Blindenfußball-Nationalteam: Fußball der außergewöhnlichen Art

Immer an der Bande entlang: Zwischen beiden Teams ging es ziemlich heftig zur Sache. Foto: Jelinek/gsd

Göttingen. „Voy, voy, voy“ – immer wieder, sicher mehrere 1000 Mal schallt das spanische „Ich komme“ über den Kunstrasen-Platz neben dem Göttinger Jahnstadion.

Das ist gewissermaßen als Warnung gedacht, denn diese behinderten Sportler, um die es hier geht, können nicht sehen. Die deutsche Blindenfußball-Nationalmannschaft war zu Gast in Göttingen, trug zwei Länderspiele gegen den amtierenden Europameister Spanien aus. Das erste ging am Samstag vor 250 Zuschauern ganz unglücklich vier Minuten vor Schluss mit 0:1 verloren, das zweite deutlich mit 0:3.

Man muss einfach Riesen-Respekt vor diesen Fußballern haben! Was diese „vollblinden Kicker“ (Bundestrainer Ulrich Pfisterer: „Sie sind ärztlich getestet“) der Kategorie „B1“ zeigen, nötigt allerhöchste Anerkennung ab. Allein der Kopf ist schaumstoff-geschützt, sonst geht’s hart zur Sache wie in der Bundesliga zwischen Bayern und Dortmund.

Drei Spieler verletzt

Rolf Husmann, Foto: Jelinek/gsd

„Leider haben sich drei ganz wichtige Spieler verletzt“, beklagte Dr. Rolf Husmann nach dem zweiten Match. Alle drei Akteure sind wichtig für die EM Ende August in Hereford (England), wo sich das deutsche Team für die Paralympics 2016 in Rio qualifizieren möchte. Vedat Sarikaya musste sogar mit der Trage vom Platz, später ging es aber schon wieder etwas besser.

„Bitte seien Sie so ruhig wie möglich, damit die Spieler den Ball hören können“, instruiert Kristian von „www.blindenfußball.de“ die verblüfften Zuschauer vorm Anpfiff. Nanu? Ein krasser Gegensatz zu den mit Sprechchören brodelnden Arenen im „sehenden“ Fußball. Im Ball ist eine Klingel, die den Akteuren die ungefähre Position anzeigt. Da erfährt der Fußballspruch „jetzt klingelt’s“ gleich eine ganz andere Bedeutung.

Die Banden an den Längsseiten dienen den Spielern zur Orientierung. Ganz ungewöhnlich wird’s, wenn es einen Sechs-Meter (wie ein Elfmeter) oder Acht-Meter (nach mehr als drei Teamfouls gibt: Dann klopft der hinter dem gegnerischen Tor stehende, die Spieler leitende „Guide“ (Führer) Werner Nordlohne (Trainer von Eintracht Braunschweigs Blindenfußballern) mit einer Münze an die metallischen Torpfosten – die Spieler „hören“, wo der Kasten steht. Im ersten Match hielt Deutschlands sehender Torwart Enrico Göbel den Strafstoß eines Spaniers. Pech aber für Deutschlands aus Ghana stammenden Kofi Osei, der einen Strafstoß an die Lattenunterkante jagte und auch für Mulgeto Russom, der drüber zielte. „Die Dinger müssen einfach mal reingehen“, meinte Deutschlands Andreas Fangmann im besten Fußball-Terminus.

Damit dies weniger passiert, testete das deutsche Team am Sonntag erstmals in Europa auf größere Hockey- statt auf die bisherigen Handball-Tore. „Meine Idee“, sagt Bundestrainer Ulrich Pfisterer, der noch viele Innovationen im Kopf hat. „Dadurch soll es mehr Tore und Torwartparaden geben, das Spiel soll noch attraktiver werden.“ Gab’s dann ja auch – nur auf der falschen Seite beim 3:0-Sieg der Spanier. Pfisterer war vom ersten Spiel „positiv überrascht. Wir sind gut im Futter für die EM.“ 

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