Chirurg: Patienten wären ohne Lebertransplantation verstorben

Fortsetzung im Januar: Der Prozess um den Transplantationsskandal an der Universitätsmedizin Göttingen geht weiter. Foto: Kopietz

Göttingen. Im Prozess um den Transplantationsskandal in der Göttinger Universitätsmedizin (UMG) hat der angeklagte Chirurg am Montag zu zwei Indikationsfällen Stellung genommen.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, durch die Meldung manipulierter Daten an die Stiftung Eurotransplant Patienten als kränker dargestellt zu haben, als sie tatsächlich waren. Unter anderem seien ein 59-jähriger Mann und eine 34-jährige alkoholkranke Patientin, die 2010 eine Spenderleber erhielten, fälschlicherweise als dialysepflichtig gemeldet worden.

Der 47-jährige Angeklagte machte geltend, dass in beiden Fällen die Transplantation medizinisch angezeigt gewesen sei. Bei beiden habe die Gefahr bestanden, dass sie ohne Transplantation kurzfristig versterben könnten.

Der Chirurg gab an, dass der 59-Jährige die „King‘s College Kriterien“ für ein akutes Leberversagen erfüllt, die „Clichy Kriterien“ jedoch „knapp nicht erfüllt“ habe. Dies hänge damit zusammen, dass der Patient zahlreiche Blutprodukte bekommen habe. Seiner Ansicht nach hätte Eurotransplant trotzdem den Fall als „High Urgency“, also als hoch dringlich, anerkennen müssen. Dass Eurotransplant dies abgelehnt habe, sei „fahrlässig“ gewesen. Auf die Frage des Staatsanwalts, warum er dort nicht nachgefragt habe, erklärte er, dass man erst nach 14 Tagen einen neuen Antrag stellen dürfe.

Laut Anklage wurde der 59-jährige Patient wenige Tage nach der Ablehnung des „High-Urgency“-Antrages als dialysepflichtig gemeldet. Kurz darauf bekam er ein Spenderorgan angeboten und wurde transplantiert.

Nach Angaben des Chirurgen muss „dialysepflichtig“ nicht unbedingt bedeuten, dass ein Patient dialysiert wird. Manche dialysepflichtige Patienten seien zu instabil, um dialysiert werden zu können. Dies sei wahrscheinlich auch bei dem 59-Jährigen der Fall gewesen.

Auch die 34-jährige Patientin war als dialysepflichtig gemeldet worden. Ohne eine Transplantation hätte sie nur noch wenige Tage zu leben gehabt, sagte der Chirurg. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm außerdem vor, dass sie gar kein Spenderorgan hätte erhalten dürfen, weil sie noch nicht die erforderliche Abstinenzzeit von sechs Monaten eingehalten habe. Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) hatte deshalb eine Transplantation abgelehnt.

Eine Richterin verlas ein ärztliches Schreiben, wonach bei der Patientin wenige Monate nach der Transplantation eine Fettleber-Hepatitis festgestellt wurde und davon auszugehen sei, dass sie erneut Alkohol konsumiert habe.

Der Chirurg erklärte, dass die Patientin Probleme mit Medikamenten gehabt habe und die Lebererkrankung darauf zurückzuführen sein könne. Der Prozess wird Anfang Januar fortgesetzt. (pid)

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.