Premiere

Butoh-Meister Tadashi Endo inszeniert „Sasayaki“ im Jungen Theater Göttingen

Eine Person (ein Mann) steht im Nebel auf einer Theaterbühne.
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Tadashi Endo im Jungen Theater Göttingen: Auftritt im Nebel vor dem Publikum.

Was macht die Pandemie mit den Menschen? Tadashi Endos Butoh-Tanztheater „Sasayaki“ zeigte dies bei der Premiere im Jungen Theater in Göttingen.

Göttingen – Selten wird es deutlicher vorgeführt, was die Pandemie für den Menschen bedeutet, als in Tadashi Endos Butoh-Tanztheater „Sasayaki“ oder „Vom Flüstern zum Schrei“.

Hier krümmen sich menschliche Körper wie vor Schmerzen. Kaum denkbar, dass dieses Leiden nachlässt. Schließlich formiert der Schmerz sich zum Schrei.

Gut gefüllt ist der Saal im Jungen Theater. Bunt gemischt sind die Menschen im Publikum – von jung bis alt, Männer wie Frauen. Für sie entsteht ein Bild aus Bühnennebel, diesem entsteigt Tadashi Endo und brilliert mit grenzenloser Körperbeherrschung.

Dazu drei Frauen. Sie liegen auf der Bühne. Drehen sich ganz langsam aus dem Leiberhaufen. Aus der Masse werden Individuen, die sich doch irgendwie gleich bewegen. Auch sie scheinen gepeinigt, von Leid getragen. Wann das Unglück vorbei ist, kann keiner sagen. Dass es zupackt, dessen sind sich alle bewusst.

Eine Szene aus „Sasayaki“ oder „Vom Flüstern zum Schrei“: Die Tänzerinnen streuen Rosenblätter. Ein Zeichen ihrer Trauer?

Bedeutungsvoll wirken die Bewegungen zu Klängen, die mal an liturgische Gesänge erinnern, aber auch Anklänge an moderne Unterhaltungsmusik aufweisen. Bestimmend ist in vielen Phasen der Rhythmus, der die Figuren treibt zu immer wieder neuen Bildern der Trauer.

Unter die Haut geht die Szene, in der die drei Frauen – sonst in hellen Gewändern, nun ganz in schwarz – den Zuschauern ihre roten, blutigen? Handflächen hinstrecken. Fast eine Ruhepause gönnt den Zuschauern das Bild, in dem sie mit gemessenen Schritten auf der Bühne Rosenblätter streuen. Sind sie für all die geliebten Menschen, die sie verloren haben?

Fast scheint es im Butoh-Tanztheater „Vom Flüstern zum Schrei“, als würden die Körper der Darsteller Tadashi Endo, Natsuko Kono, Satoko Shimzu und Virginia Torres Pérez sprechen, als würden sie das erlebte Unglück beklagen.

In einer Stunde formen sie Bilder, die jedes für sich wie alle gemeinsam erinnern an Edward Munchs Gemälde „Der Schrei“.

Eine große Leistung, die der weltbekannte Butoh-Meister aus dem Landkreis Göttingen mit den Frauen zwischen 25 und 66 Jahren aus einem Casting-Workshop realisierte. Dafür spendet das Publikum tosenden Applaus mit Trampeln und begeistertem Johlen. (Ute Lawrenz)

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