Enoh Meyomesse und Dogan Akhanli

Ein Monat ohne Licht: Autoren beeindrucken die Schüler der IGS Geismar

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Sie schilderten den Schülern der IGS Geismar eindrucksvoll, wie wertvoll Presse- und Meinungsfreiheit sind (von links): Dogan Akhanli, Jürgen Jankofsky und Enoh Meyomesse.

Göttingen. Eine Autoren-Begegnung stand für die Jugendlichen der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule (IGS Geismar) nach dem eigentlichen Unterricht auf dem Lehrplan.

Es war der Prolog der PEN-Jahrestagung, die ab Donnerstag in Göttingen stattfindet. PEN-Schatzmeister Jürgen Jankofsky und PEN-Vizepräsidentin Franziska Speer hatten zwei Schriftsteller mitgebracht, die schon einiges in ihrem Leben durchleiden mussten – nur weil sie ihre Meinung gesagt und geschrieben haben.

Der einstige kamerunische Präsidentschaftskandidat Enoh Meyomesse und der türkischstämmige Schriftsteller Dogan Akhanli hatten viel Interessantes und Schockierendes aus ihrer (ehemaligen) Heimat zu berichten. Die Schüler in den voll besetzten Stuhlreihen spitzten fast zwei Stunden lang gespannt ihre Ohren.

Dunkles Kapitel: Ein Monat in Dunkelhaft

Meyomesse zieht die Schüler sofort in seinen Bann. Sein sympathisches Understatement, immer mit einem Augenzwinkern versehen, kommt gut an. Seine Geschichte ist aber traurig. Als Autor, Historiker, Blogger und politischer Aktivist wollte er 2011 für die Präsidentschaft in seinem Heimatland Kamerun kandidieren. Daraufhin wurde er verhaftet und monatelang in Einzelhaft gefangen gehalten – ohne ein Verfahren.

Einen Monat davon musste Meyomesse in der sogenannten Dunkelhaft verbringen. „Das war das schlimmste Kapitel meines Lebens“, sagt der Kameruner auf Englisch. Einen Monat lang ohne einen Funken Licht, einen Monat lang kein Bett, einen Monat lang keine Möglichkeit sich zu waschen oder die Zähne zu putzen – diese 30 Tage waren die Hölle für Meyomesse. Er glaubte, zwischenzeitlich sein Augenlicht verloren zu haben. Und er müsse ganz schlimm gestunken haben, sagt er mit der ihm eigenen Selbstironie.

Die falsche Zeitung gekauft

Akhanlis Geschichte ist nicht weniger schockierend und einigen vielleicht schon bekannt. Denn seine Verhaftung in Spanien erregte im Oktober 2017 die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Die Türkei hatte einen internationalen Haftbefehl gegen den deutschen Staatsbürger erlassen. In seiner ehemaligen Heimat wird der Regimegegner bereits seit den 1980er Jahren verfolgt.

Alles fing 1975 an, als er eine linksgerichtete Zeitung kaufte. Ein türkischer Polizist habe ihn dann „willkürlich“ festgenommen, erinnert sich Akhanli. Das Einzige, was er getan hatte, war, sich für die falsche Zeitung interessiert zu haben. Trotzdem wurde er elf Tage lang gefoltert und blieb vier Monate lang in Haft.

Erst danach haber er sich radikalisiert, dann aber sehr schnell, schildert Akhanli seinen Weg in den Untergrund. Er wurde wieder verhaftet, wieder gefoltert, aber das sei nicht mehr so schlimm wie beim ersten Mal gewesen, sagt Akhanli. Er hatte ja gewusst, dass wieder passieren könnte.

Insbesondere sein Buch über den Genozid an den Armeniern kommt Akhanli in der Türkei noch heute teuer zu stehen. 1998 wurde er von seinem Geburtsland ausgebürgert, seit 2001 ist er allein deutscher Staatsangehöriger.

Das PEN-Zentrum Deutschland hilft verfolgten Schriftstellern

Das PEN-Zentrum Deutschland hat sein zehn Jahren ein weltweit einzigartiges Programm. Mit „Writers-in-Exile“ unterstützt es Autoren, die in ihrer Heimat verfolgt werden. Franziska Speer ist seit 2013 als PEN-Vizepräsidentin auch Beauftragte für das Programm. „Wir versuchen, die Schriftsteller zu begleiten. Wenn sie hierher kommen, sind sie oft in einem physisch und psychisch desolaten Zustand.“ 

Acht Wohnungen in Deutschland stellt das PEN für die verfolgten Autoren zur Verfügung. Die Plätze werden nicht immer jedes Jahr neu vergeben. Ein Stipendium laufe über ein, zwei oder maximal drei Jahre, erklärt Speer. Die Stipendiaten erhalten Geld für ihren Lebensunterhalt in Deutschland und Hilfe bei der Ausübung ihres Berufes. Das Besondere: Das Geld erhält PEN vom Bund, „ohne dass der Staat sich einmischt“, wie Speer betont. „Das ist einzigartig auf der Welt.“ 

Einer der Stipendiaten ist Enoh Meyomesse. Der kamerunische Autor wurde von der Militärjustiz 2012 zu sieben Jahren Haft verurteilt. Nachdem der Fall vor der UN-Menschenrechtskommission gelandet war, wurde das Urteil im April 2015 revidiert. Seit Oktober 2015 lebt er als PEN-Stipendiat in Darmstadt. Für ihn sind es die letzten Monate in dem Programm des Schriftstellerverbandes. Im Oktober will Meyomesse zurück nach Kamerun und sich auch wieder politisch engagieren. Die drei Jahre in Deutschland haben ihm geholfen, wieder zur Ruhe zu kommen, Abstand zu gewinnen. 

Doch manchmal sind die Stipendiaten psychisch so belastet, dass sie auch danach nur schwer auf eigenen Beinen stehen können. Speer erinnert sich an einen Iraner, der zehn „Schein-Erschießungen“ über sich ergehen lassen musste. Zehn Mal musste er sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, nun zu sterben. „So jemand ist psychisch zerstört“, sagt Speer.

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