Lesung im Deutschen Theater

Brandt-Sohn eröffnete Kultursommer: Von der Sehnsucht nach Normalität

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Erhielten lang anhaltenden Beifall für den Auftakt zum Kultursommer: Matthias Brandt (rechts) und Jens Thomas.  

Göttingen. Der renommierte Schauspieler Matthias Brandt (55) schlüpfte schon als Kind gerne in verschiedene Rollen. Jetzt eröffnete er den Göttinger Kultursommer.

Der Sohn von Bundeskanzler Willy Brandt wollte aber auch wegen seiner damaligen Ausnahmestellung gerne wie alle anderen sein. Das wurde bei seiner Lesung im voll besetzten Deutschen Theater offensichtlich, als er aus seinem im vergangenen Jahr erschienen Werk „Raumpatrouille“ vier Geschichten vorlas oder vielmehr spielte - stimmungsvoll und pointiert im Dialog mit dem Pianisten Jens Thomas.

Einfache Gesten

Brandt, unter anderem bekannt durch den Polizeiruf 110, schaffte es mit wenigen Gesten, auf einem einfachen Stuhl neben dem Flügel sitzend, mal leise, mal laut, mal langsam mal schnell vortragend, seine kleine Welt Ende der 1960er und Anfang 1970er Jahre in Bonn lebendig werden zu lassen, als sein Vater die alte Bundesrepublik steuerte, sein Vater, der „ja immer mit wichtigen Dingen beschäftigt war“.

Die Sehnsucht nach Normalität in der Ausnahmestellung als Politikerkind wurde in der Geschichte über einen Besuch bei Holger lebendig. Da wurde er von Polizisten zu seinem Freund gefahren, saß mit ihm und dessen Eltern auf dem Cord-Sofa, sah im Nordmende-Fernseher – platziert in einer Schrank-Wand aus Eiche – die Wim Thoelcke-Show „Drei mal Neun“, sang die Fernseh-Lieder mit und die Kinder tranken Tri-Top-Mandarine (Sirup mit Wasser aufgefüllt) dazu. Zu Hause dagegen habe man sich über solche Sendungen eher lustig gemacht oder sei weggegangen.

Anerkennung und das „Dazu-Gehören-Wollen“ zur Gruppe waren auch das Motiv, sich am Mobbing des Mitschülers Ansgar zu beteiligen, um sich dann aber doch heimlich mit ihm zu treffen. Ein bedrückendes Verhalten, dass er offen schilderte.

Dass er gerne Rollen ausfüllte, zeigte er beispielsweise als Zauberer. Damit wollte er die Mutter zu ihrem Geburtstag überraschen und beeindrucken, ließ aber dabei das Kinderzimmer in Flammen aufgehen.

Bild der Zärtlichkeit

Berührend wurde es, als er schilderte, wie er in den separaten Arbeits- und Wohnbereich seines Vaters eindrang, ihn am Schreibtisch schlafend vorfand und den Mut fasste, ihn zu wecken, um ihn zu bitten, ihm etwas vorzulesen. „Vorsichtig rutschte ich näher. Den Kopf schließlich, nach kurzem Zögern, erst auf seiner Schulter, dann auf seinem Schoß, schaute ich nach oben, sah die ledrigen Wangen mit dunklen und grauen Bartstoppeln und war kurz versucht, sie zu berühren. Aber keinesfalls wollte ich den Moment zerstören.“ Ein Bild der Zärtlichkeit zwischen Vater und Kind - ein winziges Stück Familienleben, wie es überall vorkommt.

Das Publikum dankte Matthias Brandt und Jens Thomas mit lang anhaltendem Beifall.

Von Hans-Peter Niesen

www.kultursommer.goettingen.de

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