Blitzmarathon: Niedersachsen denkt über Ausstieg nach

Eine Polizistin beim Blitzmarathon im April 2015 im Kreis Northeim. Foto:  Plikat

Hannover/Göttingen. Niedersachsen denkt an einen Ausstieg aus dem Blitzmarathon. „Wir beschäftigen uns sehr ernsthaft damit, uns zukünftig nicht mehr am Blitzmarathon zu beteiligen“, sagte Innenminister Boris Pistorius (SPD).

Der personelle Aufwand sei enorm, eine dauerhafte Wirkung auf die Verkehrssicherheit dagegen zweifelhaft. Zwar führen an den Tagen mit medial angekündigter 24-Stunden-Tempoüberwachung deutlich weniger Autos und Lastwagen zu schnell als bei punktuellen, unangekündigten Kontrollen. „Aber das könnte auch für kurzfristigen Gehorsam und eben keine langfristige Wirkung sprechen“, meinte der Minister. „Bislang sind die Erkenntnisse nach drei Jahren Blitzmarathon eher dürftig.“

Pistorius verwies auf die jüngsten Geschwindigkeitskontrollen auf der Bundesstraße 82 im Harz, bei denen binnen weniger Wochen 129.000 Tempoverstöße festgestellt worden waren. „Dort war also jeder Zweite zu schnell unterwegs.“

Man werde aber „mit Rücksicht auf die geltenden Beschlüsse der Innenministerkonferenz“ zunächst noch die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie aus Nordrhein-Westfalen abwarten, betonte Pistorius. Dort fand im Februar 2012 der erste Blitzmarathon statt. Am 10. Oktober 2013 folgte dann die erste bundesweite, am 16. April 2015 schließlich die erste europaweite Aktion. Für die zweite Jahreshälfte ist kein Blitzmarathon geplant.

Ob es künftig überhaupt noch solche bundesweiten Massenkontrollen mit Ansage geben wird, ist angesichts der niedersächsischen Bedenken fraglich. In der Innenministerkonferenz, die darüber zu befinden hat, gilt nämlich das Einstimmigkeitsprinzip. Die Befürworter wie NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) versprechen sich davon einen positiven Lerneffekt. Man rücke damit die tödlichen Gefahren durch Raserei stärker ins Bewusstsein.

Dagegen hält Verkehrsrechtsexperte Jens Dötsch vom Deutschen Anwaltverein (DAV), dass der Blitzmarathon kaum Autofahrer vom Rasen abhalte. Solche Aktionen produzierten zwar schöne Bilder für die Politiker, einen Beitrag für mehr Verkehrssicherheit lieferten sie nicht. Dazu müsse man ganz andere Ursachen ins Visier nehmen, forderte Dötsch mit Blick auf die amtliche Unfallstatistik.

Danach war 2013 bei den 3339 tödlichen Unfällen zwar nicht angepasste Geschwindigkeit die Hauptursache, aber in nur 201 Fällen lag auch ein echter Verstoß gegen ein bestehendes Tempolimit vor. Alkohol dagegen war in 225 Fällen im Spiel - vor allem in Wochenendnächten. Bei Unfällen mit Verletzten spielte die Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit mit 5,6 Prozent eine noch geringere Rolle. Weit vorher kamen Fehler beim Abbiegen, Anfahren oder Wenden (15,5 Prozent) sowie die Missachtung der Vorfahrt (14,6 Prozent).

Polizeistreife vor Diskos 

„Wenn man etwas Sinnvolles tun will, sollte sich die Polizei freitags und samstags vor Kneipen und Diskotheken stellen“, meint Verkehrsanwalt Dötsch. Damit ließen sich Alkohol- und Drogenunfälle insbesondere junger Leute verhindern. Angesichts eines Anstiegs von Motorradunfällen an Sommerwochenenden solle die Polizei beliebte Biker-Strecken stärker überwachen.

Auch über Fahrtauglichkeitsprüfungen für Senioren müsse man nachdenken. Der Anteil von Toten und Schwerverletzten sei bei den über 65-Jährigen sprunghaft angestiegen; diese Gruppe falle zudem durch Vorfahrtsfehler - ein typisches Aufmerksamkeitsdefizit - auf.

Hintergrund: Niedrige Sünderquote 

Beim Blitzmarathon im April registrierte die Polizei in Deutschland bei 3,25 Millionen kontrollierten Fahrzeugen insgesamt 91.262 Verstöße, was einer Quote von 2,80 Prozent entspricht. In Niedersachsen erwischte es damals bei 184.000 Messungen 5165 Temposünder (2,81 Prozent), in Hessen bei 279.000 Messungen 10.490 Fahrer (3,76 Prozent). Bei unangekündigten Kontrollen liegt die Verstoßrate dagegen meist zwischen acht und zehn Prozent.

Von Peter Mlodoch

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