Stücke aus berühmter Sammlung

Bernstein kehrte aus USA nach Göttingen zurück: Kostbares im Handgepäck

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Viele Bernsteine, die vor dem Zweiten Weltkrieg nach Harvard ausgeliehen worden waren, haben Insekteneinschlüsse. 

Göttingen. Ein Großteil der Königsberger Bernsteinsammlung ging verloren, viele Stücke gelten zudem als verschollen. 400 der Objekte den Weg zurück an ihren Aufbewahrungsort an der Uni Göttingen gefunden – im Handgepäck aus den USA.

„Das war wirklich eine unglaublich tolle Kooperation.“ Alexander Gehler, Kustos des Geowissenschaftlichen Museums der Universität Göttingen, ist immer noch begeistert über die Hilfsbereitschaft seiner Kollegen an der Harvard Universität in den USA.

Normalerweise kommen Wissenschaftler aus der ganzen Welt nach Göttingen, um dort an einzelnen Stücken aus der Königsberger Bernsteinsammlung zu forschen. Die Göttinger Geowissenschaftler verwalten seit 1958 treuhänderisch die geretteten Bestände der weltberühmten Sammlung für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Der US-Wissenschaftler, der im Juni nach Göttingen kam, hatte dagegen kein eigenes Forschungsanliegen.

Stattdessen brachte er eine besonders kostbare Fracht mit: Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges übergab er der Universität Göttingen knapp 400 Bernsteine aus der Königsberger Sammlung, die bislang als verschollen gegolten hatten.

Freut sich über die Bernstein-Objekte: Kustos Alexander Gehler.

Die Bernsteine waren im Museum of Comparative Zoology der Universität Harvard gelagert gewesen. Bis vor einem Jahr war niemandem aufgefallen, dass sich in der dortigen Sammlung auch Objekte befanden, die aus der einstigen Königsberger Sammlung stammten. Erst eine Ameise brachte die Forscher auf die Spur: Im vergangenen Sommer erhielten die Göttinger Geowissenschaftler eine Anfrage, ob noch das „Urstück“ einer Ameisenart vorhanden sei, die erstmals 1910 beschrieben wurde. Vor mehr als 100 Jahren war in einer Publikation ein in Bernstein eingeschlossenes Insekt dieser ausgestorbenen Art abgebildet worden. In der Publikation war vermerkt, dass die abgebildete Inkluse zur Königsberger Sammlung gehörte. Teile der Sammlung waren 1944 von Königsberg nach Göttingen transportiert worden, um sie vor den russischen Truppen in Sicherheit zu bringen. Knapp 20.000 der einst mehr als 100.000 Objekte wurden damals gerettet und lagern seit mehreren Jahrzehnten in Göttingen.

Die Ameisen-Inkluse war allerdings nicht darunter, berichtet Alexander Gehler. Bei weiteren Recherchen stieß er jedoch in einer Online-Datenbank der Harvard University auf ein artgleiches Tier, das dem abgebildeten Stück aus der Königsberger Sammlung verdächtig glich. Beim weiteren Klicken durch die Datenbank entdeckte er auf einigen Fotos von Bernsteinen mit eingeschlossenen Insekten die einstigen Inventarnummern der Universität Königsberg. Insgesamt waren es mehr als 60 Objekte, die offenkundig aus der Königsberger Sammlung stammten.

Experten aus Harvard reagierten sofort

Die Experten des Museums der Harvard Universität hatten auf die Anfrage aus Göttingen sofort reagiert, erzählt Alexander Gehler, Kustos des Geowissenschaftlichen Museums der Universität.

Insbesondere der Paläobiologe Dr. Ricardo Perez-de la Fuente habe mit großem Einsatz die kompletten Bestände durchforstet. Die zeitaufwändige Suche ergab, dass insgesamt 383 Bernsteine der dortigen Sammlung aus Königsberg stammten. Zu einem großen Teil handelte es sich um Originalmaterial zu zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen.

Der Insektenforscher Charles Thomas Brues (1879-1955) hatte die Bernsteine einst vor dem Zweiten Weltkrieg zu Forschungszwecken ausgeliehen. Da keine Leihunterlagen mehr aus Königsberg vorhanden sind, war nach Kriegsende nicht aufgefallen, dass Objekte aus der Sammlung immer noch in den USA lagerten.

Die Wissenschaftler seien sich sofort einig gewesen, dass die wertvollen Objekte in die Sammlung zurückgebracht werden sollten, berichtet Gehler. US-Forscher Perez-de la Fuente übernahm dies persönlich und reiste mit 23 Boxen im Handgepäck nach Göttingen, wo die Bernsteine wieder mit der Königsberger Sammlung vereint wurden. Die meisten Objekte seien in einem sehr guten Zustand, sagt Gehler. Die Wissenschaftler in Göttingen wollen die Objekte nun inventarisieren und wissenschaftlich auswerten. Einige der teils spektakulären Stücke wollen sie auch in einer Dauerausstellung des Geowissenschaftlichen Museums präsentieren, die im kommenden Jahr eröffnet werden soll.

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