Bretterverschläge vor Geschäften

Conny starb auf der Weender: Straßenschlachten waren die Folge

Protest: Nach dem Tod von Conny W. kam es zu Demonstrationen und zu Ausschreitungen. Foto: Karlheinz Otto

Göttingen. Am 17. November 1989 führt ein tragisches Ereignis zur Eskalation.

Als die 24 Jahre alte Kornelia Wessmann, Antifa-Mitglied, auf der Flucht vor Polizisten am Iduna-Zentrum über die Weender Landstraße läuft, wird sie von einem Auto erfasst und stirbt auf der Stelle.

Zuletzt aktualisiert um 10.52 Uhr.

Conny W. wird fortan für die Autonomen und Protestierenden in der Uni-Stadt zur Heldin. Für sie ist klar: Die Verantwortung trägt die Polizei. Die Polizisten wollen die Personalien aufnehmen, als die nicht vermummte und unbewaffnete Wessmann vor den Polizisten wegläuft, auf die Fahrbahn der vierspurigen Weender Landstraße, die zu diesem Zeitpunkt nicht für den Verkehr gesperrt ist. „Conny, von den Bullen getötet“ steht auf Transparenten, manche benutzen auch das Wort Mord. Das ist juristisch nicht korrekt, mobilisiert aber die Massen. Zunächst spontan 2000, die ein Feuer auf der Straße anzünden. Eine Woche später kommen Zehntausende zur Demo zusammen. Thomas Saylor aus Braunschweig war damals als Polizist dabei. Er spricht von 25 000 Teilnehmern: „Es war nicht nur die größte Demo der Stadtgeschichte, sondern auch bis heute einer der größten Aufmärsche des Schwarzen Blocks in der deutschen Nachkriegszeit.“ Etwa 2500 vermummte Autonome sind angereist, „darunter Krawallprofis aus dem Bundesgebiet und den Szenehochburgen Hamburg, Berlin, und Frankfurt“, wie Saylor schildert. Die Stimmung, geschürt auch von Krawallmachern aus dem ganzen Bundesgebiet ist gereizt, ja hasserfüllt – und das während der positiven Grundstimmung in den Tagen nach der Grenzöffnung.

Bilder: Tod einer Symbolfigur

Die Geschäftsleute wappnen sich: Zur Grundausstattung gehört ein passender Bretterverschlag zum Schutz der Schaufenster. Dennoch gehen Scheiben zu Bruch. Schlimmer noch: Die Demo endet im Chaos: Vor dem JuZi kommt es zur Straßenschlacht. „Durch einen polizeiinternen taktischen Fehler“, wie Saylor sagt. Tagelang gehört ein massives Polizeiaufgebot zum Alltag in Göttingen. Menschen sind besorgt, fürchten weitere Gewalt. Conny Wessmann hilft das alles nicht mehr: Die Studentin ist tot. Und sie wird zur Symbolfigur für die Linken und autonomen Gruppen in ihrem Kampf gegen Autorität und Staat. Es gibt viele Demonstrationen, noch Jahre später, die Teilnehmer werden immer weniger. Vor fünf Jahren, 20 Jahre nach dem Unglück, demonstrierten 1500 Menschen, es gibt Rangeleien. Dort, wo alles passierte, an der Bushaltestelle am Iduna-Zentrum, steht heute ein Gedenkstein mit der Inschrift: „Conny stirbt durch einen Polizeieinsatz bei einer Demonstration.“ Bei den Untersuchungen aber wurde weder ein Verschulden von Polizisten noch des Autofahrers festgestellt. Mitglieder der autonomen Szene bestritten die Ergebnisse. Auch, weil die beteiligten Antifas ihre Anonymität nicht preisgeben wollten. Deshalb wurden nur Zeugenaussagen von Polizisten berücksichtigt. Am Montagabend, 25 Jahre danach, zeigen nur wenige Menschen friedlich ihre Anteilnahme: Sie zünden Kerzen an – zur Erinnerung an Conny

Von Thomas Kopietz

Conny W. starb vor 25 Jahren in Göttingen

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