„Es nervt mich“

Fazit nach Bombenentschärfung in Göttingen: Ärger über unsolidarische Menschen

Bombenentschärfung in Göttingen: Glücklich, zufrieden nach getaner, hervorragender Arbeit, das Team vom Kampfmittelbeseitigungsdienst von links Georg Grupe, Christian Briese, Ulli Wolgers und „Chef“ Thorsten Lüdeke.
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Bombenentschärfung in Göttingen: Glücklich, zufrieden nach getaner, hervorragender Arbeit, das Team vom Kampfmittelbeseitigungsdienst von links Georg Grupe, Christian Briese, Ulli Wolgers und „Chef“ Thorsten Lüdeke.

Das Lob für die Einsatzkräfte in Göttingen nach der Bombenentschärfung ist groß. Doch das Verhalten einiger Menschen sorgt für Unmut.

Göttingen – Harmlos, wie ein meterlanges Riesenzäpfchen, liegt der Gegenstand verzurrt mit Gurten an einer Euro-Palette auf dem Lastwagen. Friedlich sieht sie aus, die britische MC-500-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg.

Sie lag nur drei Meter unter einer Freifläche im Botanischen Garten am Auditiorium. Sie hätte viel Schlimmes anrichten, das Auditorium in Schutt legen, Menschen töten können. Von „Riesenglück“ sprechen Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler und Sprengmeister Thorsten Lüdeke, beide mit Augenringen nach einer kurzen Nacht.

Bombenentschärfung in Göttingen: Mächtig Glück gehabt

„Der Baggerfahrer hat mächtig Glück gehabt. Die Bombe trägt starke Spuren der Baggerschaufel. Hätte er damit den Zünder getroffen, dann wäre es seine letzte Baggerfahrt gewesen.“ Wenn der sonst nüchtern berichtende Lüdeke zu solchen Worten greift, dann untermauert dies das Fazit: Göttingen hat diesmal Riesenglück gehabt.

Für Thorsten Lüdeke war der Fall ein besonderer, nicht nur, weil nach dem Unglück mit 2010 mit drei Toten jeder Einsatz in Göttingen unter dem Eindruck des Unglücks steht, sondern auch, weil die Entschärfung technisch eine Herausforderung war. Der Aufschlagzünder – also kein Langzeitzünder – der 250-Kilo-Bombe sei zwar noch in einem „recht gängigen Zustand“ gewesen und ließ sich „relativ einfach aus der Bombe entnehmen“. Problem war, dass vor dem Zünder ein „Detonator“ sitzt. Der neige dazu, sehr reibungsempfindliche Kristalle zu bilden. Wie gefährlich dieser mit etwa 50 Gramm ausgestattete „Vorzünder“ sein kann, beschreibt Lüdeke: „Damit hat sich schon der ein oder andere Sprengmeister die Hand abgesprengt. Also entschieden wir, den Detonator gesondert vor Ort zu sprengen.“ Das gelang gegen 0.30 Uhr am Freitag, es gab keine Schäden. „Dementsprechend waren wir glücklich“, sagt Lüdeke. „Das war es für uns.“

Bilanz der Bombenentschärfung in Göttingen: Zufriedener Oberbürgermeister

Glücklich ist auch Rolf-Georg Köhler am Freitag: „Sie erleben heute einen weitaus zufriedeneren Oberbürgermeister als gestern um diese Zeit. Es gab keine Schäden und viel gegenseitige Hilfe.“ Er bedankt sich bei allen Hilfs- und Einsatzdiensten: DRK, Malteser, THW, ASB, Johanniter, auch beim Landkreis und anderen Kreisen und Bundesländern, so Kassel, Northeim und Eichsfeld, die mit Menschen und Material wie Fahrzeugen geholfen hätten. „Es war eine hervorragende Zusammenarbeit auch unter den Hilfsdiensten mit mehr als 800 Einsatzkräften, die top organisiert war.“ 20 000 Menschen, auch zwei Krankenhäuser, mussten evakuiert werden.

Die Bombe ist entschärft: Sprengmeister Thorsten Lüdeke zeigte sich erleichtert.

Ein Lob, das auch an Ordnungsdezernent Christian Schmetz geht. Der fühlt „eine große Dankbarkeit, Zufriedenheit und Müdigkeit. „Ich bin stolz auf alle Einsatzkräfte und Helfer.“ Erst in der Nacht sei ihm bewusst geworden, „was alles in 16 Stunden geleistet worden ist. Ich weiß nicht, wie sehr man dieses Ehrenamt für die grandiose Leistung wertschätzen soll. Werden sie Mitglied, unterstützen sie die Organisationen“, wirbt Schmetz. Der ist – wie Köhler – aber angefasst: über das Verhalten einiger Menschen, vor allem derer, die in das 1000-Meter-Evakuierungsgebiet eindrangen oder die Wohnungen nicht verlassen wollten. Die Polizei versuchte, in Gesprächen zu überzeugen, drohte schließlich aber Zwangsgeld und -räumung, ein Aufbrechen der Wohnungstüren an, wie Polizeieinsatzleiter Niklas Fuchs sagt. Wie lange sich dadurch der Einsatz des Lüdeke-Teams verzögerte, will Fuchs nicht benennen. Es waren wohl Stunden.

Bilanz der Bombenentschärfung in Göttingen: Unsolidarisches Verhalten

„Es nervt mich!“, schimpfte Christian Schmetz über dieses für ihn „unsolidarische“ Verhalten. „Hinterfragen Sie sich selbst für Ihr Verhalten, was nicht nur eine Gefährdung für sich und andere darstellt, sondern die gesamte Aktion verzögert hat.“ Es sei auch ein Affront gegenüber der großen Mehrzahl der Bürger, die sich früh an die Vorgaben gehalten hätten. „Viele tausend Menschen hätten früher zurückkehren, Busse und Bahnen früher fahren können“, sagt Köhler gegenüber unserer Zeitung.

Die Bombe übrigens lag auf dem Gelände der Uni Göttingen. Das könnte wichtig sein für die Kostenübernahme durch das Land.

Bilanz der Bombenentschärfung in Göttingen: Zufallsfund

Für Thorsten Lüdeke war es ein „Zufallsfund“. Trotz neuer Analysetechniken bei Luftbildern werde es diese immer wieder geben, vermutet er und macht sich dann auf die Heimfahrt nach Hannover. Lüdeke wird wiederkommen – bald. Mindestens 80 vermeintliche Bombenstandorte gilt es, hier zu überprüfen. Dem glimpflich davongekommenen Baggerfahrer gibt er übrigens einen Tipp: „Ich habe ihm geraten, heute Geburtstag zu feiern.“ (Thomas Kopietz)

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