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Benjamin von Stuckrad-Barre: Fulminanter Auftritt in der Uni-Stadt

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Ein Erlebnis: Benjamin von Stuckrad-Barre. 
Ein Erlebnis: Benjamin von Stuckrad-Barre. © Hubert Jelinek

Göttingen. Benjamin von Stuckrad-Barre trug am Donnerstagabend vor fast 400 begeisterten Besuchern in der Göttinger Lokhalle einen alten Text vor, in dem er eine verunglückte Lesung 1998 im Alten Rathaus der Unistadt schildert, in der er am Max-Planck-Gymnasium Abi gemacht hatte.

„Da verlor ich langsam den Verstand, weil ich berühmt wurde“, so der heute 43-Jährige.

Der Pastorensohn, einer der gefeierten „Popliteraten“ der 90er, trat damals mit dem Debüt „Soloalbum“ und seinem Schriftstellerkollegen und Freund Christian Kracht auf – zugedröhnt mit Koks, entsprechend aufgedreht. Kokain, schreibt er, trage nicht dazu bei, „das Sensibelchen in dir zu extrapolieren“.

Das Stupende an der aktuellen Lesung, die man neudeutsch „Performance“ nennen müsste, war, dass vieles von dem, was er sich vor 20 Jahren im kokainbedingten Größenwahn imaginiert hatte – der „technische Assistent“ Johannes-Peter Herberhold saß als heutiger Geschäftsführer des Göttinger Literaturherbstes in der ersten Reihe –, nun wirklich stattfand: die laute Musik für das Intro, die Leinwand, der Jubel wie für einen Popstar. Stuckrad-Barre genießt ihn sichtlich.

Enttäuscht ist er bloß, dass an keiner alten Wirkungsstätte mit einer Plakette seiner gedacht wird. Sie würde so gut in die Raucherecke passen, wo früher die Telefonzelle war. Stuckrad-Barre, dieser erbarmungslos-genaue Beobachter, kommentiert seinen Stadtspaziergang: Es gibt noch ein Nudel- und Kartoffelhaus, aber kein Quinoa-Haus. Göttingen: „Absolut prima. Berlin ist von allem das Allerschlimmste.“

Vor allem würdigt er den 2014 früh verstorbenen Gründer des Festivals, Christoph Reisner, als „väterlichen, brüderlichen Freund, dem ich alles zu verdanken habe“. Ihm zu Ehren singt er, ein Schwarz-weiß-Porträt im Rücken, „Back for Good“ von Take That, die leuchtenden Handys werden geschwenkt.

Der Suff der Anderen

Stuckrad-Barre, der es mit den Drogen extrem übertrieben hatte, wovon er im Bestseller „Panikherz“ berichtet hat, liest den bitterernsten, tieftraurigen, fabelhaften Text „Nüchtern“ über Abstinenz beim Ausgehen: „Ich störe den Suff der Anderen. Wassertrinken ist wie Paralympics.“

Zerfahren unterbricht er sich, baut Cliffhanger ein, schweift ab, kommuniziert schlagfertig mit dem Publikum, kommt von Hölzchen auf Stöckchen, spricht vom Baumkuchen bei Cron & Lanz, der Bambi-Verleihung, lästert über Sebastian Fitzek („kann vom Schreiben leben, dafür kann ich gut vom Leben schreiben“), Dunja Hayali und Bert Brecht, redet von seinem sechsjährigen Sohn als „Arschgeige“ und künftigem Harvard-Absolventen, und zündet sich Zigaretten an, die er gleich wieder ausdrückt.

Letzter Text ist die Reportage von einem Madonna-Konzert in Los Angeles, bei dem er die Sängerin jedes Mal durch „Annegret Kramp-Karrenbauer“ oder „Krampi“ ersetzt. Urkomisch, ein bisschen gemein. Andererseits: Friedrich Merz stellt er in ein paar Sätzen sofort in den Senkel. Zuletzt singt er Robbie Williams’ „Angels“. Ein Erlebnis.

Von Mark-Christian von Busse

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