Flut von Anrufern in der Region

Tricks von falschen Polizisten im Kreis Göttingen: So werden Senioren betrogen

+
Bei Anruf Panik: Falsche Polizisten versetzen am Telefon gezielt Senioren mit den schaurigsten Horrorgeschichten über angebliche Verbrecher in Angst und Schrecken. 

Opfer sind meist ältere Leute: sie werden durch falsche Polizisten um ihr Vermögen gebracht. Und die Masche weitet auch 2019 sich aus. Im Kreis Göttingen häufen sich die Fälle.

2017 wurden in Niedersachsen rund 2900 Fälle angezeigt, bei denen sich Anrufer als Polizisten ausgaben. 2018 waren es nach Angaben des Innenministeriums bis Ende November mehr als 3900 – Tendenz steigend. 2019 gab es vor allem in Südniedersachsen eine Flut von Anrufen falscher Polizisten.

Die Trickbetrüger suchen in Telefonbüchern nach Personen, die sich aufgrund ihres Vornamens der älteren Generation zuordnen lassen, sagt der Leiter des Zentralen Kriminaldienstes (ZKD) der Polizeiinspektion Göttingen, Thomas Breyer. Die Anrufer seien außerordentlich gut geschulte und gewiefte Rhetoriker: „Sie können die Betroffenen so unter Druck setzen, dass diese am Ende nicht mehr klar denken können.“

Aber nicht nur Senioren werden Opfer dieser Betrugsmasche. Auch jüngere Menschen seien schon darauf hereingefallen, sagt Breyer. Die Anrufer erfänden von Fall zu Fall immer neue Varianten.

Leiter Zentraler Kriminaldienst: Thomas Breyer.

Nach Erkenntnissen der Ermittler sprechen die Anrufer zwar deutsch, sitzen aber im Ausland, im Duderstädter Fall (siehe weiterer Artikel) führt die Spur nach Istanbul. Um den Aufenthaltsort zu verschleiern, manipulieren die Banden mittels Technik die Rufnummernanzeige (Call-ID-Spoofing), sodass eine deutsche Nummer oder die Notrufnummer 110 erscheint. Hat ein Anrufer das Vertrauen des Gesprächspartners gewonnen, setzt die arbeitsteilig agierende Bande in Deutschland wohnende Helfer als Kuriere zum Abholen des Geldes ein.

Hier ein paar wichtige Tipps vom Experten:

  • „Die Polizei ruft nie unter 110 an“, sagt Breyer. 
  • Die Polizei fordere auch nie zu Abhebungen oder Überweisungen auf, um Ermittlungen zu unterstützen. 
  • Wenn nicht sicher sei, wer der Anrufer sei, sollte man auflegen und auf keinen Fall Angaben zu finanziellen Verhältnissen machen. 
  • Außerdem sollte man sich gegebenenfalls immer den Dienstausweis eines Polizisten zeigen lassen.

Rumänische Bande: Duderstädterin verlor Geld und Haus

Am 20. März 2018 bekommt eine 86-jährige Frau in Duderstadt einen Anruf, der sie in Angst und Schrecken versetzt. Kriminaloberrat Thomas Müller von der Polizei Nordhausen teilt ihr mit, dass Ermittler zwei Mitglieder einer rumänischen Bande gefasst hätten. Die Männer hätten sie überfallen wollen. Trotz der Festnahme sei die Seniorin weiter in Gefahr. 

Ein Mitarbeiter ihrer Bank versorge die Bande mit vertraulichen Daten. Sie müsse daher ihr Geld in Sicherheit bringen. Die 86-Jährige ist völlig geschockt. Sie räumt ihre Konten und Sparbücher ab und übergibt das abgehobene Bargeld einem Kurier. 

Erst nachdem sie noch ihr Haus verkauft hat, wird ihr klar, dass der nette Herr Müller gar kein Polizist ist. Sie ist einer Bande zum Opfer gefallen, die mit einer raffinierten Betrugsmasche 290.000 Euro von ihr ergaunert hat. 

Mit welchen perfiden psychologischen Tricks die Betrüger arbeiten, wurde bei dem Prozess vor dem Amtsgericht Duderstadt deutlich. Dort musste sich einer der Kuriere verantworten. Die Betrüger spielen vor allem auf der Klaviatur der Angst. „Der allererste Anruf war entscheidend“, berichtete die 86-Jährige. 

Dieser Fall stammt aus dem Kreis Kassel und könnte Sie ebenfalls interessieren: Angeblich auf Einbrecherliste - Falsche Polizisten riefen Senioren in Ahnatal an

Die Betrugsmasche: Angst und Argwohn schüren

Der angebliche Polizist habe geschildert, wie die festgenommenen Räuber zu agieren pflegten: Sie fesselten und knebelten ihr Opfer, betäubten es mit einem Narkosespray und ließen es hilflos liegen. „Ein alter Mensch kann dabei sterben.“ Deshalb sei sie in Panik gewesen. 

Ein weiteres Druckmittel ist das Schüren von Argwohn und Misstrauen gegen Menschen und Institutionen: Um den vermeintlich unehrlichen Bank-Mitarbeiter identifizieren zu können, sollte sie ein Schließfach anmieten, ihre Immobilienfonds kündigen, ihr Sparbuch auflösen und die Geldsummen in dem Schließfach lagern. Anschließend solle sie das Geld einem Kurier übergeben, damit die Polizei prüfen könne, ob der „Maulwurf“ Fingerabdrücke hinterlassen habe. 

Der angebliche Kriminaloberrat schärfte der 86-Jährigen ein, niemandem etwas von der Sache zu erzählen, weil dies die Ermittlungen gefährden würde. Diese seien streng geheim. „Ich war zum Stillschweigen verdonnert“, sagte die Seniorin. 

Sie befolgte die Aufforderung zur Geheimhaltung sogar gegenüber der echten Polizei. Besorgte Nachbarn hatten sich dort gemeldet, weil ihnen das Verhalten der Frau auffällig vorkam. Die Polizisten wiesen sie auf die Vorgehensweise der Trickbetrüger hin. Die Seniorin beteuerte jedoch weiter, dass alles in Ordnung sei. 

Der angebliche Top-Ermittler drehte die Spirale der Angst weiter: Bei einer Kontrolle sei ein falscher Notar festgenommen worden, der Grundbuchauszüge ihres Hauses besitze. Um zu verhindern, dass ihr das Haus abhandenkommt, sollte sie es so schnell wie möglich verkaufen. 

Die 86-Jährige schaltete einen Makler und einen Notar ein, verkaufte das Haus, hob den Kaufpreis von 200.000 Euro vom Konto ab, deponierte das Geld im Schließfach und übergab es dem Kurier des Herrn Müller. Dieser meldete sich noch zweimal bei ihr, dann war er nicht mehr erreichbar. Erst da begriff die Frau, dass sie betrogen worden war.

Hier ein Beispiel für einen Fall, der gut ausging: Bad Gandersheim - Betrüger scheitern als falsche Polizisten

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.