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Ausstellung in Galerie: Göttinger Filme zogen in die Welt

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Von: Thomas Kopietz

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Internationale Plakate zu Göttinger Spielfilmen: Sven Schreivogel (rechts) und Alexander Siebrecht präsentieren in der Galerie Alte Feuerwache eine mit Florian Quanz zusammen gestaltete Schau.
Internationale Plakate zu Göttinger Spielfilmen: Sven Schreivogel (rechts) und Alexander Siebrecht präsentieren in der Galerie Alte Feuerwache eine mit Florian Quanz zusammen gestaltete Schau. © Thomas Kopietz

Wer mehr über die Göttinger Film(stadt)-Geschichte erfahren möchte, sollte die Galerie Alte Feuerwache besuchen. Dort sind historische Plakate zu sehen.

Göttingen – Einen Rundgang durch die Göttinger Film(stadt)-Geschichte – dazu lädt die Galerie Alte Feuerwache ein, in Kooperation mit dem Filmbüro Göttingen. Gezeigt werden erstmals Plakate zu 21 in der Uni-Stadt gedrehten Spielfilmen.

Ausstellung mit Göttinger Filmplakaten: Werbung in zwölf Ländern

Die heutigen Exponate warben vor mehr als 60 Jahren in zwölf Ländern von Belgien, Italien, über Argentinien, Mexiko und bis in die USA für Kino-Streifen, die im Filmatelier Göttingen von 1948 bis Anfang der 60er-Jahre entstanden. Zu verdanken ist die Schau, die trefflich „Von Göttingen in die weite Welt“ heißt, dem in Hamburg arbeitenden Journalisten Florian Quanz. Die gemalten Plakate stammen aus dessen, mit seltenen Stücken gespickter, Sammlung.

Ein Podest, darüber an der Wand zwei riesige gemalte Plakate, dazwischen ein kleines: Dieses förmlich anziehende Ensemble in der „Alten Feuerwache“ kündet von großen Filmen, entstanden in den 50er-Jahren, als Göttingen das „Hollywood an der Leine“ war. Auch diese Riesenplakate sind bis 14. Oktober zu sehen. Sie kündigten nur wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Italien, die in Göttingen produzierten (Antikriegs-)Spielfilme „Hunde, wollt ihr ewig leben“ und „Nacht fiel über Gotenhafen“ im Kino an.

Ausstellung mit Göttinger Filmplakaten: Bekannte Filme

Aber die italienischen Plakate der Frank-Wisbar-Filme tragen andere Titel: „La Battaglia piu lunga Stalingrado“ (Die Schlacht um Stalingrad) und „La Strage di Goten-Hafen“ (Das Massaker von Gotenhafen), bei dem es um die Versenkung des mit Flüchtlingen besetzen Schiffs „Wilhelm Gustloff“ ging.

„Das sind echte Raritäten“, sagt Sven Schreivogel, der die Ausstellung mit seinem Sohn Alexander Siebrecht und Florian Quanz kuratiert hat. In vielen Stunden haben sie die Originalplakate und Aushangbögen für Kinos, die meist auf minderwertigem Papier gedruckt waren, vorbereitet. Digitalisiert wurden sie im Film- und Foto-Studio Klawunn. „Sie sollten ihre Patina behalten, lediglich Löcher wurden retuschiert“, berichtet Schreivogel, der sich seit Jahren um die Aufarbeitung und Wiederbelebung der Göttinger Filmgeschichte verdient macht und das Gesicht des Filmbüros ist, in dem sich passionierte Cineasten gefunden haben.

Ausstellung mit Göttinger Filmplakaten: Thematische Ordnung

Ausgepackt haben die frisch auf Aludibond reproduzierten Plakate Galerie-Betreiber Jörg Dreykluft und Ehefrau Gisela Hyllus. Beide haben sie thematisch geordnet und stimmig wie exakt gehängt. So sind auch Plakate der Heinz-Erhardt-Komödien zu sehen, wie „Witwer mit fünf Töchtern“ und „Vater, Mutter und neun Kinder“. Einige stammen aus Belgien, wo die Göttinger-Erhardt-Filme scheinbar viele Fans hatten. „Ob sie dort in deutscher Originalfassung mit Untertiteln wissen wir nicht“, sagt Schreivogel. Der Erhardtsche Sprachwitz wäre eine Herausforderung für Übersetzer.

