Reine Luft für Klassenräume

Corona-Forschung: Göttingen prescht vor - Forscher und Stadt wollen Aerosole und Viren bannen

Mit Spezial-Dummies wird die Aerosol-Verteilung in Klassenräumen gemessen.
+
Spitzenforschung in Göttingen: Im Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum wurde mit Spezial-Dummies die Aerosol-Verteilung in Klassenräumen unter verschiedenen Bedingungen gemessen.

Göttingen prescht vor: Stadt und Forscher wollen die Lösung für sichere Bedingungen in Schulen während der Corona-Krise finden - und die Wogen glätten.

  • Forscher aus Göttingen wollen für sicherere Schulen in der Corona-Krise sorgen.
  • Im Fokus ihrer Forschung stehen Luftfilter und Luftaustausch.
  • Laut den Wissenschaftlern beladen Ängste das komplexe Thema.

Göttingen – Nur Lüften genügt nicht. Aber wie kann ein Klassenraum gute Luft erhalten? Wie kann die Viren-Ansteckungsgefahr so gering als möglich gehalten werden? Fragen, die Lehrer, Eltern, Schüler, Verantwortliche in Kommunen und im Land sowie Wissenschaftler intensiv beschäftigen.

Die Stadt Göttingen prescht nun über zwei Dezernentinnen vor, will landes- und bundesweit Vorreiter sein und mit Hilfe von Top-Forschern schnell „die“ Lösung für sicherere Bedingungen in Unterrichtsräumen finden – aber auch in dem emotionalen Thema die Wogen glätten.

Wissenschaftler aus Göttingen wollen Corona-Forschung vorantreiben

Ein weiteres Motiv: Es gibt noch immer erhebliche Forschungsdefizite über die Zusammenhänge von Luftreinigung, Luftfilter und Luftaustausch.

„Man merkt wie komplex das Thema ist. Es gibt viele Schlagworte, Ängste und falsche Begrifflichkeiten. Aber wir sammeln täglich neue Erkenntnisse – es ist ein sehr dynamischer Prozess“, schildert Bauzernentin Claudia Baumgartner, die sich mit Vehemenz und Begeisterung in die Materie gestürzt hat.

Göttingens Baudezernentin Claudia Baumgartner.

Sie sagt auch: „Land und Bund müssen endlich anerkennen: Nur Stoßlüften im Rhytmus 20 Minuten Unterricht, fünf Minuten Querlüften reicht nicht aus.“ So würden nur 55 Prozent der Aerosole, die Transporter für Viren sind, ausgetauscht.

Corona-Forschung in Göttingen: Schuldezernentin freut sich über die vielen Top-Wissenschaftler

Aprospos Austausch: Wichtiger Faktor ist die Luftumwälzung, meist als Luftaustausch bezeichnet, das ist missverständlich, denn die Luft im Raum wird stetig durchmischt, nie aber komplett auf einmal ausgewechselt.

Eine Erkenntnis bisher: Gute Werte von vier bis sechsfachem Austausch pro Stunde sind relativ leicht und kostengünstig zu erreichen, was die Ergebnisse aus Berechnungen des Physiker und Aerosolforschers Prof. Eberhard Bodenschatz zeigen. Entscheidend für ein Ergebnis sind aber die Bewegung der Aerosole im Raum, beeinflusst durch die Wärme, auch produziert von den Personen und der Lüftung.

„Wir haben das Glück, mehrere Spitzenforscher in der Stadt zu haben, die sich mit dem Thema Aerosole in Räumen beschäftigen, deshalb sehe ich uns an der Spitze einer Bewegung“, sagt Schuldezernentin Maria Schmidt. Die Top-Wissenschaftler aus drei Göttinger Einrichtungen und ein Chemiker am MPI in Mainz ein Ziel haben: die beste Lüftung und Luft in Unterrichtsräumen zu produzieren, passende Geräte und Anlagen schnell zu installieren.

Corona-Forschung in Göttingen: Wissenschaftler wollen für sicherere Schulen sorgen

Dabei werden alle Möglichkeiten nicht nur betrachtet, sondern auch getestet, wie die Varienten, vom Stoßlüften, ohne und mit Geräte-Unterstützung, über zentrale Lüftungsanlagen und Abluftanlagen als Fremd- und Eigenbauten bis hin zu Dekontaminationsgeräten unterschiedlicher Technik reichen.

