1. Startseite
  2. Lokales
  3. Göttingen
  4. Göttingen

Bundeswissenschaftsministerin Stark-Watzinger: Moderne, bunte Lebensläufe fördern

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Kopietz

Kommentare

Klare Ansprache: Bundeswissenschaftsministerin Bettina Stark-Watzinger spricht im Hörsaal 006 im ZHG Göttingen vor Studierenden.
Klare Ansprache: Bundeswissenschaftsministerin Bettina Stark-Watzinger spricht im Hörsaal 006 im ZHG Göttingen vor Studierenden. © Thomas Kopietz

Bundeswissenschaftsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) genießt ihren Besuch in Göttingen. Dabei kommt sie mit Studierenden und Spitzenforschern zusammen.

Göttingen – Höchst interessiert, wissbegierig, nahbar und meinungsstark, so präsentierte sich Bundeswissenschaftsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) bei ihrem Besuch am Donnerstag in Göttingen. Dass sie sich, wie sie gegenüber unserer Zeitung sagte, „sehr freue, einmal wieder herauszukommen“, war bei allen Stationen zu spüren. Das vom heimischen Bundestagsabgeordneten Konstantin Kuhle organisierte Programm reichte vom Informationsgespräch mit Max-Planck-Spitzenforschern um Nobelpreisträger Stefan Hell, über den Austausch mit Uni-Präsident Metin Tolan, bis zur Diskussion mit Studierenden im Hörsaal 006.

Dort ging es am Nachmittag – im Vergleich zu Ministerbesuchen in den 80-er und 90er-Jahren – geradezu harmonisch zu, was auch an der Ministerin lag. Sie ging auf alle Fragen aus dem Publikum ein und erläuterte zuvor kurz, worauf es ihr in Bildungspolitik ankommt. So den raschen Ausbau der digitalen Infrastruktur. Allerdings müsste der neue Digitalpakt 2.0 „ganz anders auf- und umgesetzt werden, als der erste Digitalpakt“, sagte Stark-Watzinger angesichts nicht komplett abgerufener Fördergelder. Wenn Schulen in Bundesländern 400-seitige Anträge ausfüllen müssten, dann sei das schlicht nicht zumutbar. An Schulen möchte die Bundesministerin auch mehr Schulsozialarbeiter sehen. Ein klarer Hinweis an die dafür zuständigen Länder. Sie plädierte auch an eine generell bessere Durchlässigkeit von Bundesförderung an die Schulen.

Neu aufsetzen wird die Bundesregierung das BAFöG. „Es ist aus der Zeit gefallen“, sagte Stark-Watzinger – und erntete Kopfnicken im Hörsaal vor gut 200 Zuhörenden. Kernpunkte für das neue BAFöG seien: mehr Wohngeld, höhere Bedarfssätze, ein neues Höchstalter und Zahlung direkt an die Studenten. Die Ministerin will so auch „moderne, buntere Lebensläufe“ der Studenten fördern. Dabei nimmt sie – mit einem Blick zur Seite in Richtung Konstantin Kuhle – die Parlamentarier in die Pflicht. Das BAFöG geht nächste Woche in die Beratung.

Geradezu surreal auf manche der Zuhörer wirkte, dass eine Ministerin eine Anregung aus dem Publikum sofort umsetzte. Stark-Watzinger tat es: Den Wunsch, die BAFöG-Antragsformulare in Fremdsprachen anzubieten kommentierte sie: „Das werde ich noch heute in Auftrag geben.“ Das wiederum kommentierte Konstantin Kuhle schmunzelnd: „Wir arbeiten die Dinge direkt ab.“

Deutlich machte die Ministerin auch, dass es in der deutschen Bildungs- und Hochschullandschaft viel zu tun gibt. Vor allem, müsse es gelingen, Kinder, die keine starke Elternunterstützung hätten, gar nicht erst in Selbstwertzweifel kommen zu lassen. Es bedürfe einer Förderung, die das verhindere und helfe, dass auch diese Kinder gute Zukunftschancen hätten.

So präsentierte sich die zweifache Mutter Bettina Stark-Watzinger in Göttingen als engagierte Ministerin, die in der Bildungslandschaft etwas bewegen, ja verändern will – hin zu einer modernen, digital-menschlichen Bildung, die Chancen für alle schafft. In Kanada frage man sich in Schulen, wenn Schüler Probleme beim Lernen haben, was die Lehrer verbessern müssten. „Sie sehen die Ursachen nicht bei den Schülern, sondern sehen, was sie selbst verbessern müssen.“

Zu bedenken sei auch, bei der öffentlichen Förderung von Schülern und Studierenden: „Lebensläufe können nicht immer gradlinig sein.“ Sind sie es bei jungen Menschen nicht, dürften sie nicht durchs Raster fallen.

