Interview mit Dezernentin Broistedt

Corona-Krise in Göttngen: Kliniken nicht an der Kapazitätsgrenze

Trotz Dauerstress zuversichtlich: Göttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt in Zeiten der Corona-Krise.
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Trotz Dauerstress zuversichtlich: Göttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt in Zeiten der Corona-Krise.

In Göttingen wurde ein Krisenstab eingerichtet. Noch sind die Kliniken nicht an der Kapazitätsgrenze angelangt, sagt die Sozialdezernentin der Stadt Göttingen, Petra Broistedt.

  • DasCoronavirus breitet sich in der Region Göttingen aus.
  • In der Stadt wurde ein Krisenstab eingerichtet.
  • Wir sprachen mit Sozialdezernentin Petra Broistedt.

Über die Arbeit in Zeiten der Corona-Krise, die Anforderungen und Schwierigkeiten sprachen wir mit der Sozialdezernentin der Stadt Göttingen, Petra Broistedt.

Frau Broistedt, wie läuft die Arbeit im Krisenstab der Stadt?

Sehr gut, wir sind ein eingeschweißtes Team geworden und wir ziehen wirklich alle an einem Strang. Dazu bekommen wir ganz viel Unterstützung. Die Zusammenarbeit mit Feuerwehr oder den Krankenhäusern, die sich in der Region vernetzt haben, ist hervorragend. Bundeswehr und Kassenärztliche Vereinigung sind ebenfalls mit dabei.

Nennen Sie ein Beispiel für die Unterstützung von außen.

Das Deutsche Theater hat angeklopft und gefragt: Sollen wir Euch Schutzmasken nähen? Wäre das keine Hilfe für die Arbeit? Ja! Natürlich, haben wir geantwortet. Über solche Dinge freue ich mich riesig. Sie geben Kraft in dieser aufreibenden Zeit. Auch unsere Beteiligungsgesellschaften die Abteilungen bei uns in der Verwaltung denken mit. So hat die Beschäftigungsförderung das Angebot gemacht, in den Werkstätten Plexiglasschutzwände herzustellen für Empfangsbereiche. Kurzum: Viele denken mit und fragen, wie sie unterstützen können.

Aber täglich gibt es doch sicher neue Probleme.

Neue Probleme tauchen in der Tat täglich auf: Zum Beispiel bei der Schutzkleidung und -ausrüstung. Die Preise schnellen empor – früher hat eine FFP2-Maske einen Euro gekostet, jetzt kostet sie zehn Euro. Es gibt zudem lange Lieferzeiten, und wir kommen generell schlecht an das Material – besonders an Handschuhe und Ganzkörperkleidung. Wir haben jetzt 49 000 FFP2-Masken gekauft – sie können sich ausrechnen, wie viel das die Stadt Göttingen kostet, knapp eine halbe Million Euro. Wir haben auch 70 000 Mund-Nasenschutz im Zulauf – die Lieferung kommt wohl in dieser Woche. Der Bedarf ist aber jetzt viel größer – all das ist eine echte Herausforderung.

Bekommen Sie Hilfe vom Land, vom Bund?

Die Stadt hat Amtshilfe beim Land und bei der Bundeswehr beantragt. Wir haben auf dem freien Markt eingekauft. Mit diesem Schutzmaterial statten wir die Rettungsdienste und Senioreneinrichtungen aus, wenn sie selbst kein Material bekommen. Es gibt aber auch Hilfe dadurch, dass bestimmte Verwaltungsentscheidungen vereinfacht werden.

Nennen Sie ein Beispiel.

Unser Ziel ist, dass Leistungen, vor allem finanzielle, die Menschen von der Stadt bekommen sollen, diese auch erhalten. So werden bestimmte Anträge, wie auf Arbeitslosengeld II, nun deutlich vereinfacht - auch für uns in der Bearbeitung. Die Prüfung ist nicht mehr so aufwändig – speziell dabei gilt: Kosten der Unterkunft sind als angemessen zu beurteilen, egal wie hoch sie sind – und wir machen keine Vermögensanrechnung mehr. Dadurch sind wir viel schneller in der Bearbeitung – es ist unbürokratischer – alles andere wäre jetzt auch fatal.

Wie eingeschränkt ist der Service im Rathaus?

Im Sozialbereich gibt es natürlich Einschränkungen – so bei den Öffnungszeiten. Viele Beratungen sollen und können aber auch telefonisch stattfinden. Viele Mitarbeiter arbeiten in Einzelbüros, viele auch im Home-Office, wenn das möglich ist. Auch gibt es Schutzmaßnahmen wie Plexiglaswände und Abstandsregelungen. Generell gilt der Grundsatz: Wir sind für die Menschen da.

Wie schätzen Sie die Corona-Lage in Göttingen ein?

Wir sind noch in einer moderaten Zone – hier in Göttingen und im Landkreis. Die Belegung der Kliniken ist fast überall im grünen Bereich. Wir sind nicht an den Kapazitätsgrenzen auf den Intensivstationen, die bereits für Ende der vergangenen Woche prognostiziert worden waren. Ziel ist weiter, den Anstieg der Infektionen zu verlangsamen. Deshalb ist es so wichtig, dass sich alle an die Kontaktsperren halten. Im Augenblick ist es so, dass diese Strategie aufgeht. Aber: Es ist zu früh zu sagen, dass es aufgeht, das es klappt.

Wie steht es um den, auch von der UMG konzipierten Plan, eine Corona-Klinik in der Region einzurichten?

Im Moment gibt es eine andere Regelung: Die UMG hat ein Netzwerk mit Kliniken der Region aufgebaut – es reicht bis zu Helios in Northeim und Hildesheim. Sie haben sich abgestimmt, dass alle Corona-Patienten aufgenommen werden. Helios hat die Entscheidung getroffen, dass die leichten Patienten nach Bad Gandersheim kommen und die schwereren nach Hildesheim. 

Also nehmen alle momentan Corona-Patienten auf. Die Uni-Klinik übernimmt die besonders schweren, intensivmedizinischen Fälle, vor allem jene jüngere Patienten mit schnell einsetzender Atemverschlechterung oder schweren Vorerkrankungen. Zudem haben alle die Kapazitäten aufgestockt und greifen auch auf die Reha-Kliniken zu. Grundlage dafür ist eine Verordnung des Landes. Denn die Reha-Kliniken sind weitestgehend leer und können Nicht-Covid2-Patienten aufnehmen. Die Häuser stimmen sich ab, wer welchen Patienten aufnimmt.

Zur Person: Petra Broistedt

Petra Broistedt (55) ist seit Oktober 2016 Kultur- und Sozialdezernentin der Stadt Göttingen. Aktuell leitet sie auch den Corona-Krisenstab der Stadt. Sie stammt aus Uelzen und studierte nach dem Abitur „Soziale Arbeit“ an der Fachhochschule-Wolfenbüttel. Zuvor war die Sozialpädagogin Leiterin des Fachdienstes „Besondere soziale Dienste“ bei der Stadt Göttingen sowie Frauenbeauftragte und Persönliche Referentin des Landrats beim Landkreis Holzminden

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