Bosse über Göttingen, neues Album und Politik

Mit dem Stinkefinger gegen Nazis platzte bei Bosse der Knoten

Haltung zeigen: Bosse zeigt beim NDR2-Soundcheck-Festival 2018 in der Lokhalle was ihm wichtig ist: „Refugees Welcome“ steht auf dem T-Shirt. Foto: Harald Kuhl

Göttingen. Bosse ist einer der erfolgreichsten deutschen Musiker - und einer, der Haltung zeigen will, auch gegen die, die Demokratie gefährden, wie er im Interview sagt.

Axel Bosse (38) steht auf der riesigen Bühne in der Lokhalle, diesem Monstrum mit dem unwiderstehlichen Charme einer alten Fabrik samt mächtiger Stahlträger aus der Zeit des beginnenden Industriezeitalters. Vor dem Schwarz des abgeschalteten Riesen-Screens wirkt der ohnehin nicht groß gewachsene Axel Bosse – gekleidet in Jogginghose und Jeansjacke – klein. Er singt noch ein paar Zeilen aus „Schönste Zeit“. Dann bedankt er sich nett bei seiner achtköpfigen Band. „Danke, Danke!“

So ist Axel Bosse, ausgestattet mit ehrlicher Freundlichkeit, wachen Augen, Herzlichkeit. Ein Kumpel. „Ich muss noch schnell eine Rauchen, darf ich“, fragt er vor dem Interview. „Klar!“ „Ich mach´ auch schnell“!

„Hallo, ich bin der Aki“, sagt er nach der Zigarette und streckt die Hand entgegen. Fester Händedruck. Auf dem Weg nach Draußen grüßt er noch flugs einen Security-Mann: „Hallo, alles klar, geht’s gut?“ Zwischen Lastwagen und Paletten gibt’s dann ein Interview im Stehen – kurz und oberflächlich ist es deshalb nicht. Und Bosse verbietet sich das „Sie“. Sein Credo ist Natürlichkeit statt künstlicher Distanz.

Du wirst als entspannter, offener Typ bezeichnet und entsprichst absolut diesen Attributen. Wie schaffst Du es, trotz wachsender Bekanntheit, so zu bleiben? Wie erdest Du Dich?

Bosse: Bei Stresssituationen habe ich einen hohen Humoranteil. Ich kann sehr gut über mich Lachen. Meine Bandmitglieder sind auch so. Wir haben grundsätzlich viel Freude miteinander und an der Musik. Ich bin selbst jetzt bei der Promo-Tour für ein neues Album nicht so wie andere, die sagen: Puh, ich muss um fünf Uhr aufstehen und habe zig Termine. Dann denke ich: Warum sind denn diese Musiker alle so weich? Viele Leute stehen ganz früh auf, sie müssen aber die Straße teeren, Brötchen backen oder ins Büro laufen. Sie alle beschweren sich auch nicht die ganze Zeit. Und überhaupt: Ich fand schon immer die Leute schlimm, die dachten, sie seien geiler als aller anderen.

Du musst Dich also gar nicht erden, Du lebst so...

Bosse: Ja, ich stehe eben früh auf und manchmal muss ich sehr viel tun, dann wieder ausruhen, dann wieder hoch konzentriert sein – das zehrt bei mir eher am Körper, gar nicht so am Geist. Der Körper sagt dann: Bitte mal wieder am Sonntag nur im Jogginganzug rumhängen und nicht auf jedes Wort achten, was Du sagst.

Du bist ja auch Vater, dann zerren ja andere an Dir herum, positiv gemeint...

Bosse: Ja, meine Tochter hat mich schon abgehärtet und strukturiert. Ich hatte schon immer das Problem fertig zu werden. Nun habe ich, weil ich mit meiner Tochter etwas unternehmen will, eine gute Struktur gefunden, wann ich Zeiten für mich habe, um kreativ zu sein. Ich kann das ganz gut auf Knopfdruck.

Du schreibst ja selbst, und Dir gelingen feine Textzeilen, an denen man gedanklich hängen bleibt..

Bosse. Vielen Dank! Das freut mich!

Wie gelingt Dir das, spontan?

Bosse: Wenn ich anfange zu texten, dann brauche ich einen Grund aus dem heraus er geschrieben wird, eine zündende Idee oder ein Thema, an dem ich mich festhalten kann. Wenn ich das habe, dann kann ich drauflos schreiben und irgendwann die Gitarre dazu nehmen.

Aber Du bist auch politisch..

