Als der Sonnabend rot wurde

Städtisches Museum zeigt Facetten und Folgen der Novemberrevolution in Göttingen

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Führung durch die Ausstellung zur Novemberrevolution in Göttingen: Historiker Dr. Rainer Driever zeigt Originalstücke aus dem Jahr 1918.

Göttingen – 2018 jährte sich die Novemberrevolution zum 100. Mal. Grund genug für das Städtische Museum in Göttingen, einen Blick auf die damaligen Ereignisse in der Uni-Stadt zu werfen.

Unter dem Titel „Der rote Sonnabend. Facetten und Folgen der Novemberrevolution 1918 in Göttingen“ eröffnet am Samstag, 19. Januar, eine Ausstellung, in der die Zeit zwischen 1918 und dem Kapp-Putsch 1920 dargestellt wird.

„Der Erste Weltkrieg spielt im kollektiven Gedächtnis in Deutschland eine nicht so große Rolle wie in England oder Frankreich“, sagt Museumsleiter Dr. Ernst Böhme. Die Folgen von 1918 würden fast immer nur im Zusammenhang mit dem späteren Nationanalsozialismus gesehen und beurteilt. „Das war bei den Zeitgenossen natürlich ganz anders“, so Böhme. Und genau dieser zeitgenössische Blickwinkel soll in der Ausstellung betont werden.

Das gelingt vor allem durch sogennannte „Augenzeugeninterviews“, die der damalige Lehrer am Felix-Klein-Gymnasium, Ulrich Popplow, 1975 mit Zeitzeugen geführt hat. Dabei kommen Göttinger der unterschiedlichsten gesellschaftlichen und politischen Strömungen zu Wort, unter anderem ein kommunistischer Matrose, der am Matrosenaufstand beteiligt war, aber auch Menschen, die dem reaktionären Lager zuzurechnen waren.

Kuratorin Simone Hübner erläutert, dass die Forschungslage über die dargestellte Zeit in Göttingen sehr gut sei. „Es war unmöglich, das Thema komplett abzubilden. Deshalb haben wir die Ausstellung auch ‘Facetten und Folgen’ genannt.“ Aufgrund des begrenzten Platzangebots im Städtischen Museum haben die Verantwortlichen aus der Not eine Tugend gemacht: So gibt es an verschiedenen Stellen Tablets, an denen sich die Besucher zusätzliche Informationen holen können. An einigen Stationen gibt es Schubladen, in denen weitere Original-Exponate zu sehen sind. Auch Drehwände helfen dabei, möglichst viele Informationen auf relativ engem Raum wiederzugeben.

Thematisch beginnt die Ausstellung mit dem Kriegsende. Hier spielte auch in Göttingen der Mangel eine große Rolle, Hunger, Kälte und Wohnungsnot grassierten. Der Rückblick auf den Krieg nimmt nur einen kleinen Teil der Ausstellung ein, Hunger und Wohnungsnot sollten die Göttinger aber auch in den folgenden Monaten beschäftigen, vor allem als die Kriegsgefangenen zurückkehrten.

Es ist aber nicht alles schlecht in dieser Zeit. Im November 1918 bricht zwar eine Welt zusammen, dafür entsteht eine neue. So sei es den Verantwortlichen auch darum gegangen, welche Aspekte aus damaliger Perspektive positiv zu bewerten sind, erklärt Hübner. Soziale Errungenschaften (Achtstundentag, Frauenwahlrecht) oder die gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen – Stichwort „Roaring Twenties“ –, die es auch in Göttingen gab, sind mit einer gelben Markierung gekennzeichnet. Besonders im Mittelpunkt steht in diesem Zusammenhang das Frauenwahlrecht. Dieses Thema wird im Seminarraum räumlich abgetrennt vom Rest der Ausstellung dargestellt.

Insgesamt bietet der Gang durch das Städtische Museum einen vielschichtigen Überblick über die Ereignisse der Novemberrevolution und ihrer Folgen in Göttingen. Dabei wird aber auch klar, dass die Gesellschaft der Uni-Stadt damals wesentlich reaktionärer war, als es heute der Fall ist.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 7. Juli.

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