Für Arte

Bruno Ganz irritierte mit Schweizer Akzent: Florianfilm dreht Dokumentation über den Ausnahmeschauspieler

Ein Mann mit einer Filmkamera, eine Frau mit einem Mikrofon und ein weiterer Mann, alle mit Masken, machen Filmaufnahmen
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Kamen für Dreharbeiten nach Göttingen: Autor Thomas Rosenberg mit Kameramann Jan-Ole Sieg und Tonfrau Alcke Mertens-Giörtz.

Bruno Ganz galt als Ausnahmeschauspieler. Auch in Göttingen hat er gespielt – und sich politisiert. Für eine Doku über Ganz machte das Filmteam auch Aufnahmen in der Uni-Stadt.

Göttingen – Den Spuren von Bruno Ganz in Göttingen ist die Kölner Produktionsfirma Florianfilm gefolgt. Sie dreht im Auftrag des Fernsehsenders Arte eine 52-minütige Dokumentation über den Schweizer Schauspieler.

Ganz, der im März 80 Jahre alt geworden wäre, spielte von 1961 bis 1963 am Jungen Theater Göttingen.

Bruno Ganz in Göttingen: Im Theaterkeller gezecht

„Seinen beruflichen Durchbruch hatte Ganz erst später in Bremen und Berlin“, sagte Nico Dietrich, der heutige Intendant des Jungen Theaters (JT). Als „zu expressiv“ habe ein Kritiker das Spiel des Künstlers seinerzeit empfunden, ein anderer dessen „Leuchtkraft auf der Bühne“ gelobt.

Die Kollegen seien anfangs irritiert über den starken Schweizer Akzent des Nachwuchsschauspielers gewesen und hätten sich deswegen sogar beim Intendanten beschwert.

„In Göttingen politisierte sich Ganz“, erfuhr Dietrich in Telefongesprächen mit Zeitzeugen. Bis in die Morgenstunden hätten die Künstler damals im Theaterkeller gezecht. „Sie stritten darüber, wie sich das Theater politisch verhalten solle, was es leisten könne“, erzählt der Intendant.

Bruno Ganz in Göttingen: „Politisierung steckt in DNA des Gebäudes“

Damals befand sich das Junge Theater noch an der Geismar Landstraße 19, wo seit 1986 das Programmkino Lumière ansässig ist. Dort drehte das Team von Filmautor Thomas Rosenberg.

Der Kölner war mit Kameramann Jan-Ole Sieg und Tonfrau Alcke Mertens-Giörtz angereist. Co-Autor André Schäfer war nicht dabei.

Das Trio filmte das Gebäude, an dem Plakate rassistische Morde in Deutschland anprangern und kritisieren, dass Volkswagen in der chinesischen Uiguren-Provinz Sinkiang ein Werk betreibt. „Die Politisierung steckt in der DNA des Gebäudes“, sagt JT-Intendant Dietrich.

Bruno Ganz in Göttingen: Aufnahmen im Theaterkeller

Das Filmteam machte im derzeit geschlossenen Theaterkeller Aufnahmen. Eine Werkbank stand dort, wo sonst die Gäste sitzen. Im ehemaligen Theatersaal lehnte eine Leiter an der Wand. Auch das Kino ist aktuell zu. In der ehemaligen Gardrobe türmten sich Stühle, die aufgrund des Hygienekonzepts aus dem Saal entfernt wurden.

Lumière-Geschäftsführerin Telke Reeck erzählte Rosenberg, wie Ganz dem Kino im April 2004 einen Überraschungsbesuch abstattete. Er war für eine Benefiz-Lesung zugunsten des Jungen Theaters nach Göttingen gekommen und war sprachlos, als er im Kino auf der Bühne stand.

Bruno Ganz in Göttingen: Göttingen, Bremen, Zürich, Berlin

Das Filmteam hat bereits in Bremen gedreht, wo die Karriere von Ganz begann. Der Schauspieler lernte dort Regisseur Peter Stein kennen, mit dem er 1969 nach Zürich ging. Dorthin fuhr das Team nach dem Dreh in Göttingen.

In der Schweiz konnten sich die radikalen Künstler nicht lange halten. Von 1970 an wirkten sie an der Schaubühne in Berlin, wo sie linke Theatergeschichte schrieben.

„Ganz hat nur ungern über sich, um so lieber aber über seine Rollen gesprochen“, führte Rosenberg aus. So lässt Florianfilm Zeitzeugen zu Wort kommen. In Berlin hat das Team schon Filmregisseur Wim Wenders interviewt. In der Schweiz will es mit Familienangehörigen sprechen.

Ganz in Göttingen: Faszinierende Bandbreite

„Die italienische Komödie Brot und Tulpen aus dem Jahr 2000 war der erste Film mit Bruno Ganz, den ich gesehen habe“, berichtete Thomas Rosenberg, der Autor der Dokumentation, bei seinem Besuch in Göttingen.

Er wolle als Großvater einmal so „voller Glückseligkeit“ sein wie der melancholische Kellner, den Ganz in der Komödie spiele, habe er beim Zuschauen gedacht. Ihn fasziniere die Bandbreite des Schweizers. Der habe in Wim Wenders „Himmel über Berlin“ den liebevollen Engel ebenso überzeugend spielen können wie den hasserfüllten Adolf Hitler in Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“.

Mit Blick auf den 80. Geburtstag von Ganz im März 2021 hat Rosenberg gemeinsam mit André Schäfer vor anderthalb Jahren das Exposé für die Dokumentation verfasst.

„Wir mussten arte nicht lange überzeugen“, erklärte der Autor. Aufgrund der Pandemie habe sich die Produktion allerdings verzögert. (Michael Caspar)

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