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Von Brasilien nach Göttingen: Die Geschichte eines Hebammenkoffers

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Von: Thomas Kopietz

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Ein Koffer begleitet 74 Jahre lang Hebammen, die ihre Utensilien darin tragen. Sein Weg führt ihn dabei von Uslar über Brasilien bis nach Göttingen.

Göttingen/Uslar – Wenn schon historische Reisekoffer besondere Geschichten erzählen, was verrät dann erst ein 74 Jahre alter Hebammenkoffer mit mehr als 90 Jahre alten Instrumenten zur Geburtshilfe? Margarete Hieber weiß davon zu berichten. Die 83-Jährige hat sie benutzt. Der Koffer steht aber auch für eine außergewöhnliche, beeindruckende, ja berührende Familiengesichte.

Margarete Hieber aus Uslar ist Hebamme in fünfter Generation. Den seltenen wie kostbaren Koffer hat sie nun Prof. Dr. Julia Gallwass, Direktorin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe der UMG, geschenkt. Mehr als 140 Jahre wurde der Hebammenberuf in der Familie von Margarete Hieber ausgeübt. Der nun an die Frauenklinik verschenkte Koffer, eigentlich eine Tasche aus Schweinsleder, spielte dabei eine wichtige Rolle.

Utensilien für Hebammen.
Historisch: Margarete Hieber schenkte der Uni-Frauenklinik alte Instrumente für die Geburtshilfe. © Swen Pförtner/UMG

Koffer begleitet Generationen von Hebammen von Uslar über Brasilien bis zurück an die UMG Göttingen

Es war der Hebammenkoffer ihrer Mutter Erna Cebulla, der in den Besitz der Tochter, also von Margarete Hieber, überging, die 1965 – als die Mutter ihre freie Hebammentätigkeit aufgab – ihr Hebammenexamen machte. Zuvor hatte sie 1958 die Ausbildung zur „Säuglings- und Kinderkrankenschwester“ mit „sehr gut“ abgeschlossen, dann die Hebammenausbildung an der Hebammenlehranstalt der Göttinger Universitäts-Frauenklinik absolviert.

1966 folgte die damals 28-jährige Hieber einem Aufruf zu einem Entwicklungshilfeprojekt von Misereor und ging für vier Jahre nach Südbrasilien, um mit vier weiteren Krankenschwestern in Anitápolis im Staat Santa Catarina in einem Holzhaus ein Krankenhaus mit einer ambulanten Behandlungs- und einer Entbindungsstation aufzubauen, die Geburtshilfe und Mütterberatung zu übernehmen.

Ehemalige Hebamme
Ehemalige Hebamme © Swen Pförtner/UMG

„Es gab keinen Arzt, das nächste Krankenhaus war über 100 Kilometer und über Bergzüge hinweg entfernt, die Verhältnisse waren ärmlich, die Transportwege der schwangeren Frauen lang. Wir mussten uns selbst behelfen“, erzählt Hieber von der schweren aber schönen Zeit und Arbeit in Brasilien, die sie nie wieder loslassen sollte. 1970 kehrte sie als Lehrhebamme an die UMG-Frauenklinik, zurück.

Die ehemalige Hebamme Margarete Hieber aus Uslar baute Krankenhaus in Brasilien mit auf

Von 1976 bis 1985 war sie als Vertretung im Uslarer Krankenhaus tätig, dann als Praxisanleiterin in der Hebammenausbildung des Uni-Klinikums, wo sie 1988 eine Ausbildung zur Stationsleitung machte. 1989 wurde Hieber zur Vorsitzenden des Landesverbandes der niedersächsischen Hebammen gewählt. 1998 ging sie mit 60 Jahren in den Ruhestand.

In der Zwischenzeit besuchte Hieber mehrfach die brasilianische Gemeinde und unterstützte diese. Dafür gebührte ihr Dank: Zum 50-jährigen Jubiläum des Krankenhauses 2014 erhielt Hieber die Ehrenbürgerschaft von Anitápolis – als erste Frau überhaupt und zudem als erste Ausländerin. Auch an der katholischen Kirche der dortigen Gemeinde São Sebastiao wurde sie 2009 mit einer Plakette als „Pionierin der Gesundheitspflege“ geehrt.

