolgt vom Kaufmann im Einzelhandel und dem Kaufmann im Büromanagement. Bei den jungen Frauen wollen sie besonders viele für den Beruf der Medizinischen Fachangestellten entscheiden. Auf den Pätzen zwei und drei folgen die Kauffrau im Büromanagement und die Kauffrau im Einzelhandel. (bsc)

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