Verlage und Autoren aus der Region

Buchtipps der Redaktion Göttingen: Fußballer und Schafe als Helden

Einstige Lichtgestalt: Franz Beckenbauer.
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Einstige Lichtgestalt: Franz Beckenbauer.

Trotz Lockdown: Buchhandlungen liefern weiterhin.

Göttingen - Hier unsere Buchtipps aus dem üppigen Angebot der Verlage und Autoren aus der Region Südniedersachsen.

Markus Thiele, Echo des Schweigens, Benevento, 408 S., 22 Euro: Ein Rechtsanwalt als Roman-Schreiber: Mancher wird sagen: Na ja, das liegt nicht so weit auseinander. Wer aber Schriftsätze von Anwälten liest, der kommt da ins Zweifeln, ob diese Sprache ein Magnet für Romanleser sein könnte. Markus Thiele ist Göttinger und Rechtsanwalt, Experte für Arbeitsrecht. Er ist aber auch ein nicht minder ambitionierter Roman-Autor, und er verknüpft bekannte, spektakuläre reale Fälle mit der eigenen Fiktion. In „Echo des Schweigens“ greift er einen der größten Justizskandale der Nachkriegszeit auf: den Fall Yalloh. Ein Asylsuchender, der in einer Polizeizelle in Dessau unter mysteriösen Umständen verbrannte. Die juristische wie journalistische Aufarbeitung lässt viele Fragen offen. Markus Thiele findet Antworten, bedient sich der Recherchen und seiner sprießenden Fantasie – auch bei der Verwicklung der auftauchenden Figuren.

Schönes Cover: „Das Geisterschiff“.

Richard Middleton, Das Geisterschiff, Steidl, 128 Seiten, 18 Euro: Wieder ein schönes Steidl-Buch: „Das „Geisterschiff“ ist eine meisterhafte, kurze Erzählung, die ihren Schreiber Richard Middleton erst nach seinem frühen Selbsttod berühmt gemacht. Der Göttinger Steidl-Verlag hat das Geisterschiff und zwölf weitere Geschichten in Deutscher Erstausgabe und seiner Reihe Nocturnes in einem fein gemachten 128-seitigen Buch veröffentlicht, das schön anzufassen ist und Lesevergnügen bereitet – und toll übersetzt ist.

Cornelie Hildebrandt„Dunkle Geschichten aus Göttingen“, Wartberg-Verlag, 80 Seiten, 12 Euro: Weniger fein gestaltet ist das Buch „Dunkle Geschichten aus Göttingen“ - aber lesenswert ist es allemal. Die Göttingerin Cornelie Hildebrandt hat 17 düstere Kapitel der Stadt auf nur 80 Seiten zusammengefasst. So geht es um finstere Machenschaften wie die der Göttinger Gruppe, die Hunderttausende Anleger um Ersparnisse prellte oder den gewaltsame Tod der in Göttingen auf der Straße lebenden Frau mit Namen „James“ sowie den düster-klotzigen, gleichsam aber beliebten Bismarckstein, im Volksmund Elefantenklo genannt. Hildebrandt schreibt locker, der Leser möchte aber manchmal mehr. So ist das Buch ein Appetithäppchen für Weiterleser.

Bold/Lindon/Konrad, Betzenberg, zwischen Himmel und Hölle, 172 Seiten, 24,90 Euro: Für Fußballfreundinnen und -freunde: Aus „dem“ Sport-Fußball-Buch-Verlag, der Göttinger-Bielefelder „Die Werkstatt“ sind einige aktuelle Bücher bemerkenswert: „Betzenberg, zwischen Himmel und Hölle“, gemacht von drei echten „Roten Teufeln“, ein Buch, dass den Mythos Betze atmet und jeden Fußball-Fan die Faszination spüren lässt, auch jenen, die die aus der Stadt den steilen Weg auf den Berg gegangen ist. So entsteht ein Buch über den Weg vom Sportplatz zum WM-Stadion durch Höhen bis zur jetzigen Talsohle. Wunderbar: 100 Menschen sprechen über den FCK, die Fans, die großen Kicker und den Berg. Faszinierend von Seite eins bis 172. Ein tolles Buch von Fans nicht nur für „Rote Teufel“.

Dietrich Schulze-Marmeling, Klopps Liverpool, Die Werkstatt, 167 Seiten, 24,90 Euro: „Klopps Liverpool“: Dieses Buch musste einfach sein. Es huldigt einen großen Trainer, der genau dort arbeitet, wo wer arbeiten muss. Und die Fans, die in Liverpool auch und sogar Trikots mit dem Trainer (!)-Namen tragen, sangen früh: „We will win the f*cking lot, with Jurgen Klopp Klopp Klopp...“ Recht hatten sie. Geschrieben hat das Buch ein exzellenter Liverpool-Kenner: Dietrich Schulze-Marmeling, er allerlei Wichtiges und wenig Unwichtiges, aber Unterhaltsames, über den Klub liefert. Er führt auch zurück in die nicht erfolgreichen Zeiten der Reds. Das hebt die jetzige, tolle Mannschaft und ihren Trainer noch mehr heraus.

Christoph Bausenwein, Beckenbauer, Die Werkstatt, 142 S.,19,90 Euro: Ein Treffer ist auch das Buch über den Franz Beckenbauer. Christoph Bausenwein schreibt kein Jubelwerk, sondern würdigt einen der besten Fußballer aller Zeiten angemessen und treffend. Nicht aber, ohne die Widersprüche in der Persönlichkeit zu beleuchten. Beckenbauer, dieser überaus offen-freundliche Mensch, wurde vom Kaiser zum gefallenen Star, zum Beschuldigten, die WM 2016 gekauft zu haben. Die Lichtgestallt zog sich in den Schatten zurück, musste den Tod seines Sohnes verkraften. Das hinterließ Spuren.

