Viele Pflanzen bereits wieder entfernt

„Autonome Blumenkinder“ säen 20 Kilo Cannabissamen in Göttingen

Göttingen. 20 Kilo Cannabissamen haben „Autonome Blumenkinder“ in Göttingen im Frühjahr verteilt, aus denen einige hundert Pflanzen in allen Ecken der Stadt erblühten. Die meisten wurden bereits entfernt.

„Es kann nicht genug Grün in der Stadt geben und auf den Anblick von Polizistinnen mit Gartenkrallen am Gürtel wollen wir sicherlich auch in den folgenden Jahren nicht verzichten“, heißt es in der Broschüre „Hanf säen mit Anna und Arthur“. Die Grüne Jugend hat sie herausgegeben und bekräftigt darin ihre Forderung nach einer Legalisierung der Droge.

Wie voriges Jahr ist ein Medienhype um das Göttinger Phänomen entstanden. Selbst bei Twitter werden unter dem Hashtag #potcitygoe täglich neue Bilder von Hanfpflanzen im Stadtgebiet von der Grünen Jugend veröffentlicht.

Das Göttinger Grünflächenamt entferne die meisten Pflanzen, sagt Joachim Lüther von der Pressestelle der Polizeiinspektion Göttingen.

„Die eingesetzten Polizeiressourcen sind gering.“ Entfernte Pflanzen gelangten dann in die Asservatenkammer. „Menge und Qualität der Pflanzen“ seien jedoch wahrscheinlich „nicht ausreichend“ für die Einstufung als Straftatbestand. Illegal sei die Aussaat aber dennoch.

Die Polizei solle lieber echte Verbrecher jagen, fordert ein Mitglied der Grünen Jugend, das anonym bleiben möchte. Die Vorgehensweise der Polizei sei absurd. 10 000 Mal wurden die Fotos der Cannabispflanzen aufgerufen. Das Mitglied der Grünen Jugend fragt sich nun, wie viele dieser Aufrufe von Polizisten stammen, auf der Suche nach Pflanzen. Lüther bestätigt, dass die Polizei die meisten Pflanzen tatsächlich „durch Recherche“ auf den Internetseiten der Grünen Jugend finde.

Durch das rigorose Entfernen der Pflanzen mache sich die Polizei lächerlich, meint ein Mitglied der Grünen Jugend. Ihre Strategie sei es, Druck zu erzeugen. Die Polizei hingegen befürchte keinen Imageschaden, so Lüther.

Ob es nächstes Jahr wieder eine Hanfaussaat gibt, hänge vom Engagement der Cannabisfreunde ab. Wie genau der Hanf ausgesät wird, weiß man nicht, behauptet die Grüne Jugend. Es gibt aber Vermutungen. Neben dem Streuen von Samen ziehen Akteure zu Hause Pflanzen vor, die sie dann nach draußen umpflanzen. Oder sie backen Samen in Spezialton ein, damit sie erst bei starkem Regen aufgehen und so garantiert groß werden. „Seed bombing“ nennt sich diese Methode. Die Samen seien als Vogelfutter oder im Baumarkt problemlos erhältlich. In einer Broschüre der Grünen Jugend wird zur Aussaat von Hanf aufgerufen, um ein „politisches Statement“ zu setzen. „Im Zweifel haben wir natürlich Vogelfutter für die Tauben dabei“, heißt es dort. Werden die Täter erwischt, „wird ein Verfahren nach dem Betäubungsmittelgesetz wegen des unerlaubten Anbaus von Cannabis eingeleitet“, sagt Lüther.

Drogenberatung sieht Aktion kritisch 

Was die Grüne Jugend freut und für sie mit dem Ziel eines mündigen Umgangs mit der Droge verbunden sei, sieht Sozialtherapeut Markus Lingemann von der Göttinger Drogenberatung sehr kritisch. „Für uns ist das nicht spaßig. Ich sehe die Gefahr der Verharmlosung von Cannabis.“ Die Mehrheit seiner Patienten seien durch Cannabis stark geschädigt.

„Es macht antriebsarm und führt die Jugendlichen in eine Abwärtsspirale. Sie schmeißen ihr Leben.“ Er ruft dazu auf, bereits bei geringen Problemen zur Drogenberatung zu kommen, denn „dann ist der Therapieweg nicht so weit.“

Die Grüne Jugend argumentiert, dass staatlich kontrollierter Cannabis-Konsum wie in den Niederlanden dem Schwarzmarkt seine Kunden entziehe. So kämen sie auch nicht mehr mit härteren Drogen in Berührung. Gleichzeitig sei Aufklärung über Cannabis nötig. Ein Mitglied der Grünen Jugend meint, dass eine Legalisierung nicht mehr Drogenkonsum mit sich bringe. Die These von Cannabis als Einstiegsdroge hält er für einen Mythos.

Dem stimmt Lingemann zu. Jedoch hätten manche Menschen schlichtweg eine Veranlagung für Psychosen. Ohne den Konsum von Cannabis blieben ihnen solche negativen Folgen „ein Leben lang erspart“. Es sei nicht unbedingt harmloser als Alkohol, wie das die Grüne Jugend behauptet.

Die zeigt sich zufrieden mit der Aktion der „Blumenkinder“. Negative Reaktionen habe sie, außer von Polizei und Stadt, nicht erhalten. Das veranschauliche den gelassenen Umgang der Gesellschaft mit Cannabis, sagen sie.

Von Adrian Schulz

Rubriklistenbild: © Sasse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.