Tests, Untersuchungen, Berechnungen zur Aerosolverteilung, Luftumwälzung und Virusbelastung liefen und laufen – wie jüngst im Felix-Klein-Gymnsium. Für dieses Kombi-Projekt ist Fördergeld beantragt worden.

Maria Schmidt, Schuldezernentin.

Beteiligt sind aus Göttingen der Aerosolforscher Eberhard Bodenschatz vom Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation (MPIDS), Plasmaexperte Wolfgang Viöl von der Göttinger HAWK, Simone Scheithauer (Uni-Medizin) und Markus Raffel vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Corona-Verordnung: Bald wieder Präsenzunterricht in der Schule?

Sollte am Ende Geräte für 340 von insgesamt 1039 Unterrichtsräumen angeschafft werden, dann würde das teuer: „Etwa eine Million Euro“, schätzt Baumgartner. Sie betont, dass es um ein zügiges Handeln geht, um schnelle Entscheidungen. Im Bauausschuss wurde jetzt ein Papier mit Daten und Zwischenergebnissen sowie Gerätelösungen vorgestellt. Die Entscheidung könnte in der nächsten Ratssitzung fallen.

Für die Dezernentinnen aber ist auch klar: „Wenn wir schnell Geräte beschaffen, dann muss – anders als in der Corona-Verordnung vorgesehen – auch Unterricht in den Räumen möglich sein“, sagt Schmidt. „Wir kaufen keine Geräte für leere Räume.“ Sie hat diesbezüglich vor einer Woche bei Kultusminister Grant Hendrik Tonne angefragt. Geantwortet hat er noch nicht.

Corona-Krise: Köpfe und Techniken aus Göttingen sollen Durchbruch bringen

MPI-Forscher Eberhard Bodenschatz präferiert eine effektive und günstig Abluftanlage: Die Frischluft gelangt über ein gekipptes Fenster in den Raum und verlässt sie forciert durch einen im Fenster oder in der Wand eingebauten Ventilator.

Problem: Die Heizungen müssten in der Lage sein, die so dauergekühlten Räume trotzdem auf 19 Grad zu bringen. „Das müssen wir prüfen“, sagt Baumgartner. Problem im Sommer: Zusätzliche Warmluft würde ständig „eingelüftet“.

Mit Technologie gegen Corona: So könnten Viren eingefangen werden

Auch fest eingebaute Lüftungsanlagen könnten helfen, die in Göttingern auch in der IGS-Geismar und dem Otto-Hahn-Gymnasium vorhanden sind. Erfahrungen über Luftaustauschwerte lägen dabei nicht vor, sollen aber gesammelt werden.

Das MPI für Chemie in Mainz empfiehlt eine Abluftanlage zum Selbstbau, sie sei günstig – 200 Euro pro Raum – und effektiv. Knackpunkt dabei aber sind versicherungstechnische Gründe. „Von Eigenbauten rate ich ab“, sagt xxx Baumgartner.

Weiter in der Diskussion sind Anlagen mit Hochleistungsschwebstofffilter (HEPA-Filter), die Aerosole aus der Luft filtern. Viren werden damit eingefangen, aber nicht zerstört. Wartung und regelmäßige Filterwechsel wären wichtig – und teuer. Die Geräte allein kosten von 300 bis 5000 Euro.

Corona-Forschung: Dekontimationsgeräte zerstören Viren

Dekontimationsgeräte zerstören Viren, setzen keine Schadstoffe frei und werden von Claudia Baumgartner als sinnvoll erachtet. Das Problem Wartung könnte auf kurzem Weg gelöst werden, der Hersteller eines Gerätes sitzt in Duderstadt, Ottobock. Gerätepreis: etwa 2200 Euro. Die Universitätsmedizin und Ottobock wollen zudem eine wissenschaftliche Begleitung des Einsatzes bieten.

„Cold Plasma“ sorgt für eine Dekontimination - Experte dabei ist Prof. Wolfgang Viöl von der HAWK in Göttingen. 15 Geräte sollen Ende Januar eintreffen, werden getestet. Eine schnelle Massen-Lieferung wäre laut Stadt aber schwierig. (Thomas Kopietz)

Die neuen Corona-Regeln in Niedersachsen betreffen auch die Schulen. Neben Technologien hoffen Forscher und Politik auf ein Ende der Corona-Krise durch Impfstoffe. Mit einem Tool können Sie Ihren Impftermin berechnen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.