Untersuchung von Forschungsgruppe

Orientierungsphase an der Uni: Prollig, sexualisiert, alkoholisiert

Jede Menge Alkohol: Bei Stadtrallyes der Studienanfänger wird reichlich gebechert. Foto: pid

Göttingen. Die Uni ist eine Einrichtung, an der seit 275 Jahren Rituale gepflegt werden. Jetzt wurde die Orientierungsphase untersucht - die oft in Besäufnissen ausartet.

Eine studentische Forschergruppe hat de relativ junge „Tradition“ untersucht: Die so genannte „O-Phase“ (Orientierungsphase) zum Beginn des Semesters, in der sich die Studienanfänger mit der Universität vertraut machen und erste Kontakte knüpfen. Seit einigen Jahren arten diese Einführungsveranstaltungen jedoch in kollektive öffentliche Besäufnisse aus.

Auch zu Beginn dieses Wintersemesters landeten acht Studenten mit einer Alkohol-Vergiftung im Klinikum. Die Studie macht vor allem eines deutlich: Die ritualisierten Exzesse sind männlich geprägte, sexualisierte und oft reichlich prollige Veranstaltungen.

Das Projekt der sechs Autoren aus den Fächern Geschlechterforschung, Ethnologie und Kulturanthropologie stand unter dem Thema „Differenzen und Zugehörigkeiten“. Als Titel ihres Abschlussberichts wählten sie ein Zitat aus ihren Interviews: „Aber scheiß drauf, O-Phase ist nur einmal im Jahr.“

Die Exzesse sind ein vergleichsweise junges Phänomen. Vor einigen Jahren gingen insbesondere die Fachschaften der großen Fakultäten wie der Wirtschaftswissenschaften und der Medizin dazu über, nicht nur abendliche Kneipentouren anzubieten, sondern auch „Stadtrallyes“ mit Spielen, Unmengen von Bier und harten Getränken zu veranstalten. Für ihre Studie beobachteten die Autoren die O-Phasen in den Fakultäten Physik sowie Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.

Während die Physiker vergleichsweise wenig Alkohol tranken, war bei den Wirtschaftswissenschaftlern der Alkohol geradezu omnipräsent. An jeder Station der Stadtrallye wurde Hochprozentiges ausgeschenkt. Den Berichten der Erstsemester zufolge wurde dabei ein erheblicher Gruppendruck aufgebaut, dem sie sich nur schwer entziehen konnten. Nicht selten ähnelten die von Tutoren inszenierten Initiationsrituale den „Ballermann“-Gepflogenheiten von Mallorca-Urlaubern. Bei einem Wettbewerb mussten die Gruppen mehrere Eimer Sangria so schnell wie möglich leer trinken. Bei der „Kleiderkette“ müssen die Teams so viele Kleidungsstücke wie möglich miteinander verbinden, was dazu führt, dass manche Teilnehmer am Ende halbnackt dastehen.

Die O-Phase in den Wirtschaftswissenschaften zeichnete sich durch eine allgegenwärtige Sexualisierung und ein ausgeprägtes Macker-Gehabe aus, heißt es in der Studie. Ein Wettbewerb bestand darin, dass „fünf mutige Mädels“ sich auf den Boden legten, während „fünf starke Männer“ über ihnen Liegestützen machten. Diese „Inszenierungen einer prolligen Männlichkeit“ gingen mit stereotypen Rollenverteilungen einher. Die Männer waren präsenter, lauter und verwiesen die Frauen auf die ihnen zugeschriebenen Positionen.

Die interviewten Studienanfänger beschrieben auch positive Aspekte der O-Phase, etwa das angenehme Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und die Möglichkeiten, erste Kontakte zu knüpfen. (pid)

Von Heidi Niemann

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