Buch im Wallstein-Verlag erschienen

Auschwitz-Überlebende Ruth Klüger: Rettung durch eine Lüge

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Kämpft gegen das Vergessen: Ruth Klüger. In ihren Büchern hat sie ihre Erinnerungen an die NS-Zeit verarbeitet.

Göttingen. Zeitzeugen des Holocaust werden weniger. Eine davon ist Ruth Klüger, ehemalige Gastprofessorin der Universität Göttingen, die am Sonntag ihren 85. Geburtstag feiert.

Ihre Rettung aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau bezeichnet sie als Zufall. Basis der Rettung war auch ein Lüge: Als sie sich 1944 mit zwölf Jahren in Auschwitz für die Selektion anstellte, gab ihr eine Frau den Rat, sich als 15-Jährige auszugeben. Sie tat es und überlebte.

Ihre Erfahrungen im Konzentrationslager verarbeitete die Germanistin in Vorträgen und durch das Schreiben der Autobiografie „Weiter leben. Eine Jugend“. Die erschien 1992 im just 30 Jahre alt gewordenen Göttinger Wallstein Verlag, für den das Buch ein Meilenstein war, als erstes literarisches Buch und als erster Bestseller mit mehr als 450.000 verkauften Exemplaren.

Früh hatte Klüger, Tochter eines jüdischen Gynäkologen in Wien den Antisemitismus gespürt. Mit elf Jahren wurde sie 1942 mit ihrer Mutter ins KZ Theresienstadt deportiert, weiter nach Auschwitz gebracht und schließlich ins Arbeitslager Christianstadt. Ihr Vater floh nach Frankreich, er und ihr Halbbruder wurden Opfer der Judenvernichtung. Sie und ihre Mutter konnten kurz vor Ende des Krieges auf einem Todesmarsch fliehen.

„Ich habe den Verstand nicht verloren, ich habe Reime gemacht“, darauf beharrt sie stets, wenn man sie fragt, wie sie die Konzentrationslager überlebt habe. Die Sprache der Lyrik gab ihr Halt, Gedichte wurden zu ihrer Überlebensstrategie.

Nach dem Krieg machte sie im bayerischen Straubing das Notabitur und nahm mit 15 Jahren ein Studium an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Regensburg an, wo sie den Studienfreund Martin Walser traf. Walser taucht in ihrer Autobiografie in der Figur des Christoph auf.

Nach dem Krieg hat es Ruth Klüger nicht lange in Deutschland ausgehalten. 1947 immigrierte sie in die Vereinigten Staaten, studierte in New York Bibliothekswissenschaften und im kalifornischen Berkeley Germanistik und promovierte später.

Mehr als 40 Jahre nach ihrer Auswanderung kehrte Klüger 1988 nach Deutschland als Gastprofessorin der Georg-August-Universität Göttingen zurück. Sie lebte so beidseits des Atlantiks, in Irvine und Göttingen. Ihren Göttinger Freunden widmete sie 1992 ihre Erinnerungen an ihre Jugend im Nationalsozialismus in der ersten Autobiografie „Weiter leben“. Sie ist Trägerin der Ehrenmedaille der Stadt Göttingen.

Am 27. Januar 2016 hielt Klüger in der Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag die Gedenkrede, schilderte ihre Erlebnisse als Zwangsarbeiterin. Am Ende der Rede lobte sie die Öffnung der deutschen Grenzen in der Flüchtlingskrise und bezeichnete Angela Merkels Satz "Wir schaffen das“ als „heroisch“.

Zur Person

Ruth Klüger wurde am 30. Oktober 1931 in Wien als Tochter eines jüdischen Frauenarztes und mit dem Namen Susanne Klüger geboren. Sie selbst änderte den Namen in Ruth. Nach dem Überleben in Konzentrations- und Arbeitslagern ging Klüber 1947 zum Studium in die USA, wo sie den Historiker Werner Angress heiratete, zwei Kinder bekam und 1967 nach der Scheidung über die „Lyrik des Barock“ promovierte. 1980 übernahm sie einen Lehrstuhl für Germanistik an der Princeton University, 1986 folgte sie dem Ruf an die University of California in Irvine. 1988 folgte dazu die Gastprofessur in Göttingen, wo sie heute Ehrendoktorin ist. Wichtige Bücher der vielfach preisgekrönten Autorin sind neben der Autobiografie auch der Essayband „Katastrophen“, „Frauen lesen anders“ mit feministischen Vorträge und Aufsätze sowie ihr zweites Erinnerungsbuch aus 1988 mit dem Titel „Unterwegs verloren“. Klüger ist Trägerin des Bundesvierdienstkreuzes erster Klasse und vielfach ausgezeichnete Autorin.

Wie Klügers Buch zu Wallstein kam

Um den Vorgang, wie “Weiter leben. Eine Jugend” in den Wallstein Verlag kam, ranken sich gelegentlich Gerüchte. Wie es war, erzählt Verlagsmitgründer und Geschäftsführer Thedel von Wallmoden.

Ruth Klüger war 1988/1989 Gastprofessorin und Leiterin des Kalifornischen Studienzentrums in Göttingen. Sie war als Germanistin ständiger Gast im Doktorandenkolloquium von Prof. Albrecht Schöne. Dort lernten sich die Ruth Klüger und Thedel von Wallmoden kennen. Und diesem Kreis von Personen aus dem Kolloquium tauchten später auch im Buch auf: „Die jungen deutschen Kolleginnen und Kollegen, mit denen die Erzählerin im Buch spricht, sind im Wesentlichen aus diesem Kreis.“

1989 passiert ein Unfall, der schließlich Anschub für das Buchprojekt werden sollte: Ruth Klüger wurde unglücklich von einem Fahrradfahrer angestoßen, stürzte schwer, kam verletzt ins Krankenhaus und begann noch dort mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen.

„Das Manuskript wurde von vielen Freunden aus ihrem Umfeld, so auch von mir, gelesen und intensiv besprochen“, blickt von Wallmoden zurück. Der Jungverleger, sein Verlag war gerade einmal drei Jahre alt, fragte deshalb nach: „Ich habe ihr gesagt, dass ich das Buch sehr gerne im damals noch in den Anfängen steckenden Wallstein Verlag herausbringen würde.“

Woraufhin Ruth Klüger sagte, dass ihr das im Prinzip gefallen würde. Allerdings sei es schon durch einen alten Freund einem anderen Verlag angeboten worden. Diese Entscheidung wolle und müsse sie zunächst abwarten.

Der alte Studienfreund war kein Geringerer als Martin Walser, der Verlag war Suhrkamp. Aber die Entscheidung dort zog sich etwas hin und Ruth Klüger schrieb einen Brief oder eine Postkarte und erkundigte sich nach dem Stand der Dinge.

„Daraufhin erhielt sie einen Absagebrief des Verlegers Siegfried Unseld und wir konnten den Vertrag schließen, ein Glücksfall“, erzählt Thedel von Wallmoden, der auch noch mit einer Anekdote Schluss macht: „Es stimmt jedenfalls nicht, wie manchmal erzählt wird, dass das Manuskript von mehreren oder gar von vielen Verlagen abgelehnt worden sei, bevor Wallstein es angenommen habe.“ 

Kontakt:  Wallstein Verlag, Geiststraße 11, 37073 Göttingen, Tel. 0551/548980.

www.wallstein-verlag.de

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