Interview mit Bernd-M. Beyer

Buch über die einzigartige Bundesliga-Saison 71/72: Zwischen Triumph und Albtraum

Herausragende Kicker in der besten Nationalelf aller Zeiten: Franz Beckenbauer (links) und Günter Netzer nach dem gewonnenen EM-Endspiel 1972 gegen die UdSSR mit dem Europameister-Pokal.
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Herausragende Kicker in der besten Nationalelf aller Zeiten: Franz Beckenbauer (links) und Günter Netzer nach dem gewonnenen EM-Endspiel 1972 gegen die UdSSR mit dem Europameister-Pokal.

Das Buch mit dem Titel „71/72 – Die Saison der Träumer“ ist mehr als ein Fußballbuch – es vermittelt Zeitgeschichte, aufgehängt an Rebellen, Schiebern, einem Musiker (Rio Reiser) und einem genialen Fußballer (Stan Libuda).

Göttingen - Der Göttinger Autor Bernd-M. Beyer schreibt über eine intensive Zeit mit Bundesliga-Skandal, Hausbesetzerszene, Musik-Idolen, RAF-Terror, Misstrauensvotum gegen Kanzler Willy Brandt (SPD) und Europameister-Helden.

Herr Beyer, warum die „Saison 71/72“?
Ich bin in dieser Zeit politisiert worden, es war die Zeit der Hausbesetzungen in Berlin, des RAF-Terrors, des Hetzens gegen Nobelpreisträger Willy Brandt, die Schießerei der Polizei in Schöneberg, bei der Georg von Rauch starb, der sich zu Zeiten des Vietnamkriegs radikalisiert hat. Es ist die Zeit der Anschläge auf jüdische Friedhöfe, die Kontroverse um Heinrich Böll. Ich habe sehr intensive Erinnerungen an diese Jahre, denen ich nun nachgespürt habe. Und ich habe damals die erste Platte von „Ton, Steine, Scherben“ um Rio Reiser gehört, bin darauf abgefahren, habe mich voll mit der Jugendprotestbewegung identifiziert. Ich selbst bin auch politisch extrem unterwegs gewesen.was sich inzwischen natürlich geändert hat.
„Aufmüpfig“ wird zum Wort des Jahres 1971 gekürt...
Es trifft die Stimmung und die Entwicklung von vielen Menschen, die vorher nicht aufbegehrten. Bürger setzten sich zur Wehr – wie gegen die Wohnraumzerstörung. Das ist neu für die Bundesrepublik. Es war auch für mich die Zeit des Aufbruchs. Ich wollte studieren, begann im Frühjahr 1971 in Braunschweig mit dem Studium. Auch dort kamen ´71 die Ausläufer der APO aus Berlin an. Es war Aufruhr. Am ersten Tag des Studiums geriet ich dort hinein. Die Studenten hatten das Seminar besetzt und beschlossen, das Anfängerseminar selbst zu organisieren. Es war alles sehr aufregend. Und es hat mich mitgerissen. Es hat mich aber auch vom Fußball weggebracht.
Sind sie in diesen Jahren also nicht fußball-sozialisiert worden?
Ich habe – aus heutiger Sicht leider – ausgerechnet damals den Fußball aus den Augen verloren. Er interessierte mich nur am Rande. Beim Recherchieren und Nachdenken wurde mir nun klar: Ich habe da einiges verpasst. Vielleicht die wohl spielerisch beste Phase im deutschen Fußball mit dem Gipfel Europameisterschaft 1972 und den tollen Fußball, den Bundestrainer Helmut Schön spielen ließ. Für das Buchprojekt bedeutete das: Natürlich ist der Fußball darin wichtig, aber es muss auch um all die anderen wilden, politischen Sachen gehen, die passierten. Diese Dramaturgie auf vielen Ebenen mit dem Kulminationspunkt Frühjahr/Sommer ´72 ist unglaublich. Ich dachte: Das musst Du einmal in einem Buch zusammenstellen. Ich wollte all das zum Nacherleben aufbereiten.
Willy Brandt, Bundeskanzler von 1969 bis 1974
Fußball, Musik, Politik – all das führen Sie über die Protagonisten, den genialen Dribbler Stan Libuda und den großartigen Musiker Rio Reiser zusammen. Sind sie die Träumer?
Ja, in erster Linie sind es die beiden. Sie haben sich herauskristallisiert. Ich wollte nicht die Erfolgsmenschen wie Beckenbauer und Netzer darstellen, das war mir zu langweilig. Libuda und Reiser haben beide ein gebrochenes Verhältnis zu ihrem Erfolg. Beide hatten Probleme mit den Mechanismen ihrer Branche. Sie spiegeln mit ihrer Ambivalenz zwischen Erfolg und Problemen die Zeit wider, in der vieles nicht wirklich gut war. Libuda hatte seine letzte große Saison, holte mit Schalke noch einen Titel und gerät in den Bundesliga-Skandal. Rio hatte seine ersten großen Erfolge, es zeichnete sich aber ab, welche Schwierigkeiten er damit haben würde. Diese beiden Antipoden brauchte ich, auch um die anderen Geschehnisse, die viele nicht kennen, erzählen zu können.
Eine spannende Mischung, die Sie über den Verlauf einer Bundesliga-Saison chronologisch schildern. Warum dies?