Die 200 Zuhörenden spendeten viel Beifall für den Auftritt bei der Veranstaltung der Liberalen Hochschulgruppe Göttingen (LHG). Die heimischen Landtagskandidaten und -abgeordneten nutzten dann noch die Chance zum Erinnerungsfoto mit einer lockeren Bundesministerin – vor der Kulisse eines, wie Konstantin Kuhle sagte, „endlich wieder richtig belebten Uni-Campus“. (Thomas Kopietz)

Interview: Geflüchteten Wissenschaftlern Schutz und Heimat bieten

Göttingen – Bei dem Besuch in Göttingen sprach Thomas Kopietz mit Bundeswissenschaftsministerin Bettina Stark-Watzinger.

Was führt Sie nach Göttingen?

Die Neugierde. Und ich muss auch aus den Mauern des Ministeriums und aus der Blase in Berlin herauskommen, um zu sehen, welch‘ tolle Forschung und Innovation gemacht wird, ebenso, wie viele Menschen sich Tag und Nacht einsetzen, um mehr Wissen zu kreieren und Lösungen zu schaffen.

Warum sind sie an das größte Max-Planck-Institut Deutschlands gekommen, das MPI für Multidisziplinäre Naturwissenschaften?

Da ist natürlich die Vernetzung über Konstantin Kuhle. Aber auch die Thematik hier ist superspannend, gerade in diesen übergreifenden naturwissenschaftlichen Bereichen, die die Zukunft sind. ich freue mich darauf, hier etwas zu lernen.

Welche Rolle spielt der Forschungsstandort Göttingen insgesamt?

Die vielen Institute hier und die Universität sind natürlich die Leuchttürme. Sie leisten einen Beitrag, weil sie Bestandteil der Neugier getriebenen Forschung. Einstein sagte: ‘Ich hab kein Talent, aber ich bin neugierig.‘ Jeder von uns hat ein Talent, und der Beitrag, den wir alle leisten können ist unermesslich. All das kann sich hier entwickeln.

Corona hat enorme Herausforderungen gestellt und große Leistungen aus der Wissenschaft hervorgebracht. Welche Herausforderungen stellt der Krieg an die Wissenschaft?

In der Forschung wird gewisse eine Zeitenwende eintreten. Weil wir gesehen haben, dass technologische Souveränität wichtig ist. Nicht im Sinne von abschotten oder autark sein, was Quatsch wäre. Aber immer aus dem Beweggrund, dass man immer anhand der eigenen Werte entscheiden kann, mit wem man forscht und Handel betreibt. Deshalb sehen, dass wir in den Schlüsseltechnologien und in die technischen Lösungen im Energiebereich, dort wo wir Abhängigkeiten haben, investieren müssen. Dort brauchen wir die großen Sprünge. Die Unis, auch Göttingen, können Teil dieser Forschungspipeline sein. Dort und den Forschungseinrichtungen entstehen Ideen, die dann in Produkten münden.

Wie wichtig ist es global bedeutende Forschungsvorhaben mit Russland aufrecht zu erhalten?

Wir haben die Forschungskooperationen, dort wo Geld von Deutschland nach Russland fließt mit öffentlichen staatlichen Institutionen eingefroren. Das tut weh, weil gerade im Bereich Nachhaltigkeit und Klimawandel ein wichtiger Partner war, ebenso in der Weltraumforschung. Aber: In Russland herrscht keine Wissenschaftsfreiheit. So kann auch kein Know-How-Transfer stattfinden. Allerdings ist es wichtig, die Wissenschaftler, die sich dieser Freiheit bekennen und flüchten mussten, aufzunehmen, ihnen Schutz und Heimat geben. (tko)

Zur Person: Bettina Stark-Watzinger

Bettina Stark-Watzinger, geb. am 12. Mai 1968 in Frankfurt am Main, zog für die FDP 2017 in den Bundestag ein und ist seit Dezember 2021 Bundesministerin für Bildung und Forschung. Sie studierte Volkswirtschaftslehre in Mainz und Frankfurt, arbeitete in England, an der European Business School in Oestrich-Winkel und an der Uni Frankfurt. Bis 2017 war sie Geschäftsführerin des Forschungszentrums SAFE. Die Hessin ist verheiratet und hat zwei Kinder. (tko)

Auch interessant

Kommentare