Die Kraft der Zivilgesellschaft

Beziehungskrise war Thema der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Göttingen

Wirkende Worte: Rita Süssmuth sprach über die Krise der deutsch-polnischen Beziehungen.
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Wirkende Worte: Rita Süssmuth sprach über die Krise der deutsch-polnischen Beziehungen.

Das deutsch-polnische Verhältnis ist zuletzt eingetrübt. Das war auch Thema der 29. Jahrestagung des Bundesverbandes der Deutsch-Polnischen Gesellschaft (DPG).

Göttingen – Der Saal im Alten Rathaus ist ein wenig düster, aber geschichtsträchtig: Die Wappen und Bilder künden auch von den menschlichen und geschäftlichen Verbindungen von Menschen und Städten. Ein treffender Ort für den Auftakt der Jahrestagung.

Die örtliche DPG um Vorsitzenden Harm Adam hatte die Tagung nach Göttingen geholt. Natürlich ging es an den drei Tagen neben Mitgliederversammlung und Foren, wie zum Nachbarschaftsvertrag oder der Erinnerungskultur, auch um die drastische Verschlechterung des polnisch-deutschen und polnisch-europäischen Verhältnisses.

In einem Klima von demokratiegefährdenden und EU-Recht widersprechenden Entscheidungen dort und darauf folgenden Sanktionsdrohungen hier – sowie mahnenden Worten von Kanzlerin Angela Merkel – beschwören in Göttingen viele Redner wiederholt die Kraft der Zivilgesellschaft und ihrer Initiativen, die nicht nur Diktaturen zu Fall bringen, sondern auch „alles wieder zum Guten drehen können“, wie Rita Süssmuth sagt. Sie ist Kuratoriumsvorsitzende der DPG.

„Die Zivilgesellschaft ist noch aktiv – jedenfalls hier, aber auch teilweise in Polen“, stellt Adam Bodnar fest, der fünf Jahre polnischer Ombudsmann war und ein von der Regierungspartei PIS ungeliebter kritischer Wächter der Bürgerrechte ist. Bodnar, DPG-Dialogpreisträger 2020, ist ein strenger Kritiker seiner Regierung. Einer, der sagt, was nicht geht und was Unrecht ist. Seine Botschaft an die EU-Staatschefs: „Kümmert euch um Polen!“ Die Lage dort sieht er als existenzielle Gefahr für die EU. Angriffe auf den Rechtsstaat in Mitgliedsländern könnten zum „Systemkollaps“ führen.

Scharf kritisiert Christian Schröter vom DPG-Bundesvorstand die Entwicklung in Polen unter der PIS-Regierung, der er anti-europäische Züge vorwirft und sie mahnt, „die EU-Gesetze zu achten“. Der schroffe Tonfall Schröters kommt vor allem bei den vielen polnischen Gästen nicht gut an.

Für leichtes Kopfschütteln im Saal sorgt auch Prof. Jan Rydel, Vorsitzender des Landesverbandes der polnisch-deutschen Gesellschaften: Er geißelt die einseitig-regierungskritische „Mainstream-Medienberichterstattung“ über Polen in Deutschland. Entscheidungen müssten immer „multikausal betrachtet werden“. Seine Kritik gipfelt im Zitieren einer Umfrage unter Deutschen, nach der 80 Prozent für die Rückzahlung von EU-Mitteln durch Polen sein sollen. „Sind wir im Juli 1932 oder schon in 1938?“, fragt Rydel und erzeugt ein Raunen im Saal. Dann sagt er zum Stand der Beziehungen: „Es steht nicht gut, einfach nicht gut. Aber Merkel plädiert für einen sachlichen Dialog – Gott sei Dank.“

Gegenseitig Vorhaltungen. Adam Bodnar aber ist sachlich. Er hält die Kritik am polnischen Kurs für notwendig. Deutschland habe eine „große Verantwortung“ für den Zusammenhalt der EU und müsse europabedrohliche Entwicklungen auch in Polen kritisch begleiten. Für die Humanistin Rita Süssmuth ist der Dialog entscheidend, auch eine Mäßigung im Tonfall, der ihr so nicht gefällt. Auch über das Wort „Besonnenheit“ der Kanzlerin im Zusammenhang mit der EU-Polenkrise habe sie lange nachgedacht.

„Besonnenheit darf aber nicht Nichtstun heißen“, sagt Süssmuth. „Ich bin nicht pessimistisch. Ja, es ist schwierig, aber wir sollten anfangen, das Schwierige zu lösen.“ Süssmuth beschönigt dennoch nichts von dem, was in Polen falsch läuft. Aber sie baut auf Diplomatie statt auf Repressalien: „Sanktionen sind ein Drohmittel, aber kein Erfolgsmittel.“

Im Alten Rathaus wurde mitten im Kalten Krieg die Idee zur Städtepartnerschaft von Göttingen und Torun geboren, die seit 1979 intensiv gelebt wird. Darauf ist nicht nur Oberbürgermeister Rolf Georg Köhler „enorm stolz“. Sie habe auch vieles in den Köpfen der Menschen bewirkt – über ein Kennenlernen. Rita Süssmuth hat das immer gelebt – und so blickt sie nach vorne, betont die Kraft des zivilgesellschaftlichen Engagements, des gegenseitigen Zuhörens, Verstehens, Akzeptierens. Die 84-Jährige spricht das mit nachdrücklicher Überzeugung, wie ihr Schlusswort in Bezug auf die Bewältigung der deutsch-polnischen Krise: „Wir werden das schaffen.“

Wie Zusammenarbeit wirken kann, zeigen auch die Dialog-Preisträger 2021, Prof. Robert Traba und Prof. Hennig Hahn. Sie schufen ein 5000-seitiges Jahrhundertwerk: 130 Autoren schreiben über die Erinnerungsorte in beiden Ländern, schaffen eine „neue Perspektive auf die Identität, Kultur und Erinnerung beider Nationen“.

Wie optimal ein deutsch-polnisches Zusammenspiel funktioniert, beweisen im geschichtsträchtigen Saal die Musiker Gregor Kilian und Geiger Wojciech Bolimowski. Sie spielen – umjubelt – ein polnisches Stück von Michal Kleofas Oginski – aber auch „As Time goes by“. (Thomas Kopietz)

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