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Uigure Tahir Qahiri über China: „Es herrscht eine Kultur der Angst“

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Von: Thomas Kopietz

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In ständiger Sorge um seine Familie lebt der Uigure Tahir Mutällip Qahiri, der in Göttingen als Wissenschaftler lehrt und forscht. Qahiri hatte zeitweise keinen Kontakt zu seiner Familie.
In ständiger Sorge um seine Familie lebt der Uigure Tahir Mutällip Qahiri, der in Göttingen als Wissenschaftler lehrt und forscht. Qahiri hatte zeitweise keinen Kontakt zu seiner Familie. © Thomas Kopietz

Chinas Machthaber führen seit 2014 in der Provinz Xinjiang einen Kampf gegen das Volk der Uiguren. In den Augen der Staatsführung ist es ein Kampf gegen eine „Plage“.

Göttingen - Dieses menschenverachtende Wort stammt, wie die New York Times berichtete, aus der Feder von Chinas Staatschef Xi Jinping, der zurzeit die Sportler der Welt bei den Olympischen Winterspielen in Peking empfängt.

Derweil werden in sogenannten Umerziehungslagern Uiguren eingesperrt und gefoltert. Es herrscht eine „Kultur der Angst“, sagt Tahir Mutällip Qahiri, Forscher an der Universität Göttingen. Wir sprachen mit ihm.

Herr Qahiri, eine uigurische Frau entzündete die olympische Flamme. Was dachten Sie, als Sie das sahen?

Ich musste lachen. Es war lächerlich. Ausgerechnet eine uigurische Frau darf das olympische Feuer entzünden. Frauen werden vergewaltigt und zwangssterilisiert. Xi wollte damit zeigen, dass man in China gut mit den Uiguren umgeht. Diese Geste bei der Eröffnungsfeier zeigte mir und anderen Uiguren auch: Xi und das Regime können alles mit uns machen. Es war eine Erniedrigung.

Derweil sitzen Tausende in den Lagern ein. Kindern und Erwachsene sollen umerzogen werden. Mit welchen Folgen?

Das Kulturerbe der Uiguren soll ausgelöscht werden. Und die Uiguren sollen mit den Han-Chinesen vermischt werden. Das Mittel der Regierung und von Xi ist die Angst. Es regiert die Angst. Es gibt grundlos Verhaftungen.

Ihre Familie lebt weiter in Xinjang. Haben Sie Kontakt?

Ich hatte zwischen Mitte Oktober 2017 und Anfang März 2019 keinen Kontakt. Seitdem telefonieren wir regelmäßig. Die Gespräche werden meist getrennt. Am Montag haben wir etwa zwei Minuten lang gesprochen. Ich muss aufpassen, nicht zu viel zu sagen. Schon die Frage nach dem Wetter könnte Probleme für meine Eltern bringen. Ich darf kein Videotelefonat mit der Familie führen.

Worüber sprechen Sie?

Sie fragen, wie es mir geht. Ich höre heraus, wie es Ihnen gehen könnte. Die Stimme verrät einiges. Mein Vater war lange in einem Lager interniert. Als ich ihn bei einem Videotelefonat wieder sah, war er stark gealtert. Ich kann auch nicht überprüfen, ob mein Vater und meine Mutter die Wahrheit sagen, ob es ihnen wirklich gut geht und ob sie zu Aussagen gezwungen werden. Meine vier Geschwister habe ich seit Jahren nicht gesprochen. Ich weiß nicht, wo sie sind.

Könnten auch Ihre Geschwister in Lagern sein?

Ja. Aber ich weiß es nicht. Und ich kann mit meinen Eltern nicht darüber reden. Die Regierung versucht, die Familien zu spalten, zu trennen, zu zerstören.

Sie haben offen über ihr Familienschicksal gesprochen. Mit Erfolg?

Die Berichte in deutschen und US-Medien haben zur Bekanntmachung des Falles meines Vaters beigetragen. Beteiligt waren große deutsche Zeitungen – auch Ihre Zeitung. Es gibt zudem Fernsehberichte. Dafür bin ich sehr dankbar. Mein Vater tauchte im April 2019 wieder auf. Wir können wieder telefonieren.

Sind Sie ein Olympia-Fan und -Zuschauer?