Jörg Dreykluft hat auch die Plakate der Göttinger Literaturverfilmungen an einer Wand zusammengestellt: „Rosen im Herbst“ nach Theodor Fontane und „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Auf den Plakaten in den USA wurde für „The Confessions of Felix Krull“ gar die Schauspielernamen amerikanisiert: Der deutsche Star der 50er, Lieselotte Pulver, hieß „Lisa Pulver“.

Ausstellung mit Göttinger Filmplakaten: Tafeln mit Informationen

Wer sich die Plakate der Kategorien „Problemfilm“ wie „Frauenarzt Dr. Bertram – in dem es um den Paragrafen 218 geht – oder die Werke von Wolfgang Staudte („Rosen für den Staatsanwalt“ und „Kirmes“) anschaut, der kann weitere Besonderheiten entdecken. Auch, dass die deutschen Filmtitel nur manchmal exakt, meist aber frei übersetzt wurden. „El Hakim“ mit Nadja Tiller und O.W. Fischer aber war offensichtlich überall akzeptabel. Zu jedem Film gibt es übrigens auf Tafeln die wichtigsten Informationen.

Für Sven Schreivogel ist die Ausstellung, die am Sonntag vor 120 geladenen Gästen, darunter auch Zeitzeugen eröffnet wurde, ein „Super-Start in das Jubiläumsjahr“. Das Rahmenprogramm war reichhaltig: Musik machte Joe Pentzlin am Piano, es gab Gedichte und Anekdoten aus der großen Göttinger Filmzeit, Gäste wie die Schauspielerin Kornelia Boje („Willi-Busch-Report“) berichtete mitreißend von der Arbeit mit berühmten Kollegen wie Helmut Griem und Bernhard Wicki.

Ausstellung mit Göttinger Filmplakaten: Weitere Aktionen in Planung

Apropos Jubiläum: Im August 2023 jährt sich die Gründung des Filmateliers zum 75. Mal. Das Filmbüro plant dazu weitere Veranstaltungen.

Ausstellung: „Von Göttingen in die weite Welt“; Galerie Alte Feuerwache, Ritterplan 4, bis zum 14. Oktober, Mo. bis Fr. 15 bis 18 Uhr, So. 11 bis 13 Uhr und nach Vereinbarung. Eintritt frei. Weitere Informationen gibt es hier. (Thomas Kopietz)

Hintergrund: Die Filmstadt Göttingen und das Filmbüro

Sie wollen die Geschichte der Filmstadt Göttingen und der Region Südniedersachsen/Nordhessen bekannt machen und aufarbeiten: Allein 3500 digitalisierte Fotos, Abbildungen, Plakate und Texte haben Sven Schreivogel und Sohn Alexander sowie weitere Helfer, die sich im Filmbüro Göttingen zusammengefunden haben. Die Plakatausstellung ist ein markantes Ergebnis auf dem Weg zu einer Dauerausstellung. Das Filmbüro sammelt deshalb weiter alles, was in Zusammenhang mit der großen Zeit des Göttinger Films von 1948 bis Anfang der 60er-Jahre steht – und auch zu jüngeren Produktionen, die in Göttingen gedreht wurden. Schreivogel und Helfer haben auch ein regionales Filmarchiv und ein Drehort-Kataster erstellt, Motive aus Göttinger Filmen aufgelistet.

Daraus ist auch eine Stadtführung entstanden. Geplant ist auch ein Buch zu „75 Jahre Filmstadt Göttingen“ im kommenden Jahr. Stoff für all die Projekte kommt häufig von Zeitzeugen, die in Göttingen und Umgebung für Film und Theater arbeiteten, teils auch als Komparsen. Auch ganze Nachlässe werden Schreivogel überlassen. Zudem wollen die Mitwirkenden der „Initiative Drehort Göttingen“, darunter Film- und TV-Schaffende, Göttingen neben dem imageträchtigen „Tatort“ weitere Produktionen verschaffen, bestens eine Serie. Wer Interessantes für das Filmbüro hat findet hier weitere Informationen. (tko)

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