Die Träume alter Menschen

Boat-People-Projekt „Alte Träume“ beleuchtet das Leben älterer Menschen

Frau mit Träumen und Ausstrahlung: Emmy von Eiche singt in „Alte Träume“ als Marlene Dietrich. Foto: nh
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Frau mit Träumen und Ausstrahlung: Emmy von Eiche singt in „Alte Träume“ als Marlene Dietrich.

Göttingen. Wo bleiben unsere Träume und Wünsche an das Leben, wenn wir alt werden? Mitarbeiter des Boat People Projekts Göttingen sind dieser Frage nachgegangen und haben über acht Monate Bewohner des Pflegeheims Pro Seniore Residenz begleitet und nach ihren Lebensgeschichten und Träumen gefragt.

Herausgekommen ist das Stück „Alte Träume“, das in der Seniorenresidenz im Friedländer Weg am Freitag Premiere mit viel heiterer Leichtigkeit hatte, aber mit intimen Einblicken auch tief berührte.

Das Publikum wartet und die Spielleiter Franziska Aeschlimann und Reimar de la Chevallerie werden langsam nervös. Denn das „Ensemble der Funktionslosen“, wie die Bewohner des Altenheims augenzwinkernd benannt sind, taucht nicht auf. Auch die Oma- und Opa-Rufe der Mädchen Fanny und Pauline helfen nicht. Ein Alptraum für den Regisseur: „Ich schaue nach und keiner ist da. Sie wissen nicht, was wir von ihnen wollen. Vielleicht haben sie’s vergessen.“ Unser aller vorgefertigter Blick auf das Alter?

Da wird erst mal ein Video eingespielt. Eine Frau, deren Leben in ihrem Gesicht abzulesen ist, erzählt freudig von ihrer Entdeckung, dass ihr alter Bus am Altenheim hält. Nun weiß sie endlich, wie sie hier wieder wegkommt. Ihre Augen blitzen auf, lustig sei sie immer gewesen und habe viel Unsinn gemacht. Doch dann verdunkelt sich der Blick wieder: ihre Freundin, mit der sie ins Altersheim gekommen war, ist gestorben.

Endlich kommt Leben in die Halle. Pfleger Martin bringt Ulrich Boll im Rollstuhl herein, der mittels Flüstertüte die Ensemblemitglieder vorstellt und jedem lachend einen Seitenhieb zu Eigenarten mitgibt. Da sind die „Fee von Pro Seniore“, Christel Ertl, die mit alten Fotos versucht, ihre Vergangenheit zu ordnen, und die von den Männern umschwärmte Sigrid Mahnke.

„Erzählt mir eure Träume“, suggeriert Aeschlimann, denn die müssen doch auch dort sein, wo sich das Wesen hin zurückgezogen hat. Doch davon erfahren die Zuschauer wenig. Eine will sie nicht preisgeben, weil sie sie bewahren möchte, ein anderer träumt nicht mehr.

Immer wieder werden stark berührende Videos eingeblendet. Etwa von Ute Woyna und Inge Renneberg, die eifrigsten Probenteilnehmerinnen, die die Premiere nicht mehr erlebten. Abseits des Geschehens sitzt Ferdinand von Reitzenstein und malt in sich versunken ein Portrait des Regisseurs. Absoluter Höhepunkt des Abends ist der Auftritt der „Marlene Dietrich“ des Seniorenheims, Emmy von Eiche. Mit Pfleger Martin singt sie professionell und hinreißend „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“.

Nein, direkt erfahren die Zuschauer wenig über die alten Träume, aber sie können sie nach dem mit viel Applaus bedachten Stück erahnen.

Mehr Theater

Aufführungen: 20., 21., 26., 27. und 28. April, Ort: Pro Seniore Residenz, Firedländer Weg 55a. Zeitgleich läuft eine Ausstellung mit Videos und Fotos zu diesem ungewöhnlichen Theaterprojekt vom 21. April bis 12. Mai in der Torhaus-Galerie am Stadtfriedhof, Kasseler Landstr.1. Vernissage ist am Sonntag, 21. April, um 11 Uhr.

Von Carmen Barann

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