Margarete Hieber
Die ehemalige Hebamme Margarete Hieber. © Swen Pförtner/UMG

In Brasilien sammelte Hieber einen enormen Erfahrungsschatz. Und der ist für den so viel zurückgebenden Beruf Hebamme bedeutend: „Das A und O ist: Man muss ganz viel wissen, um Entscheidungen zu treffen, vor allem, wenn man alleine ist. Das habe ich in Brasilien gelernt.“ Zudem brauche man ein gutes Allgemein- und ein exzellentes Fachwissen.

Koffer mit Hebammen-Utensilien dient nun der Universitätsmedizin Göttingen als Anschauungsmaterial

Das basiere auf ständigem Lernen und darauf, sich immer wieder etwas abzuschauen, auch den Umgang mit den Müttern. Damals wie heute sei der Grundsatz wichtig: „Dass die einzelne Person so versorgt sein sollte, wie ich es für mich selbst hätte haben wollen. Ich wollte das Gefühl haben: Ich bin zuhause.“

Personen sollten so versorgt sein, dass man das Gefühl hat: Ich bin zuhause.

Margarete Hieber, ehemalige Hebamme

Fast wie Zuhause fühlt sich Margarete Hieber auch in der Frauenklinik der Universitätsmedizin Göttingen. Dort übrigens übergab sie jetzt auch eine versiegelte Wochenbettpackung für „normale Geburten“ aus den 60er-Jahren. Bei der Übergabe dabei waren ihr Mann Bertold Hieber und die Leitende Hebamme der UMG, Kati Kothe.

Hebammenkoffer von 1948 mit 90 Jahre alten Instrumenten für die Geburtshilfe der Universitätsmedizin Göttingen. Dessen Spenderin Margarete Hieber ist selber Hebamme in fünfter Generation.
Hebammenkoffer von 1948 mit 90 Jahre alten Instrumenten für die Geburtshilfe der Universitätsmedizin Göttingen. Dessen Spenderin Margarete Hieber ist selber Hebamme in fünfter Generation. © Swen Pförtner/UMG

Die Direktorin, Julia Gallwas freute sich riesig über die, wie sie sagte, „kostbare Gabe – Sie gibt uns Einblick in eine lange Tradition und ein Jahrhunderte altes Berufsbild. Ich freue mich sehr über das Geschenk.“ Nicht minder erfreut und fasziniert war Gallwass darüber, „an dieser unglaublich spannenden Lebensgeschichte von Frau Hieber und ihrer Familie teilhaben zu können.“

Der Hebammenkoffer soll für angehende Hebammen und Entbindungspfleger als Anschauungsmaterial eingesetzt werden. Einen wichtigen Satz gibt Margarete Hieber noch allen Hebammen in Beruf und Ausbildung mit auf den Weg: „Man sollte sagen können: Dieser Beruf ist richtig für mich.“ (Thomas Kopietz)

Seit Anfang 2021 gibt es an der Universität Göttingen den Studiengang Hebammenwissenschaften ‒ und erfreut sich großer Beliebtheit. Zwei Hebammen aus der Universitätsstadt bieten nun auch im Netz Beratung zu ihrem Beruf an.

Der Beruf der Hebamme – Eine echte Familientradition

Bei der Übergabe des 74 Jahre alten Hebammenkoffers gab Margarete Hiebert auch einen Einblick in ihre Familiengeschichte. Mutter Erna Cebulla war Hebamme in der vierten Generation der Familie.

Sie kaufte nach ihrem Hebammenexamen 1931 im schlesischen Breslau ihre eigenen geburtshilflichen Instrumente und ließ sich als freiberufliche „Landhebamme“ in Esdorf, Kreis Treblitz, nieder, wo sie bis 1945 blieb. Doch Erna Cebulla ereilte das Schicksal vieler Heimatvertriebenen und sie kam in Sulingen im Landkreis Diepholz unter, arbeitete von 1948 bis 1951 als niedergelassene Hebamme.

Dort fertigte ihr 1948 ein Sattler aus Dankbarkeit für die Hilfe bei einer Entbindung eine Tasche aus Schweinsleder an – für ihre geburtshilflichen Instrumente, in der sie bis heute ihren Platz haben. 1951 erhielt Erna Cebulla ihre Niederlassungserlaubnis als Hebamme in Steyerberg im Kreis Nienburg. 1965 musste sie ihren Beruf als freie Hebamme aufgeben. Das Geld reichte nicht zum Leben.

Sie wurde dann auf der Entbindungsstation des Kreiskrankenhauses Sulingen eingestellt, wo sie bis 1978 zu ihrem 70. Lebensjahr arbeitete. Im Jahr 2000 starb Erna Cebulla. (tko)

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