Die Saison bildet den Rahmen. Auch dafür, dass in diesen Monaten so extrem viel passierte – im Fußball wie in der Politik und der Gesellschaft. Beim Nachlesen wurde mir noch einmal deutlich, wie viel Hass unterwegs war. Ein Willy Brandt wurde brutal hart verbal von der CDU/CSU attackiert. Der Bundesliga-Skandal sorgte dafür, dass sich viele vom Fußball abwendeten, die Stadien waren oft arg dünn besucht. Für mich war auch schlimm, zu realisieren, dass sich damals Nazis völlig ungezwungen und unangefochten bewegen konnten – auch als Funktionäre im Fußball. Beispiel ist Rudi Gramlich, früher ein schlimmer SS-Mann, inzwischen im DFB-Vorstand für die Bundesliga zuständig. Oder der Jurist Karl Lamker, ein einstiger NSDAP-Mann und nach dem Krieg hoher NPD-Funktionär, der Arminia Bielefeld im Bundesliga-Skandal beistand. Das wurde damals nicht einmal thematisiert. Unglaublich.
Am Ende der Saison 71/72 stand das Misstrauensvotum gegen Brandt, es gab den RAF-Terror. Im Fußball war die Lawine aus Unrat im Bundesliga-Bestechungsskandal abgegangen. Es gab die wohl beste Nationalelf aller Zeiten, den Torrekord des Gerd Müller.
Ja. Es war einiges los. Und dieses Zuspitzen der Ereignisse am Ende der ‘Saison‘, wie auch der Terror-Akt bei den Olympischen Spielen in München – diese zeitliche Koinzidenz mehrerer dramatischer Ereignisse, das ist vielleicht wirklich einmalig.
Rio Reiser, Kult-Sänger
Wie haben Sie gearbeitet, haben Sie viele Interviews mit Zeitzeugen geführt?
Nein. Nur wenige und diese habe ich gezielt ausgewählt. Erinnerungen von Zeitzeugen sind so eine Sache. Vieles ist geglättet durch das häufige Erzählen. Gerade die Fußballer haben ihre Dönekens und Anekdoten Hunderte Male erzählt, das wirkt schablonenhaft, Details gehen durcheinander. Es sind ja 50 Jahre vergangen. Ich wollte keine gebügelten Erinnerungen, habe mich an zeitgenössische Quellen gehalten, vor allem Zeitungen und Fernsehsendungen, die heute wieder auf YouTube zu sehen und hören sind.
Was fiel Ihnen dabei besonders auf?
Toll war, dass die Akteure damals, auch die Fußballspieler, noch frei von der Leber erzählten: naiv, sehr ehrlich, auch manchmal mit großer Klappe. Das schuf eine Authentizität, die es heute in vorgefertigten, abgestimmten Interviews und geschliffenen Statements vor der Kamera nur noch ganz selten gibt. Uli Hoeneß und Gerd Müller verkündeten mehrfach ihren Abschied vom FC Bayern, weil sie mehr Geld wollten, blieben dann aber doch. Wenn Uli Hoeneß dass von den Spielern heute vor der Kamera hören würde, was er damals so von sich gegeben hat, dann würde er Konsequenzen androhen. Noch ein Beispiel: Ein Hannoveraner Spieler sagte der „Bild“ treuherzig, dass er trotz der zeittypischen ‘SexWelle’ nur am Wochenende Geschlechtsverkehr habe. Das war ein bisschen naiv – aber ehrlich.
Was ist für Sie die Quintessenz aus der Saison 71/72?
Sie war von Ambivalenzen geprägt, im Fußball wie in der Politik. Wir hatten das wunderschöne Spiel und zugleich den Beginn einer Entwicklung, die in der heutigen Kommerzialisierung wilde Blüten treibt. In der Politik hatten wir Reformen, die später Gegenkräfte hervorgerufen haben. Es wurde deutlich, wie tief die Gräben in der Gesellschaft waren. Das zeigte sich auch darin, welchen Widerspruch die Ostpolitik von Willy Brandt erzeugt hat. Die Hetzreden von heute gab es damals auch schon.
BundBegnadet, sensibel und launisch: Schalke-Stürmer Reinhard „Stan“ Libuda (hier 1969) geriet 1971 in den Bundesliga-Skandal.
Waren Sie denn auch Fan Ihrer beiden „Träumer“?
Ton, Steine, Scherben und Rio Reiser, natürlich auch deren Lieder und Texte haben mich sehr geprägt. Stan Libuda war ein toller Fußballer und eine tragische Figur als verletzlicher Mensch.
Das Buch endet wunderbar: „Libuda, Libuda – Es ist kein lautes Rufen, mehr ein andächtiges Flüstern. Es klingt wie ein Gebet.“ Gemeint ist die Reaktion von 33 000 Fans auf Schalke beim ersten Spiel nach Libudas Tod.
Diese Passage am Ende bot sich einfach an, um mit der Person Libuda in diesem Buch abzuschließen. Mir gefällt aber auch sehr, was Stefan Willeke in seinem „Lob des Eigensinns“ schrieb: „Wenn Stan Libuda – was nie seine Absicht war – der Welt etwas hinterlassen hat, dann die Zuversicht, dass es sich lohnen kann, die endlosen Tage des Unvermögens auszuhalten für die zauberhaften Minuten des Glücks.“ (Thomas Kopietz)

