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Göttinger Initiatoren von „BoycottQatar“ sprechen über die WM – und ihre Beweggründe

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Von: Thomas Kopietz

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Eine Initiative, angeschoben von den beiden Autoren Bernd M. Beyer und Dietrich Schulze-Marmeling, wollte die WM in Katar verhindern. Erfolgreich ist sie trotzdem.

Göttingen/Münster – BoycottQatar 2022 – der Titel der Initiative ist eindeutig. Es ist auch zum Start der Fußball-WM in Katar ein Appell an Fans und TV-Zuschauer weltweit. In deutschen Stadien waren wochenlang Transparente zu sehen.

Wir haben mit den beiden Initiatoren, den Autoren und Fußballfreunden Dietrich Schulze-Marmeling und Bernd M. Beyer aus Göttingen darüber gesprochen, wie es um die WM und „BoycottQatar 2022“ steht.

Fifa-WM 2022 in Katar: Interview mit Initiatoren von „BoycottQatar“

Bei Live-Übertragungen im TV kaum zu sehen: der Protest in den Bundesliga-Stadien gegen die WM in Katar und die Unterstützung für die Initiative „BoycottQatar 2022“. Hier beim Spiel Borussia Mönchengladbach gegen Borussia Dortmund (4:2) am letzten Spieltag vor der Weltmeisterschaft.
Bei Live-Übertragungen im TV kaum zu sehen: Der Protest in den Bundesliga-Stadien gegen die WM in Katar und die Unterstützung für die Initiative „BoycottQatar 2022“. Hier beim Spiel Borussia Mönchengladbach gegen Borussia Dortmund (4:2) am letzten Spieltag vor der Weltmeisterschaft. © DPA

Ihre Initiative „BoycottQatar 2022“ hat die WM nicht verhindern können. Was hat sie dennoch bewirkt?

Schulze-Marmeling: BoycottQatar lief gemächlich an – auch wegen Pandemie und Ukraine-Krieg. Auch die Fan-Szenen zeigten sich zurückhaltend und hatten dafür Gründe: Eigene Themen in den Vereinen wie 50+1, wenig Interesse an der Nationalelf und mit der FIFA hatten sie ohnehin abgeschlossen. Im Sommer änderte sich das, besonders an den letzten Spieltagen. So haben wir in jedem Stadion in Deutschland, wo Profifußball gespielt wird, einen Protest gegen die WM in Katar gesehen – oft auch mit unserem Banner, häufig auch mit eigenen Choreos der Fans. Das haben wir uns zwar gewünscht, aber in dieser Form nicht damit gerechnet. Wir haben 200.000 Aufkleber verteilt und 500 Transparente vergeben, Tausende Broschüren vertrieben und zig Veranstaltungen bestückt. Wir sind damit aber auch personell überfordert.

Freuen Sie sich auf diese WM – sportlich?

Schulze-Marmeling: Ich weiß nicht einmal, wer die deutschen Gruppengegner sind. Das sagt alles. Ich habe in der Vergangenheit über viele Weltmeisterschaften geschrieben, auch in unserem Verlag Die Werkstatt ein Kompendium veröffentlicht. Ich habe mich viele Jahre intensiv mit Nationen, Teams und Taktiken beschäftigt. Dies ist jetzt eine WM, über die ich unglaublich wenig weiß. Diese WM interessiert mich nicht. Und ich höre das auch von vielen Leuten, ob Kollegen oder Freunden. Das mag neben den schlimmen Geschehnissen um Vergabe, Bau und Menschenrechtsmissachtungen auch am Zeitpunkt Winter liegen.

Beyer: Das Sportliche wird bei uns als Aktivisten natürlich überlagert von den politischen Diskussionen. Das ginge mir aber auch so, wenn ich nicht für BoycottQatar 2022 engagiert wäre. In meinem Freundeskreis freut sich keiner auf diese WM – es herrscht eine Unentschlossenheit. Keiner will diese WM so, jetzt und in diesem Land.

Werden Sie WM-Spiele im Fernsehen anschauen?

Schulze-Marmeling: Ich kann fast kein Spiel unserer Mannschaft sehen, weil es während der WM viele Veranstaltungen gibt, zu denen ich eingeladen bin. Denn Veranstalter, auch Kneipen, wo sonst Spiele gezeigt werden, lassen die Fernseher aus, bieten alternative Programme an.

Beyer: (lacht) Meine Frau hat schon angedroht, dass sie, wenn ich als Mitorganisator von BoycottQuatar Spiele anschauen sollte, zur Whistle-Blowerin wird und das öffentlich macht.

Werden Sie gefragt, was man tun soll?

