Coronavirus in Göttingen

So setzt Corona der Göttinger Kulturszene zu - eine Bestandsaufnahme: Kultur kann das schaffen!

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Der Eingang zum Exil in Göttingen: Der beliebte Live-Club an der Weender Landstraße ist zurzeit völlig verwaist. Es ist wie viele andere Einrichtungen dieser Art geschlossen.

Corona ändert alles - auch bei den Kulturschaffenden in Göttingen. Einrichtungen, die hier längst zu einer Institution geworden sind, fürchten um die Existenz.

Göttingen –Erst war es „nur“ eine Meldung – weit weg. Dann ein Virus, das es plötzlich auch in Deutschland gab. Inzwischen ist das Corona-Virus (COVID-19) nicht nur in Göttingen angekommen. Es ist dabei, uns zu überrollen. Und einige Kulturschaffende werden danach Schwierigkeiten haben, wieder aufzustehen.

„Das einzige Gute ist, dass wir gerade alle in einem Boot sitzen“, so Tine Tiedemann, Mitgeschäftsführerin der Musa in Göttingen „Man ist damit nicht allein. Daraus kann man wahrscheinlich irgendwann eine ziemliche Stärke ziehen. Aber ich glaube, dass die Situation gerade jeder erst einmal für sich begreifen muss.“

Corona in Göttingen: Kulturzentrum Musa

Das Kulturzentrum Musa am Hagenweg ist die größte soziokulturelle Einrichtung in Stadt und Landkreis mit Räumlichkeiten für Workshops, Konzerte, Partys, Projekte, Tagungen und weiteren vielfältigen Angeboten - und muss jetzt, wie viele andere Kultureinrichtungen um seine Existenz bangen.

Neben den Bauchschmerzen, was das Fortbestehen der Musa angeht, macht Tine Tiedemann sich besonders Sorgen um die vielen kleineren lokalen Künstler, vor allem in der Musikszene. „Da sind viele Leute dabei, die jetzt schon ihre Wohnungen aufgeben und zusammenziehen und nicht mehr wissen, wie es weiter geht. Man kann eigentlich gar nicht greifen, was das bedeutet“.

Corona in Göttingen: Musikclub Exil

Auch Bea Roth, Inhaberin des Exils an der Weender Landstraße, hat den Betrieb ihres Livemusik- und Nachtclubs mit der Verfügung der Stadt vom 13. März sofort eingestellt. Was anfangs noch eine freiwillige Entscheidung für Veranstaltungen mit Kapazitäten von unter 100 Gästen war, steht mittlerweile nicht mehr zur Diskussion: Das kulturelle Leben der Stadt wird vorübergehend in eine Art künstliches Koma gelegt. Und die lebensrettenden Maßnahmen laufen.

So hat die Musa neben Kurzarbeitergeld auch die Soforthilfen der Bundesregierung beantragt und hofft nun auf schnelle Zusage. Für das Exil werde ebenfalls alles beantragt, was an Soforthilfen angeboten werde, sagt Bea Roth, die den Exil-Betrieb privatwirtschaftlich und einzig mit den Ausfallbürgschaften der Stadt (seit 2007) stemmt.

„Bei einem Umsatzverlust von mehr als 80.000 Euro bis einschließlich 18. April und aller bereits abgesagten Konzerte bis zum 1. Mai werden 9000 Euro leider nicht reichen, um den Betrieb zu retten, der sich nach dreieinhalb Jahren endlich am neuen Standort konsolidiert hatte.“

Im September 2016 war der Club und Nachfolger der ehemaligen Outpost aus der Prinzenstraße in das Idunazentrum gezogen und hat sich mit den neuen und jetzt größeren Räumlichkeiten in der Nähe zum Uni-Campus zu einem Hotspot für Live-Konzerte in Göttingen etabliert. Den Platz in der Göttinger Kulturlandschaft, teilt sich das Exil mit der Musa und anderen Kulturschaffenden – und ebenso ein Schicksal – denn ohne Veranstaltungen kein Umsatz. Das bekommen Einrichtungen in dieser Größenordnung jetzt mehr denn je zu spüren.

