Premiere im Theater im Göttingen

Coming-out-Stück in Göttingen: Annäherung mit Pfefferminzöl

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Coming out: Die Mutter, gespielt von Lisa Tyroller, muss erkennen, dass ihr 15-jähriger Sohn Jamie (Cédric Frein) schwul ist. Nach der Premiere gab es begeisterten Applaus.  

Göttingen. Liebe kann so schön sein. Doch was ist, wenn ein Junge einen Jungen liebt. Das ist Thema des Stücks „Beautiful Thing“ von Jonathan Harvey. Das Schauspielteam des Göttinger Theaters im OP (ThOP) hat aus dem Thema mit schwerem Tiefgang einen leichtfüßigen Abend gestaltet.

Begeistert und lang war der Premieren-Applaus: Der 15-jährige Jamie hat kein leichtes Leben. Mit seiner Mutter, die ständig neue Freunde anschleppt, wächst er in einem der sozialen Brennpunkte in London auf. In der Schule wird er gemobbt. Das Nachbarmädchen Leah ist von der Schule geflogen, der Nachbarsjunge Stevie wird vom Vater verprügelt. Nicht nur einmal will Jamies Mutter ihm helfen und lässt den Jungen bei Jamie schlafen. Das macht die Situation nicht leichter: Die Jungen merken, dass sie mehr füreinander empfinden. Sie fangen an – erst in kleinen Dingen –, immer offener zu ihren Gefühlen zu stehen. Ihr Umfeld muss lernen, damit umzugehen.

Überzeugend spielt Cédric Frein als Jamie die zaghaften Annäherungsversuche an Steven. Mit dem Pfefferminzöl seiner Mutter reibt er dessen blaue Flecke von einer Prügelattacke des Vaters ein. Darsteller Phil Schlöter gelingt es einfühlsam, die innere Zerrissenheit Stevens auszudrücken. Einerseits kümmert der sich um die Wäsche, andererseits würde er seinen Vater am liebsten in der Gosse verrecken lassen. Einerseits will er nicht als Schwuchtel von den anderen gebrandmarkt werden, andererseits fühlt er sich immer mehr zu dem auch schüchternen Jamie hingezogen. Schließlich ist es sogar Steven, der die Initiative zum leidenschaftlichen Knutschen ergreift.

Hervorragend gibt Myrtha Dorothee Werner eine Leah, die als „Opfer der Bildungsmisere“ in die Vergötterung der Ikone Mama Cass flüchtet. „Ich werde niemals Enkel bekommen“ ist die fast schon abgedroschene Reaktion von Lisa Tyroller als Jamies Mutter auf die Erkenntnis, dass ihr Sohn schwul ist. Mit der neuen Situation setzt sie sich dann aber so weit auseinander, dass sie sogar mit einer Frau tanzt. Freund der Mutter, Nachbarin, Kollegin – unter der Regie von Andreas Hey sind alle Rollen in die Teamleistung eingebunden.

Fast schon überholt wirkt die Thematik des Stücks angesichts der jüngsten Entscheidung des Bundesrats mit seinem Ja zur Ehe für alle. Dass das nur ein Schritt auf einem langen Weg ist, zeigte am Premierenabend das Johlen der jüngeren Zuschauer, wenn Jamie und Steven zärtlich wurden.

Dem starken Team des studentischen Theaters ist es mit dem Stück zum Coming Out gelungen, ihr Publikum in Atem zu halten, und das über gut zweieinhalb Stunden.

Von Ute Lawrenz

Weitere Aufführungen sind vorgesehen

Die nächsten Vorstellungen von „Beautiful Thing“ im Göttinger Theater im OP sind am Freitag, 14., und Samstag, 15. Juli sowie am Dienstag, 18. Juli, und Mittwoch, 19. Juli, vorgesehen.

Karten für die Aufführungen gibt es unter der Rufnummer 05 51/39 70 77. Reservierungen sind per E-Mail an die Adresse theaterkarten@gmail.com möglich. Weitere Termine sind im ThOP-Spielplan veröffentlicht.

www.thop.uni-goettingen.de/kalender

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