Neuerscheinung: 71/72 – Die Saison der Träumer

„71/72 – Die Saison der Träumer“, Bernd M. Beyer, Die Werkstatt, Göttingen, 350 Seiten, ISBN 978-3730705407, 22 Euro.

Autor Bernd M. Beyer hat das Buch „71/72 - die Saison der Träumer“ geschrieben

Zur Person: Bernd-M. Beyer

Bernd-M. Beyer, Jahrgang 1950, studierte nach seiner Tätigkeit als Tageszeitungsredakteur Politik und Volkswirtschaft. Zwischen 1981 und 2015 war er verantwortlicher Lektor im Göttinger Verlag „Die Werkstatt“ mit Schwerpunkt Fußballgeschichte. Bernd-M.Beyer ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur und lebt in Göttingen. Seine Biografie über Helmut Schön wurde zum Fußball-Buch des Jahres gekürt. Mit „72/72“ steht Beyer wieder auf der Shortlist für diese Auszeichnung. Beyer ist auch Mitinitiator der Anti-WM-Kampagne „BoycottQatar2022“. (tko)

Zeitleiste 1971/72: RAF, Brandt, Rebellen und Ballzauberer

Die Zeitleiste: Wichtige Ereignisse in den Jahren 1971 und 1972.

  • 1971 Hausbesetzer-Szene in Berlin. Mittendrin: Musiker Rio Reiser und die Band-Mitglieder von Ton Steine Scherben. Sie liefern mit dem Rauch-Haus-Song die Hymne für die Hausbesetzer. Der radikale Anarchist Georg von Rauch wird am 4. Dezember bei einem Schusswechsel zwischen Polizei und Baader-Meinhof-Gruppe getötet.
  • Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) erhält am 10. Dezember 1971 in Oslo den Friedensnobelpreis – für seine innenpolitisch umstrittene Ostpolitik.
  • Im Nachrichtenmagazin „Spiegel“ greift Schriftsteller Heinrich Böll die „Bild“-Berichterstattung über die Baader-Meinhof-Gruppe an. Drei Tage später: bundesweite Fahndung nach den Terroristen der Rote-Armee-Fraktion (RAF).
  • Am 27. April 1972 scheitert das Misstrauensvotum der CDU/CSU gegen Kanzler Willy Brandt (SPD).
  • Mai 1972: Bombenanschläge auf das 5. US-Korps im IG-Farben-Haus Frankfurt, das Springer-Hochhaus Hamburg und das Hauptquartier der US-Armee in Heidelberg.
  • .Am 1. Juni 1972 Festnahme nach Schusswechsel der RAF-Terroristen Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe. Verhaftung auch von Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof.
  • Mit einem 3:0-Sieg gegen die UdSSR wird Deutschland in Brüssel Fußball-Europameister.
  • Anschlag auf die Olympischen Sommerspiele in München: Am 5. September 1972 ermorden palästinensische Terroristen elf Mitglieder der israelischen Olympia-Mannschaft. Fünf Terroristen und ein Polizist sterben ebenfalls. (tko)

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