Ich schaue gerne Fußball. Der deutsche Fußball interessiert mich, seit ich in Peking Deutsch studierte. Wenn Deutschland gewann, habe ich gejubelt. Ich bin aber kein Olympia-Fan, obwohl ich die olympischen Werte gut finde. Die Eröffnungsfeier sah ich mit Journalisten im Saal der Göttinger Gesellschaft für bedrohte Völker. Ich hätte sie sonst nicht geschaut.

Verstehen Sie die teilnehmenden Sportler?

Ja. Die Sportler trainieren Jahre auf dieses Ziel hin. Aber sie werden vom IOC benutzt. Es ist zudem wichtig, Stellung zu beziehen – gegen Menschenrechtsverletzungen und das Unrecht, das uns Uiguren angetan wird. Die Sportler müssen gar nicht sprechen, sondern einfallsreich sein – wie der türkischen Skispringer, der seine Ski mit der uigurischen Flagge in die Kamera hielt. Das Foto ging um die Welt.

Laut IOC sind die Olympischen Spiele unpolitisch...

Dass Olympische Spiele in einem Land stattfinden, das die Menschenrechte ablehnt, ist politisch. Aber dem IOC geht es nur ums Geld. Und es bietet China eine große Bühne vor der restlichen Welt.

Sie sind nun deutscher Staatsbürger. Ein Deutscher führt das IOC.

Thomas Bach gibt sich als Freund von Machthaber Xi, er möchte 300 Millionen Chinesen für den Wintersport begeistern. Dabei erscheint er wie ein Untergebener von Xi, wenn er sich zur Begrüßung verbeugt.

Werden Ihre kritischen Äußerungen, die Zeitungsberichte in China wahrgenommen?

Das wird in China schnell wahrgenommen – auch die Berichte in Ihrer Zeitung. Insgesamt ist in den vergangenen Jahren durch die Medien viel mehr über die Uiguren, die Lager, bekanntgeworden. In stetig mehr Ländern wird Kritik an China geäußert. Aber: China ist für viele Länder der wichtigste Handelspartner. Deshalb gibt es höchstens einen diplomatischen Boykott.

Peking aber reagiert nicht.

Ja. Immerhin aber wird deutlich: China isoliert sich in der Welt. Aus vielen Teilnehmerstaaten bei den Olympischen Spielen kamen keine Regierungsvertreter zur Eröffnungsfeier. Mit diesen Olympischen Spielen will China seine Macht demonstrieren. Das gelingt. Mit Hilfe des IOC.

Haben Sie Angst?

Ich kann in Deutschland in Sicherheit leben. Nach China zu reisen, wäre gefährlich.

ZUR PERSON

Tahir Mutällip Qahiri (41), geboren in Kashgar in der Provinz Xinjiang (China). Dort erwarb er seine Hochschulreife, wechselte dann zum Studium an die Uni in Peking. Dort studierte er Deutsche Literatur. 2006 kam Qahiri nach Deutschland, arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter. An der Uni Göttingen schreibt er seine Doktorarbeit, lehrt uigurische Sprache und Literatur am Seminar für Turkulogie und Zentralasienkunde. Zudem ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Projekt „Fachinformationsdienst Zentralasien“ der Staats- und Universitätsbibliothek, baut das Webarchiv Zentralasien auf. Qahiri berichtet häufig öffentlich über das Schicksal der Uiguren – auch in den Medien. tko

Abgenommene Pässe und Unterdrückung

Seit Jahren berichtet Tahir Qahiri, der seit 2020 deutscher Staatsbürger ist, mutig über die Unterdrückung der Uiguren. Er will so in der freien Welt auch „Anwalt für seine Familie“ sein. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) würdigt diesen Einsatz: Ohne Menschen wie Qahiri wüsste man viel weniger von dem, was in Xinjiang mit den Uiguren passiert.

Die GfbV informiert intensiv über den von vielen Staaten so bezeichneten „Völkermord“ und hat eine Dokumentation auf Basis von Zeugen- und Angehörigen-Aussagen vorgelegt. Qahiris Eltern sind auch Opfer: Ihnen wurden die Pässe genommen. „Sie können nicht, wie Han-Chinesen, frei reisen. Mein Vater bekommt auch keine Pension mehr.“  tko

(Thomas Kopietz)

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