Schulze-Marmeling: Ja, wir werden gefragt. Aber wir sind keine Religions- oder Fußball-Polizei. Wichtig ist für mich: Wenn man Spiele schaut, dann sollte man kritisch bleiben und nicht einem Begeisterungstaumel erliegen. Wir wünschen uns aber, dass möglichst viele Leute das Turnier nicht sehen.

Damit die Einschaltquoten im Keller bleiben?

Schulze-Marmeling: Ja, natürlich. Das bringt die Fußball-Oberen in FIFA und Verbänden sowie die Sender vielleicht zum Nachdenken – eventuell auch Sponsoren.

ZDF und ARD haben zuletzt kritisch berichtet. Wird das so bleiben?

Schulze-Marmeling: Die Berichterstattung war in der Tat kritisch, darunter besonders die Reportagen von Benjamin Best vom WDR, aber ich denke, dass es während der WM so nicht weitergehen wird. Es scheint, als decke man nun vorab die kritische Seite ab, um danach das Produkt Fußball wieder wie gehabt präsentieren zu können.

Beyer: Ich fürchte, während der WM werden die kritischen Berichte nur noch Alibi-Funktion haben und in Nebenformate abgeschoben. Die Spielberichte werden sich aufs Sportliche beschränken und versuchen, die Stimmung hochzujubeln. Wir sehen das in den Spots, in denen ARD und ZDF für ihre Berichterstattung werben.

In den Live-Übertragungen der Bundesliga-Spiele auf Sky und DAZN war auch nicht viel von den Protestaktionen zu sehen.

Schulze-Marmeling: Diesen Eindruck hatte ich auch. Die Protestaktionen waren aber echt eindrucksvoll, so in Berlin und Dortmund. Da muste man sich schon anstrengen, diese Proteste nicht ins Bild zu bekommen. Es kann also sein, dass es Regieanweisungen gab, die Banner nicht oder nur kurz zu zeigen.

Was wird während der WM im Rahmen von BoycottQatar laufen?

Beyer: Es wird während der WM viele Veranstaltungen geben. Das ist genau das, was wir erreichen wollten. Es sind nicht immer Vorträge und Diskussionsveranstaltungen, sondern auch Fußball- und Fan-Turniere. Kneipen zeigen statt WM-Fußball alte Filme und Spiele, veranstalten Quiz-Abende. Ziel war es, nicht nur passiv zu sein, also die WM nicht zu gucken, sondern eine eigene Kultur entgegenzusetzen, die sich selbst entwickelt. Das ist aufgegangen und begeistert uns. Es ist eine Bewegung geworden, die fortbestehen kann.

Sie protestierten gegen die WM 1978 in Argentinien. Was ist heute anders?

Schulze-Marmeling: Der Protest damals, „Fußball ja, Folter nein“, war getragen von Kirchen, politischen Organisationen aus dem linken Lager, Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty. Heute sind die Träger die organisierten, kritischen Fußballfans, die es damals noch nicht gab.

Was passiert in Vereinen?

Beyer: Bei Vereinen gab es Mitglieder-Entscheidungen gegen die WM, so bei Fortuna Düsseldorf, dem 1. FC Köln und Hertha BSC. Ob die Vereinsführungen das aktiv mittragen, ist eine andere Frage.

Schulze-Marmeling: Preußen Münster gestaltet ein Sondertrikot „Schwarz-Grün ist bunt“ und ein Programm. Es gab auch witzige Aktionen wie vom KSV Hessen Kassel, der verkündete: Wir stellen keine Nationalspieler für dieses Turnier ab. Es gibt auch Versteigerungen, die Erlöse fließen in den Hilfsfonds für Arbeitsmigranten in Katar.

Was muss sich in Bezug auf WM und FIFA ändern?

Infantino muss weg. (tko)

Verwandte Themen: Wie Niedersachsens und Bremens Politiker zur Katar-WM stehen. Auch in Kassel boykottieren einige Wirte das Turnier in Katar.

Die „BoycottQatar 2022“-Initiatoren

Bernd M. Beyer (72) aus Göttingen und Dietrich Schulze-Marmeling (65) aus Münster zählen zu den deutschen Top-Sport- und Fußballbuchautoren. Beide gewannen Preise. Beyer zuletzt für „71/72 – Die Saison der Träumer“. Schulze-Marmeling für „Der FC Bayern und seine Juden.“ Dietrich Schulze-Marmeling ist Fußballer und Fan, schreibt über Taktik, Historie und Entwicklungen im (Profi-)Fußball. Beide gründeten den Göttinger Verlag Die Werkstatt und die Initiative „BoycottQuatar 2022“. (tko)

Internet: boycott-qatar.de back2bolzen.de

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