Bemerkenswerte Frau: Megan Rapinoe.

Caioli/Collot, Rapinoe, Die Werkstatt, 200 Seiten, 18 Euro: Megan Rapinoe ist weit mehr als eine herausragende Fuballerin. Die US-Nationalspielerin outete sich als Lesbin, kämpft öffentlich für politische und gesellschaftliche Veränderungen, engagniert sich für Homosexualität, für die Mitsprache, gegen Rassismus und Donald Trump, der sie dafür beschimpfte. Megan Rapinoe kniete wie Footballer Colin Kaepernick während der Nationalhymne. Das Buch schildert ihr spannendes Leben – leider ohne exklusive Zitate von Megan.

Lukas Bärfuss, Wallstein-Verlag, Die Krone der Schöpfung, 174 Seiten. 20 Euro: Der Göttinger Wallstein-Verlag und dessen Autoren sammeln seit Jahren Preise – zuletzt auch Thedel von Wallmoden, als Verleger des Jahres. Ein Erfolgsgarant für den Verlag mit seinem breiten Portfolio ist der schweizer Autor Lukas Bärfuss. Frisch aus der Druckpresse kommt ein neues Buch mit kurzen Essays, in denen Lukas Bärfuss klar auf die Probleme und Erscheinungen unserer Zeit eingeht, ohne plump auf die Trommel zu schlagen, dafür ist seine Sprache auch leise einfach zu kraftvoll und vortrefflich.

Thomas Appel, Göttinger Stadtgeschichte im Bild, Wallstein-Verlag, 104 Seiten, 14 Euro: Im Städtischen Museum in Göttingen hingen lange und ein wenig unbeachtet zwei Gemälde, die monumental und in Farbe die Belagerungen der Stadt im 30-jährigen Krieg durch Tilly und Piccolomini zeigten. Daniel Münch hat das erste Bild gemalt. Das ist jetzt bekannt. Zu verdanken ist das Thomas Appel, Kunsthistoriker. Seine Erkenntnisse über die beiden Bilder und auch das Randgeschehen fasst dieses schöne, kleine Buch des Wallstein-Verlages zusammen.

Lesende Frauen: „Eine Spur von Glück“.

Monika Hinterberger, Eine Spur von Glück, Wallstein, 256 S., 20 Euro: Ein spannender Ansatz: Bilder lesender Frauen als Zündfunke für ein Buch eben über diese lesenden Frauen. Monika Hinterberger hatte die Idee, der Wallstein-Verlag nahm sie kreativ auf. Es beginnt mit einer fein gewandeten Athenerin, abgebildet mit Papyros-Rolle und auf einem Gefäß. Und schließlich posiert und meditiert Elisabeth Ferrand über einem Buch Newtons. Die Bilder und die Erläuterungen Hinterbergers zeigen: Bildung war immer auch Frauensache. Voraussetzung war immer, lesen zu können.

Schönes Kinderbuch mit schöner Story: Ein Schaf, das Fliegen will und eine Expertin, die es kann und ihm hilft: „Phil & Rita“ von Gerd Wolf und Alexander Henne aus dem Verlag Jörg Mitzkat ist ein prima Geschenk.

Gerd Wolf/Martina Spangenberg, „Heinrich“, 14,80 Euro. Und: Gerd Wolf/Alexander Henne, „Phil & Rita“, 19,80 Euro: Der Verlag Jörg Mitzkat aus Holzminden ist „der“ Verlag für die Region Weserbergland bis Schaumburg-Lippe, beackert auch die historische ebenso wie die fotografische Darstellung der Region. Dass er auch Kinderbücher macht, ist weniger bekannt. Wunderbar sind die Geschichten über die Tiere des Weserberglands: Das Schaf Phil träumt davon, durch die Welt zu fliegen und es mit Hilfe der Biene Rita versucht. Schön auch das Buch „Heinrich“ mit der Weisheit des Schäfers Onkel Pieper: „Die Menschen sind wie richtige Schafe: Jeder will das beste Futter und alle laufen hinterher.“

Panoramabilder und Texte zeigen die Veränderung von Landschaften seit der Eiszeit bis heute: „Durch Land und Zeit“, Verlag Jörg Mitzkat.

Czyppull/Küntzel, Durch Land und Zeit, 106 Seiten, 9,95 Euro: Auf Zeitreise vom Rammelsberg über den Seeburger See ins Wesertal und Corvey geht es in dem Buch „Durch Land und Zeit“. Es liefert tolle Panoramabilder und Texte zum Wandel des Landschaftsbildes seit der Eiszeit.

Oft vergessen: Die Kinder von Auschwitz.

Alwin Meyer, Vergiss Deinen Namen nicht – Die Kinder von Auschwitz, Steidl, 758 Seiten, 38,80 Euro: Sie überlebten traumatisiert den Holocaust, sie wurden als Opfer weder gesehen noch anerkannt: Die Kinder von Auschwitz. Alwin Meyer hat sein Leben diesen Menschen gewidmet, ist ihnen um die Welt nachgereist. Das Buch bildet sein Lebenswerk ab – in Porträts, die bewegen, traurig machen und doch Zuversicht spenden – manchmal.

Veronika Settele, Revolution im Stall, V&R-Verlag, 394 Seiten, 65 Euro: Die Veränderung der Tierhaltung war frappierend: Tiere verschwanden von den Weiden, wurden und werden indoor gehalten, produzieren so billige Nahrungsmittel wie nie zuvor. Den Wandel der Tierhaltung von 1945 bis 1990 zeigt Veronika Settele auf – durchaus kritisch. (Thomas Kopietz)

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