Nach Massenausbruch

Corona in Göttingen: Bewohner und Stadt wehren sich

Nachdem es in Göttingen zu einem Massenausbruch von Corona-Infektionen gekommen war, steht nun die Stadt in der Kritik.
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Bei einer Pressekonferenz vor dem Iduna-Zentrum infomierte Göttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt (Mitte) über die aktuelle Entwicklung.

Nachdem es in Göttingen zu einem Massenausbruch von Corona-Infektionen gekommen war, steht nun die Stadt in der Kritik.

Göttingen (Niedersachsen) - Die Stadt Göttingen steht in der Krise um Corona-Masseninfektionen zunehmend in der Kritik. Die kommt von Betroffenen aus den Großfamilien, von denen zahlreiche in Quarantäne sind.

Medien greifen die auch auf Facebook veröffentlichten Stellungnahmen von Familienmitgliedern und Gruppen wie der Vereinigung der Sinti und Roma in Deutschland auf. Das geschieht teilweise ohne Gegenrecherche und Anmerkungen wie auf „Stern-Online“, die Stadt sei für Stellungnahmen nicht zu erreichen gewesen. Stadtverwaltung und Krisenstab informierten teilweise bis zu zweimal täglich in Pressekonferenzen zur Lage um die Masseninfektion.

Dass vonseiten der Betroffenen aus den Großfamilien Kritik am Vorgehen der Stadt kommen würde, sei zu erwarten gewesen, sagt Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) gegenüber unserer Zeitung. Ob aber die Argumentationen, dass es keine „privaten Familienfeiern“, so die Stadt, gegeben habe, am Ende stichhaltig bleiben, das bezweifelt Köhler, der ansonsten defensiv auf Anschuldigungen und Kritik reagiert, auch Einladungen für die Teilnahme an TV-Talkshows ablehnte.

Corona-Ausbruch in Göttingen: Gesundheitsamt muss Infektionsketten entschlüsseln

Petra Broistedt, die Leiterin des Krisenstabes, spricht auch über eindeutige Hinweise und Angaben von Kontaktpersonen, dass es „diverse Treffen zu Feierlichkeiten an unterschiedlichen Orten im Stadtgebiet, auch im Iduna-Zentrum“ gegeben habe. Daran hätten viele Menschen teilgenommen. Das Gesundheitsamt sei den Informationen der Kontaktpersonen nachgegangen, um die Infektionskette zu entschlüsseln und zu brechen.

Zu hören ist auch, dass die Vielzahl der 120 ermittelten Corona-Infizierten und anfangs etwa 230 Kontaktpersonen aus Göttingen und dem Bereich Iduna-Zentrum stamme, mit seiner, so Broistedt, „sehr heterogenen Bewohnerschaft“. Man könne aber nicht sagen, dass alle, der nun dort nachgewiesenen Infektionen aus dem Umfeld der Familienfeierlichkeiten stammen, so die Sozialdezernentin.

In Stellungnahmen von Familienmitgliedern heißt es, dass es diese Feiern mit größeren Gruppen so im „Iduna“ nicht gegeben habe. Die Übertragung, so schreiben sie, sei wohl durch Aerosole geschehen, die über längere Zeit in den Fluren des Hauses existent gewesen seien.

Corona-Ausbruch in Göttingen: Stadt plädiert für Solidarität 

„Wenn es einzelne Personen gibt, die sagen, sie haben nicht an Familienfeierlichkeiten teilgenommen, dann ist das eine Aussage. Ich kann nur die Aussagen, die wir im Rahmen der Kontaktnachverfolgung ermitteln, ernst nehmen und als Grundlage unseres Handelns annehmen“, betont Broistedt, die auch auf Quarantäne-Anordnungen verweist: Es sind aktuell knapp 70 für Bewohner im „Iduna“. Zum Vergleich: Die Stadt hat seit Beginn der Corona-Pandemie etwa 3000 Mal Quarantäne-Anordnungen in Göttingen ausgesprochen.

Die Stadt widerspricht Vorwürfen, dass sie bestimmte Religions- und Volksgruppen stigmatisiere. „Wir sagen immer wieder, es ist nicht eine bestimmte Nation, eine bestimmte Glaubensgemeinschaft, die gegen Regeln verstößt. Es sind Einzelpersonen.“ Letztlich sei es wichtig, Menschen nicht zu diskriminieren oder zu stigmatisieren. Das würde auch rechten Parolen in die Hände spielen, betont Broistedt.

„Wir müssen gemeinsam aufpassen, dass wir die Gesellschaft nicht spalten. Was wir brauchen, ist Solidarität und zwar für die Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln zum eigenen Schutz und zu dem von anderen.“ Man habe bewusst keine Verbindung zu Religionen oder staatlicher Herkunft der Menschen gezogen.

Corona-Ausbruch in Göttingen: Erneute Einschränkungen

In Göttingen wächst derweil in Teilen der Bevölkerung der Unmut über die massiv gestiegenen Infektionszahlen, über das angenommene Szenario der Masseninfektion und vor allem über die Folgen neu verhängter Einschränkungen wie Sportverbote in Vereinen. Man ist sauer über das Missachten der Corona-Regeln und ein unsolidarisches Verhalten, fordert Konsequenzen für die ein, die Verstöße begangen haben.

Verstößen werde man nachgehen, so weit es möglich ist. Einfach sei das aber nicht, sagt Köhler. „Wir als Stadtverwaltung, Ordnungsbehörde und Gesundheitsamt sind nicht die Polizei“, betonen sowohl der OB und seine Sozialdezernentin.

Oberbürgermeister: Rolf-Georg Köhler.

„Im Vordergrund allen Handelns steht ganz klar, das Infektionsgeschehen einzudämmen, die Stadt und Bevölkerung vor größeren Einschränkungen zu bewahren“, sagt Köhler.

Corona-Ausbruch in Göttingen: Lob für Vorgehen von Landes- und Bundespolitik

Dementsprechend schnell handelte der Krisenstab und bekam dafür Lob, wie aus der Landes- und Bundespolitik. Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) lobte dieses schnelle und strikte Handeln gegen weitere Ausbreitungen des Coronavirus, was auch die Schließung aller Schulen und einiger Kitas beinhaltete. SPD-Gesundheitsexperte und Epidemiologe Karl Lauterbach bezeichnete das Vorgehen inGöttingen als beispielhaft für die Bekämpfung lokaler Hot-Spots.

Die Stadtverantwortlichen bewegen sich weiter in diesem Gemisch aus Vorwürfen und Lob. Das sei kompliziert sagt der Oberbürgermeister: „Wir haben zwei Aufgaben, wir müssen benennen, was ist – und wir müssen benennen, was nicht ist.“

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