Serie Göttingen Alt und Neu

Als Bismarck auf den Stadtwall zog

Müßiggang am Wall: Zwischen Bismarck-Häuschen (rechts) und Kleiner Mühle ist der Stadtwall besonders schön – und er war es dort auch schon vor 100 Jahren. Foto: Sutton-Verlag/nh

Göttingen. Der Stadtwall war einst Befestigungsanlage für den Stadtkern. Auf den Göttinger Wall musste sich 1833 der damals 18-jährige und feierfreudige Student Otto von Bismarck zurückziehen, weil er mehrfach in der Stadt negativ aufgefallen war.

Einst schützte der Wall den Stadtkern. Heute dient er der Erholung: Spaziergänger und Jogger nutzen den breiten, von Bäumen gesäumten Weg, aber auch Menschen, die abseits voller Innenstadtstraßen in Ruhe von A nach B kommen wollen.

Das ist nicht neu: Seit jeher nutzten Göttinger ihren Wall, das grüne Band rund um die Altstadt, zu diesen Zwecken.

Ein besonders schöner Abschnitt ist der zwischen Kurze- Geismar-Straße und Nikolaistraße, mit dem Bismarkhäuschen, wo einst der spätere Reichskanzler als Jurastudent gewohnt hat, wenn auch nur kurz von Frühjahr bis Herbst 1833.

Um ihn rankt sich auch eine Geschichte: Der damals 18-Jährige soll sein Domizil nämlich nicht freiwillig bezogen haben. Wegen wiederholter Verstöße gegen die öffentliche Ordnung musste Otto von Bismarck seine Studentenbude in der Innenstadt räumen und eine Bleibe außerhalb der Stadt suchen. So kam er in das Häuschen auf dem Wall – gegenüber der kleinen Mühle, die Odilienmühle heißt und erstmals 1305 erwähnt wurde.

Das heutige Mühlengebäude stammt aus den Jahren 1766/1767. Das Bismarck-Häuschen ist Überbleibsel eines 1447 errichteten Wachturms.

Die Genehmigung zur Errichtung des Walls wurde 1362 von Herzog Ernst von Braunschweig-Göttingen erteilt, der Bau zog sich über 200 Jahre hin. Zunächst bildete er einen Graben mit niedriger Erhöhung, der durch Zäune und Knicks, später Planken und einer niedrigen gemauerten Mauer verstärkt wurde.

Später gab es eine starke Stützmauer, einen breiten, aus einer Kette von Teichen zusammengesetzten Festungsgraben und mindestens 30 am Außenrand der Wälle errichtete Türme. Es gab vier Haupttore. Sie sind heute zu offenen breiten Zufahrten für Autofahrer geworden, die zentrumsnah parken wollen.

Der Wall aber hat sich über ein Jahrhundert nur wenig verändert – wie auch das Verhalten seiner Nutzer. (tko)

• „Göttingen“, Reihe „Zeitsprünge“, von Lorenz Knierim, Wolfgang Webermann, Christoph Schmidt; Sutton-Verlag, Erfurt, Preis: 17,95 Euro.

Von Thomas Kopietz

Vier Fragen

Rote Karte für Bismarck

Das Kapitel Otto von Bismarck in Göttingen war ein kurzes: Der spätere Reichskanzler hat 1833 nach drei Semestern die Stadt verlassen. Über die Hintergründe sprachen wir mit der Stadtführerin Margareta Hultsch, die auch Führungen über den Stadtwall anbietet und natürlich alles über den Bismarck-Auftritt in Göttingen aus dem Jahr 1833 weiß.

Frau Hultsch, warum war der spätere Reichskanzler Otto von Bismarck in Göttingen nicht wohl gelitten?

Margareta Hultsch: Otto von Bismarck hat das Leben in Göttingen genossen und war mehrfach auffällig geworden. Er wohnte zunächst in der Roten Straße 27, musste dann seine Studentenbude räumen, die Innenstadt verlassen und in das heutige, nach ihm benannte Häuschen auf dem Wall ziehen, das als nicht mehr der Kernstadt zugehörig galt. Bismarck ist also nicht freiwillig aus dem Stadtkern gezogen.

Auch Göttingen hat er nicht freiwillig verlassen...

Hultsch: Otto von Bismarck liebte das Studentenleben mehr als das Studium. Er geriet in Konflikt mit den Universitätsbehörden und das führte zu mehreren Verfahren vor dem Universitätsgericht. Das brachte ihm Karzer-Strafen und letztlich das Verlassen der Universität ein. Er ging also nicht freiwillig.

War von Bismarck ein lebensfroher Geselle?

Hultsch: Ohne Zweifel. Als er sich auf Wunsch seiner Mutter an der renommierten Georgia Augusta einschrieb, war er gerade 17 Jahre alt. Der "Studiosus der Rechte und Staatswissenschaften" fühlte sich nach einigen Monaten sehr wohl in Göttingen. Hier gab es neben dem Studium, die von der Mutter gewünschten Zusatzangebote wie Reit-, Fecht- und Tanzunterricht. Die haben dem jungen von Bismarck offensichtlich sehr gefallen. Und er hat den Kursen noch eine weitere Disziplin hinzugefügt: Trinken! Dann hat er eben öfter über die Stränge geschlagen

Wollte die Stadt eigentlich den Rausschmiss wieder vergessen machen?

Hultsch: Ja. Eine Delegation ist zum Reichskanzler gefahren und hat ihm die Ehrenbürgerschaft angeboten. Otto von Bismarck hat sie angenommen, war aber offensichtlich noch immer sauer über das, was ihm in Göttingen geschehen ist. In einem Dankesschreiben erinnert er sich an die Mädchen, das Bier und die getrockneten Mettwürste. Kein Wort von der Stadt und der Universität. (tko) Foto: Kopietz

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