Gemälde geflüchteter Frauen

Besondere Ausstellung in Göttingen: Mit Malerei Trauma verarbeiten

In der Marienkirche waren Bilder zu sehen, die je zur Hälfte von geflüchteten Frauen im Grenzdurchgangslager Friedland und von deutschen Künstlerinnen gemalt wurden. Samah Al Jundi-Pfaff vom Museum Friedland beeindruckt vor allem die Geschichte des Gemäldes „Longing for Syria“ von Hiam Al Jiroudi und Dorit Jordan Dotan.
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In der Marienkirche waren Bilder zu sehen, die je zur Hälfte von geflüchteten Frauen im Grenzdurchgangslager Friedland und von deutschen Künstlerinnen gemalt wurden. Samah Al Jundi-Pfaff vom Museum Friedland beeindruckt vor allem die Geschichte des Gemäldes „Longing for Syria“ von Hiam Al Jiroudi und Dorit Jordan Dotan.

Es gibt viele Möglichkeiten, um ein Trauma zu verarbeiten. Einige geflüchtete Frauen im Grenzdurchgangslager Friedland haben in der Kunst einen Weg gefunden, ihre Erfahrungen auf der Flucht nach Deutschland anderen Menschen gegenüber zu erklären.

Göttingen/Friedland – Ihre Gemälde waren in der Ausstellung „I feel“ in der Göttinger Marienkirche zu sehen, ab Mai werden sie in Einbeck, Berlin und im Ruhrgebiet gezeigt.

Zu sehen ist sie auch im Internet.

Die elf auf Leinwand gezeigten Gemälde wurden jeweils zur Hälfte von den Geflüchteten gemalt und von Künstlern aus verschiedensten Gebieten Deutschlands vervollständigt. „Malen ist eine Brücke der Kommunikation“, erklärt Samah Al Jundi-Pfaff von der Bildung und Vermittlung des Museums Friedland die Bedeutung der Bilder. Auch Dr. Anna Haut, wissenschaftliche Leiterin des Museums, sagt: „Kunst ermöglicht einen sprachenunabhängigen Austausch.“

Genau darin liegen auch Anlass und Titel der Ausstellung „I feel“: Im Winter 2016 malte die Sudanesin Khadija Rachid in einem Workshop von Al Jundi-Pfaff ein halbes Frauenporträt in schwarz-weiß. Dieses Bild betrachtete später eine Mitarbeiterin, die erkannte, was Khadija Rachid beim Malen bewegt hatte. Ihre Gefühle beim Betrachten des Bildes beschrieb sie Al Jundi-Pfaff gegenüber mit den Worten „I feel her“ (deutsch: Ich fühle mit ihr). Dieses Gefühl der Verbundenheit inspirierte sie dazu, Rachids Porträt zu vollenden.

Nachdem Al Jundi-Pfaff im Grenzdurchgangslager daraufhin weitere geflüchtete Frauen dazu eingeladen hatte, ihre Erfahrungen in Bildern zu verarbeiten, kontaktierte sie über Facebook deutsche Künstler, um Gemälde zu vervollständigen. Diese kannten dabei sowohl die Geflüchteten als auch deren Geschichte nicht. Im Frühjahr 2020 wurden die Leinwände dann deutschlandweit an die Künstler per Post verschickt.

Thematisiert werden in den Gemälden viele Seiten der Flucht – Sehnsucht, Unterdrückung, Frauenrechte und Wünsche. Das zeigt auch das Bild „Longing for Syria“ von Hiam Al Jiroudi und Dorit Jordan Dotan, das Samah Al Jundi-Pfaff besonders beeindruckt, vor allem in Anbetracht seines Hintergrunds.

Mit diesem Gemälde fing alles an: In 2016 malte die Sudanesin Khadija Rachid ein halbes schwarz-weißes Frauenporträt, um ihre Flucht-Erfahrungen zu verarbeiten.

Al Jirudi zeigt eine Szene aus ihrer syrischen Heimatstadt Damaskus, nach der sie sich zurücksehnt – eine Schaukel an einem Baum, an der sie früher viel Zeit verbracht hatte. Wegen der sehnenden Erinnerung an die Vergangenheit malte sie es in schwarz-weiß. Diese Botschaft verstand Dorit Jordan Dotan und malte aus diesem Grund schützende Hände um die Szenerie aus Syrien, um Al Jiroudi auf diese Weise zu umarmen. Hinzu kam, dass das aufgrund der Corona-Pandemie nicht möglich war.

Ein Lieblingsgemälde hat Samah Al Jundi-Pfaff aber nicht, wie sie betont: „Ich liebe sie alle – das ist wie mit Kindern.“ Außerdem sei jedes Gemälde besonders, zumal die geflüchteten Künstlerinnen aus vielen Ländern kommen, so Sudan, Syrien, Iran, Israel und Russland.

Näher erläutert werden die Bilder in Kurzvideos und einer virtuellen Galerie auf der Webseite des Museums. Auch in einem Podcast des Museums wird „I feel“ thematisiert. Weitere Infos zum Museum Friedland gibt es hier.

In Kürze wird die Ausstellung in Einbeck präsentiert, im Sommer in Berlin und im Spätsommer im Ruhrgebiet. (Jan Trieselmann)

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