Corona in Göttingen: Eintrittskarten spenden

Viele Veranstalter hoffen daher neben den Soforthilfen auf die Solidarität der Konzertbesucher, die auch die Möglichkeit haben, auf die Rückerstattung ihrer gekauften Tickets zu verzichten oder ihr Ticket zu spenden.

Nichts los: Das Göttinger Kulturzentrum Musa sorgt sich um seine Zukunft. 

Corona in Göttingen: Junges Theater

Auch das Junge Theater (JT) in Göttingen weist auf seiner Website auf die Aktion #meinekartemeinebühne hin. Anders als viele Kultureinrichtungen in Göttingen ist das JT momentan noch nicht akut in seiner Existenz bedroht, prüft aber, ob eine Antragstellung auf Soforthilfe notwendig und sinnvoll ist. „Im Falle des Jungen Theaters wäre hier gegebenenfalls ein einmaliger Zuschuss von maximal 10.000 Euro möglich.

Der Zuschuss-Fond des Landes Niedersachsen ist vorrangig für den Erhalt der Liquidität eingerichtet worden. Das Junge Theater hat bereits einen Antrag auf Kurzarbeit gestellt. Bei Bewilligung durch die Bundesagentur für Arbeit, könnten die Einsparungen in den Personalkosten die wegfallenden Umsatzerlöse nur bedingt decken“, erklärt der Geschäftsführer der Neues Junges Theater Göttingen GmbH, Tobias Sosinka.

Corona in Göttingen: Einfrieren und Starten

Das Theater müsse sich jedoch keine Sorgen machen, in den nächsten Wochen oder Monaten schließen zu müssen, sagt Intendant Nico Dietrich: „Wir könnten uns quasi einfrieren und überwintern“, erzählt er und meint das „Überwintern“ dabei vor allem im übertragenen Sinne.

Schließlich würde er sich freuen, wenn das Junge Theater sich noch vor der Sommerpause zurückmelden und seinen alten Spielplan wieder aufnehmen könnte, auch wenn er das für eher unrealistisch hält. „Die Menschen haben dann wahrscheinlich erst einmal ganz andere Sorgen, müssen sich sortieren, auch privat und ihre Eltern und Großeltern besuchen. Aber wir planen momentan so, dass zwischen Mai und September bei uns alles möglich ist - wir wären bereit.“

Corona in Göttingen: Solidarisch Neustarten

Tine Tiedemann jedenfalls zeigt sich zuversichtlich: „Irgendwie bin ich mir ganz sicher, wir schaffen das. Weil es alle sind. Wenn wir aus dieser Situation etwas ziehen können, dann ist es das, dass wir uns solidarisch irgendwann neu aufstellen. Und ich glaube, das kann Kultur!“

Hintergrund: Wegen Corona verspricht Niedersachsen schnelle Hilfe

"Den Kulturbetrieb trifft die aktuelle Krise besonders stark“, sagte Niedersachsens Wissenschafts- und Kulturminister Björn Thümler (CDU) angesichts der Corona-Pandemie. Für Künstelerinnen und Künstler kündigte er deshalb „schnelle und unbürokratische Hilfe“ an. Das Landesprogramm „Liquididätssicherung für kleine Unternehmen“ richte sich ausdrücklich auch an soloselbstständige Künstler und Kulturschaffende, betonte Thümler.

Zuschüsse können seit dieser Woche bei der NBank beantragt werden. Hinzu komme eine zweite Landeshilfe explizit für Kultureinrichtungen, die nach derzeitigem Stand nicht von der Bundesförderung für den Kulturbereich umfasst seinen. Auch dieses Hilfsprogramm soll laut Thümler schnellstmöglich an den Start gehen.

Von Anke Heidenreich

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