Ausstellung zur Zwangsarbeit: Interessierte auf die Spur bringen

Ausstellung über Zwangsarbeit im Dritten Reich in Südniedersachsen: Sie ist zukünftig dauerhaft in den Berufsbildenden Schulen II in Göttingen zu sehen. Foto: Böhne

Göttingen. In den Berufsbildenden Schulen II in Göttingen hat die frühere Wanderausstellung „Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit“ eine dauerhafte Bleibe gefunden.

Wir sprachen mit den Initiatoren, Lisa Grow von der Geschichtswerkstatt Göttingen und Günther Siedbürger von der Geschichtswerkstatt Duderstadt.

2010 wurde die Ausstellung in mehreren Orten in Südniedersachsen erfolgreich gezeigt. Haben Sie sich einen festen Standort gewünscht oder hätten Sie die Ausstellung lieber noch weiter touren lassen?

Lisa Grow: Beides. Der Gedanke, die Ausstellung direkt an die Orte zu bringen, an denen sich viele der präsentierten Ereignisse zugetragen haben, erschien uns immer sehr reizvoll. Hier sind die Möglichkeiten einfach größer, ein breites Spektrum der Öffentlichkeit zu erreichen. Menschen, die kommen, um zu sehen, was damals an ihrem Ort los war, oder die dies schon wissen, aber überprüfen wollen, ob und wie wir es dargestellt haben. Aber ein fester Standort bietet natürlich bessere Möglichkeiten zur Entwicklung pädagogischer Konzepte und zur Etablierung institutioneller Partnerschaften.

Seit Herbst 2014 wurden die Ausstellungsräume durch den Landkreis Göttingen saniert und zu einer geschlossenen Einheit umgebaut. Sind Sie mit diesem Standort zufrieden?

Grow: Zuallererst sind wir sehr froh, einen dauerhaften Ort für die Ausstellung zu haben. Dass dieser Ort in einer Schule liegt, mit der wir in der Vergangenheit schon gut zusammengearbeitet haben, sollte interessante Möglichkeiten der Arbeit mit Jugendlichen bieten. Die Schule liegt zwar innenstadtnah, hat aber kaum Laufpublikum. Wir werden daran arbeiten müssen, diese Hindernisse zu überwinden.

Wie viele ehemalige Zwangsarbeiter haben Sie im Zuge Ihrer Recherchen ausfindig machen können?

Günther Siedbürger: Wir haben für das Gebiet des heutigen Landkreises Göttingen die Namen und Daten von mehr als 15 000 Zwangsarbeitenden in einer Datenbank erfasst. Hierbei reden wir nur von zivilen Zwangsarbeitenden, also keinen Kriegsgefangenen. Aufgrund der Quellenlage und Besonderheiten des Rechercheauftrags fehlen weitestgehend die Namen der in den Städten Hann. Münden und Göttingen lebenden Zwangsarbeitenden und viele derjenigen, die für die Deutsche Reichsbahn, einen der wichtigsten „Arbeitgeber“ von Zwangsarbeitenden in der Region, arbeiten mussten. Der Altkreis ist hingegen durch AOK-Unterlagen und Melderegister ziemlich gut erfasst.

Werden zur Eröffnungsveranstaltung überlebende Zwangsarbeiter anwesend sein?

Siedbürger: Ja, wir sind sehr froh, Wiktorja Delimat und Bronislawa Burek, die beide im selben Zug aus Polen nach Deutschland verschleppt wurden und an denselben Stationen in einer Zuckerfabrik und in der Landwirtschaft arbeiten mussten, erwarten zu dürfen. Der 93-jährige Ivo Piaserico, seinerzeit als „Italienischer Militärinternierter“ (IMI) zur Zwangsarbeit auf die Großbaustelle einer chemischen Fabrik verschleppt, musste leider aus gesundheitlichen Gründen auf die Reise verzichten. Er hat uns aber eine Videobotschaft angekündigt.

Gibt es Pläne für die Zukunft? Welche Perspektiven wünschen Sie sich für die Ausstellung?

Grow: Die Ausstellung bietet sehr viele Ausgangspunkte für die Vertiefung und weitere Forschung. Es tauchen immer neue Fragen auf und es werden auch weitere Dokumente zugänglich. Da wäre es sehr schön, wenn die Ausstellung Interessierte wirklich „auf die Spur“ bringen und eigene Arbeiten inspirieren könnte.

Der Landkreis Göttingen wird demnächst mit dem Landkreis Osterode fusionieren, dem müsste in einer regionalen Erweiterung der Ausstellung Rechnung getragen werden. Perspektivisch ist der neue Ausstellungsort als Kern eines Lernortes zum Thema Nationalsozialismus in Südniedersachsen vorgesehen. Das setzt eine gesicherte Finanzierung nicht nur bei Sachmitteln, sondern auch bei Personal voraus, damit solche Arbeiten kompetent, kontinuierlich und zuverlässig angeboten werden können.

Hintergrund: 13,5 Millionen Zwangsarbeiter zwischen 1939 und 1945 

Von 1939 bis1945 wurden auf dem Gebiet des „Großdeutschen Reiches“ nach Angaben der Göttinger Geschichtswerkstatt etwa 13,5 Millionen ausländischer Arbeitskräfte und Gefangene zur Arbeit gezwungen.

Das waren etwa 8,4 Millionen Zwangsarbeiter, 3,4 Millionen Kriegsgefangene und 1,7 Millionen Häftlinge aus Konzentrationslagern, Ghettos und ähnlichen Lagern. Zwischen 50 000 und 60 000 Frauen und Männer aus 16 Nationen leisteten im Gebiet der heutigen Landkreise Northeim und Göttingen Zwangsarbeit. Nach Schätzungen arbeiteten in der Stadt Göttingen - einschließlich der damals selbstständigen Gemeinden Geismar, Grone und Weende - etwa 11 200 zivile Zwangsarbeiter und 3500 Kriegsgefangene.

Die Dauerausstellung „Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit. Südniedersachsen 1939-1945“ ist in den Berufsbildenden Schulen II in Göttingen, Godehardstraße 11, zu sehen. Die Schau ist mittwochs und freitags von 10 bis 16 Uhr sowie an jedem ersten Samstag von 14 bis 17 Uhr zu sehen.

Für Schulklassen und Gruppen sind spezielle Termine nach Vereinbarung möglich. Der Eintritt in die Ausstellung ist frei. Spenden sind erwünscht.

Weitere Informationen gibt es hier.

Von Kai Böhne

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