Bosse: Ja, so wie auch auf meinem neuen Album „Alles ist jetzt“. Da geht es in Stücken auch um Politik und Haltung. Ein Lied heißt „Robert de Niro“, daran schreibe ich auch schon mal ein halbes Jahr, lege den Text wieder weg, mache weiter – ich bin dabei super kritisch mit mir. Das liegt an dem Thema, es braucht mehr Schlauheit, Haltung, Information auch Gespräche mit anderen.

Stichwort Politik: Chemnitz hat gezeigt, Musiker können politische Statements abgeben. Sollten Sie das tun? Wie tust Du es? Wie bringst Deine Bekanntheit ins Spiel?

Bosse: Mit 13 wurde ich ein politischer Mensch. Ich habe dann vor vier Jahren bei der Echo-Verleihung einen Stinkefinger gegen Nazis gezeigt. Das war meine erste politische Äußerung auf einer Großveranstaltung, die Millionen Leute gesehen haben.

Und manchen TV-Zuschauer empört hat..

Bosse:Richtig. Aber da ist für mich ein Knoten geplatzt, weil ich so eine Wut im Bauch hatte. Seitdem bin ich als Künstler aktiv. Angefangen hat es damit, dass ich in Hamburg in der Großen Freiheit 2016 für Pro Asyl und Hanseatic Help gespielt habe. Ich habe, kurz bevor Chemnitz passiert ist, in Jamel gespielt, bei „Jamel rockt den Förster“.

Was hat es mit Jamel auf sich?

Bosse: Jamel ist ein Nazi-Dorf zwischen Hamburg und Berlin, da haben auch schon Herbert Grönemeyer und die Ärzte gespielt, um darauf hinzuweisen, dass es dort eine kleine bunte Insel mit Bewohnern gibt, die den Belästigungen durch Rechte trotzen. Ich war auch beim Sponti-Konzert in Chemnitz dabei. Mir ist es ein Bedürfnis und eine Pflicht, als Musiker und Mensch, der in der Öffentlichkeit steht, Vorbild zu sein – Empathie und Haltung zu zeigen. Wir sollten das vorleben.

Erreichst Du damit etwas?

Bosse: Ja, für mich selbst sowieso, und man kann auch bei anderen Menschen etwas erreichen. Das spüre ich. Ich spreche ja bei und nach Konzerten mit den Leuten. Jetzt ist die Zeit für alle Menschen, die die Demokratie, Freiheit und Fairness lieben, aufzustehen.

Bekommst Du Anfeindungen und Drohungen?

Bosse: Ja. Nach dem Echo gingen, glaube ich, 300 Anzeigen gegen solche Typen raus. Das Netz ist ja auch ein lächerlicher Platz für Idioten und Rechtschreibfehler.

Das neue Album ist seit dem 12. Oktober raus..

Bosse: ..und ist natürlich meine beste Platte bis jetzt (lacht).

Das muss man auf einer Promo-Tour so sagen.., aber was hast Du in Promo-Gesprächen noch nicht darüber gesagt?

Bosse: Ähm... (überlegt),Dass es mir diesmal bei der Arbeit am Album ziemlich leicht gefallen ist. Das sagt man irgendwie ungern, ist aber so. Es hat nur Freude gemacht und das ist hoffentlich hörbar. Die Lieder, die mir leicht fallen beim Schreiben und Produzieren, höre ich später gerne, sie klingen unkompliziert, selbst wenn sie Tiefgang haben. Bei anderen Stücken, die Bastarde waren, höre ich noch Jahre später die Verkrampfung bei der Arbeit heraus, die dann irgendwann durch Arbeit gelöst wurde.

Danke für das Gespräch!

Bosse: Es hat mich sehr gefreut!

Am Abend beim NDR-Soundcheck, macht Bosse beim Foto-Schooting mit allen Stars, die beim Festival-Finale auftreten, als einziger Faxen, Gesten und Grimassen. Fans, die ihn ansprechen, sagt er gerne ein „Hallo, ich bin der Aki“. So ist Axel Bosse. Auf der Bühne fegt er dann los wie die Feuerwehr. Fünf Stücke lang tobt und tanzt er umher, reißt die 6000 mit. Und er singt, trotz Promo-Tour, nur den Titelsong des neuen Albums: „Alles ist jetzt“, ein Song der stellvertretend ist, für Axel Bosse und den Moment, der ihm und den Zuhörern viel gibt. Hinter der Bühne ist er dann völlig normal und freut sich darüber, „viele nette Menschen und Musikerkollegen zu treffen“. „Schönste Zeit“ übrigens singt er, „weil ich das Lied so mag“. Bosse sagt das nicht nur so dahin. Er ist ihm ernst. Wie dann, wenn er über das Wort Haltung spricht, was andere Promis dahinfaseln, weil es gerade angesagt ist.

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