Beratungsstelle der Diakonie besteht seit 25 Jahren

Cannabis ist illegale Droge Nummer eins im Landkreis Göttingen

Göttingen. Wer mit Drogen im Landkreis Göttingen in Kontakt kommt, der hat in den meisten Fällen mit Cannabis zu tun. 

Die berauschenden Produkte der Hanfpflanze sorgen seit 25 Jahren ständig für neue Klienten bei der Drogenberatung in Göttingen, die für den gesamten Landkreis zuständig ist. Pro Jahr nutzen etwa 70 neue Klienten das Beratungsangebot der Diakonie – Tendenz gleichbleibend. Insgesamt werden derzeit mehr als 150 Drogenabhängige betreut.

Hinzu kommen jährlich etwa 150 Angehörige sowie Klienten, die nur ein- oder zweimal zur Beratung kommen. Cannabis hat bereits vor einigen Jahren das Heroin, das aus dem Schlafmohn hergestellt wird, als Hauptursache für Drogenerkrankungen in der Region abgelöst.

„Die meisten der Altkonsumenten sind inzwischen auf Medikamente umgestellt, damit sie ein fast normales Leben führen können“, sagt Markus Lingemann, einer von zwei hauptamtlichen Drogenberatern der Diakonie. Es gibt verschiedene Faktoren, warum Betroffene mit Drogen in Kontakt kommen. „Oftmals ist es am Anfang einfach die Neugierde oder auch der Gruppendruck“, sagt Lingemann.

Drogenberater Markus Lingemann

Es dauert aber ziemlich lange, bis sich Betroffene erstmals professionelle Hilfe suchen. Im Durchschnitt vergehen bei Cannabis zweieinhalb Jahre bis zum Kontakt mit der Drogenberatung. Lingemann versucht, in seinen Beratungsgesprächen zu erkennen, warum der Konsum überhaupt erfolgt. Als Grund für den Cannabiskonsum wird die Entspannung durch den Genuss genannt. „Ich versuche, diesen Klienten andere Wege für die Entspannung, zum Beispiel durch autogenes Training, aufzuzeigen“, schildert Lingemann Strategien der Drogenberatung.

Die Polizei im Landkreis Göttingen muss sich jährlich mit etwa 1000 Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz auseinandersetzen.

Fragen und Antworten: Direkte Hilfe für Drogenkranke

Seit 25 Jahren gibt es die Drogenberatung des Diakonieverbandes Göttingen – dazu Fragen und Antworten.

Warum wurde die Einrichtung vor 25 Jahren gegründet?

Konkrete Hilfe für Suchtkranke gibt es noch nicht so lange in Deutschland. Nach und nach wurde klar, dass es für Konsumenten von illegalen Suchtmitteln eigene Angebote geben muss. Deshalb wurde die Göttinger Drogenberatung 1992 ins Leben gerufen.

Womit beschäftigte sich die Einrichtung anfangs?

Ein drängendes Problem waren anfangs die Heroinkranken, die zunächst die Hauptzielgruppe bildeten. Einige sind heute noch in Behandlung und haben weiterhin Kontakt zur Drogenberatung. Viele nehmen Ersatz-Medikamente, zum Beispiel das bekannte Methadon, und nutzen die Substitutionsbegleitung, die ganz praktische Hilfe im Alltag bietet.

Ist das Angebot der Drogenberatung kostenpflichtig?

Nein, das Angebot der Diakonie wird vom Land Niedersachsen sowie von Stadt und Landkreis Göttingen finanziert. Etwa 400.000 Euro jährlich werden für die Drogenberatung, das offene Café und die psychosoziale Begleitung für Substituierte zur Verfügung gestellt.

Wie sieht das Göttinger Drogenberatungszentrum das Thema Legalisierung von Cannabis?

„Wir sind dafür, dass Kleinkonsumenten entkriminalisiert werden“, sagt Drogenberater Markus Lingemann. Grundsätzlich gibt es aus seiner Sicht sehr gute Gründe, die für und gegen die Legalisierung von Cannabis sprechen. Lingemann: „Entscheidend ist, dass Betroffenen geholfen wird.“

Wie hat sich die Verfügbarkeit von Drogen entwickelt?

Es ist einfacher geworden, an Drogen heranzukommen. Ein Weg ist sicherlich das Internet, wo berauschende Drogen legal vertrieben werden. Wird eine Substanz dann in das Betäubungsmittelgesetz aufgenommen, so haben die Labore schon neue Substanzen auf dem Gebiet von Amphetaminen und Cannabinoiden entwickelt. Das Problem: Die Nebenwirkungen und die Gefährdungen der Konsumenten sind nicht abschätzbar.

In Göttingen ist immer wieder vom Thema MDPV die Rede. Was hat es damit auf sich?

Seit 2013 spielt diese Substanz aus der Gruppe der Amphetamine in Göttingen eine gewisse Rolle. „Göttingen war die Hochburg für diese Substanz“, sagte Lingemann. MDPV (siehe Hintergrund) kam nach Südniedersachsen, weil die Substanz für einen Teil der Konsumenten Ersatz für harte Drogen war. „Göttingen war damit ein Sonderfall in ganz Deutschland.“ Deshalb hat die Göttinger Drogenberatung einen eigenen Flyer dazu entwickelt. Inzwischen flaut das Problem wieder ab.

Wie sieht es mit dem Kokainkonsum in der Region aus?

Das spielt in der Region Göttingen derzeit keine große Rolle. Die Fallzahlen sind eher gering.

Gibt es weitere Angebote für die Drogenkonsumenten?

Ja, zum Beispiel die juristische Beratung. Regelmäßig kommt ein Anwalt zur Drogenberatung, der konkrete Fragen beantwortet und Rat für die weitere Vorgehensweise bei Konflikten mit Polizei und Justiz gibt.

Kümmert sich die Diakonie in Göttingen auch um Alkoholabhängige und Spielsüchtige?

Ja, dazu gibt es in der Schillerstraße in Göttingen eine eigene Beratungsstelle. Alle Einrichtungen arbeiten in der Fachstelle für „Sucht- und Suchtprävention“ eng zusammen. 

Kontakt: Drogenberatungszentrum Göttingen, Neustadt 21, 37073 Göttingen, Telefon 05 51/4 50 33;

Außenstelle Hann. Münden: Welfenstraße 5, 34346 Hann. Münden, Telefon 0 55 41/98 19 20.

www.drobz-goe.de

MDPV: Heroin-Abhängige stiegen auf neue synthetische Droge um

Eine synthetische Droge macht seit einigen Jahren Drogenberatern sowie Polizei und Justiz in Göttingen zu schaffen. Viele Heroin-Konsumenten stiegen auf die neue Substanz MDPV (Methylendioxypyrovaleron) um, das seit Juli 2012 unter das Betäubungsmittelgesetz fällt.

Nach polizeilichen Feststellungen haben MDPV-Konsumenten massive Stimmungsschwankungen und zeigen ein dadurch ausgelöst zeitweise höchst aggressives, völlig unberechenbares Verhalten. Mehrfach kam es zu schweren Körperverletzungen und zum Widerstand gegen Polizeibeamte.

Rubriklistenbild: © Karmann/dpa

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