Mit Strenge gegen sexuelle Gewalt

Bischof Heiner Wilmer bindet externe Fachleute in Missbrauchsaufklärung ein

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Bischof Heiner Wilmer: Er geht gegen sexuellen Missbrauch vor.

Der neue Bischof der Diözese Hildesheim, Heiner Wilmer, war im September gerade geweiht worden, da brach das Fürchterliche über ihn herein.

Im Bistum waren seit Beginn der 1960er-Jahre, vermutlich auch mit Wissen seiner Vorgänger, mindestens 153 Menschen zu Opfern sexualisierter Gewalt geworden. Begangen wurden die Taten von 46 Geistlichen, 36 von ihnen leben mittlerweile nicht mehr.

In Deutschland sollen von 1946 bis 2014 sogar 3677 Minderjährige von 1670 Geistlichen sexuell missbraucht worden, ungeahnt der Dunkelziffer. Heiner Wilmer forderte sofort „eine Reinigung“ in seinem Bistum. Und er sagte gegenüber der „Zeit“: „Der Umgang mit dem Missbrauch wird meine Nagelprobe. Daran werden mich die Leute messen.“ Den 2010 verstorbenen Vorgänger Josef Homeyer kritisierte er scharf über den Umgang mit Missbrauchsfällen und Priestern, also Tätern.

Der Gipfel: Ein Kirchenmitarbeiter habe vor mehr als einem Vierteljahrhundert die Bistumsleitung über den Missbrauchsverdacht gegen den ehemaligen Jesuitenpater Peter R. informiert. Der suspendierte Pater gilt als einer der Haupttäter im Skandal am Berliner Jesuiten-Gymnasium Canisius-Kolleg (wir berichteten). Peter R. arbeitete von 1982 bis 2003 im Bistum Hildesheim – während der Amtszeit Homeyers. Der aber hatte damals dem Informanten mit Abmahnung gedroht, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Die Bistumsleitung habe versagt und Fürchterliches zugedeckt, ist das Fazit Wilmers, der eine konsequente Untersuchung ankündigte und schnell die Installation von externen Prüfern und Beratern forderte.

Dazu steht Bischof Wilmer auch im Juni 2019. Mittlerweile ist einiges ins Rollen gekommen: „Wir sind in der Aufklärung komplett weg von der binnenkirchlichen Struktur, wir setzen auf externe Fachleute“, berichtet er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die Unabhängigkeit der Fachleute sei unerlässlich für die Aufklärung der Missbrauchsfälle, die sich seit dem Ende der 50er-Jahre angehäuft haben – und unter den Folgen noch heute viele Menschen leiden.

Die Expertengruppe, die sich auch mit den massiven Vorhaltungen gegen Wilmers Vor-Vor-Vorgänger Heinrich-Maria Janssen befassen, besteht aus Mitarbeitern des Instituts für Praxisforschung aus München, der ehemaligen niedersächsischen Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz und dem früheren leitenden Oberstaatsanwalt Kurt Schrimm, wie Wilmer berichtet. Schrimm war bis 2015 Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Er sei ein echter Aktenfuchs, der sich in die Unterlagen eingraben wird.

Für den 58-jährigen Wilmer geht es aber nicht nur um die Vergangenheit. Er richtet den Fokus auch auf die Zukunft – und die Verhinderung von sexualisierter Gewalt sowie der Meldung von Fällen.

Eine Gruppe von professionellen Ansprechpartnern gibt es im Bistum Hildesheim bereits – an verschiedenen Orten. „Alle stehen nicht auf der Gehaltsliste des Bistums“, betont Wilmer. Diese externen Ansprechpersonen wiederum gehören zu einem Beraterstab, der von der ehemaligen Bundesarbeitsministerin Andrea Fischer unabhängig geleitet wird.

Im Bistum Hildesheim seien zudem bisher „mehr als 10 000 Haupt- und Ehrenamtliche in Prävention geschult worden“, wie der Bischof schildert. „Die Schulungen laufen weiter“, kündigt er an und ergänzt: „Ich lege großen Wert darauf, dass alle Mitarbeiter das machen. Keiner kommt daran vorbei. Da sind wir sehr streng.“

Eine Strenge, die über Jahrzehnte zuvor in der katholischen Kirche, auch im Bistum Hildesheim, beim Tabu-Thema Missbrauch nicht zu spüren war.

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