Virusbekämpfung

Corona-Impfstoff in den Startlöchern: Sartorius in Göttingen verdient an der Entwicklung kräftig mit

Blick in die Produktion bei Sartorius: Dort wird Einwegmaterial für die Filtration und Sterilfiltration von biomedizinischen Produkten hergestellt.
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Blick in die Produktion bei Sartorius: Dort wird Einwegmaterial für die Filtration und Sterilfiltration von biomedizinischen Produkten hergestellt.

Biontech und andere Pharmaunternehmen, die an einem Corona-Impfstoff forschen, sind Kunden bei Sartorius aus Göttingen. Das wirkt sich kräftig auf die Aktie aus. 

  • Der weltweite Run auf die Entwicklung und Einführung von Impfstoffen und Medikamenten wirkt sich positiv auf die Aktie des Sartorius-Konzerns aus.
  • Die Vorzugsaktie des Sartorius-Konzerns steigt über die 400-Euro-Marke.
  • Die Produktion am Standort Göttingen läuft auf Hochtouren - zum Teil im Drei-Schicht-Betrieb.

Göttingen - Das Mainzer Pharmaunternehmen Biontech und dessen amerikanischer Partner Pfizer haben am Montag die Zulassung eines Corona-Impfstoffes angekündigt. Eine Nachricht, die für einen Kursschub an den Börsen sorgte. Auch die Sartorius-Vorzugsaktie – ohnehin auch und gerade in der Corona-Krise gefragt – reagierte, schraubte sich auf jenseits der 400 Euro-Marke.

Wie sich der weltweite Run auf die Entwicklung und Einführung von Impfstoffen und Medikamenten für den momentan etwa 26 Milliarden-Euro schweren Sartorius-Konzern aus Göttingen positiv auswirkt, erklären wir mit Fragen und Antworten:

Worauf beruht der Erfolg von Sartorius auch in Krisenzeiten?
Nun, das Unternehmen wurde im vergangenen Jahrzehnt unter Vorstandschef Dr. Joachim Kreuzburg fast komplett umgebaut – und ausgebaut – wuchs auf mehr als 10 000 Mitarbeiter. Die Aktie wurde vom Geheimtipp zum Erfolgspapier. Aus dem Hersteller von präzisen Messinstrumenten und Laboreinrichtungen wurde ein Komplett-Ausstatter und -Dienstleister für die biopharmazeutische Industrie und Forschung. Sartorius wurde durch gezielte Firmenzukäufe stetig an diese Bedürfnisse angepasst – gekauft wurden kleine, innovative Unternehmen und etablierte, die andere Marktsegmente besetzten. Zudem richtete Sartorius den Fokus auf die Herstellung von Bio-Medizin-Produkten, erwirbt vor allem auch auslaufende Patente. Dieser Markt hat ein enormes Wachstumspotenzial, für viele Jahre.
Biontech ist Sartorius-Kunde, wie wird sich eine Impfstoffeinführung für den Göttinger Konzern bemerkbar machen?
Sartorius ist in die meisten der weltweit laufenden Forschungs- und Entwicklungsprozesse für Covid-Impfstoffe involviert. „Nahezu alle Hersteller, die derzeit im Gespräch sind, gehören zu unseren Kunden“, sagt Unternehmenssprecherin Petra Kirchhoff. Die Sartorius-Produkte werden sowohl bei Entwicklung und Herstellung von Impfstoffen, aber auch von antiviralen Medikamenten eingesetzt. „Wir merken bereits seit einiger Zeit deutlich, dass Produktionskapazitäten aufgebaut werden, schon bevor klar ist, ob der Impfstoff eine Zulassung bekommt. Teilweise werden auch schon die ersten Chargen hergestellt, um dann nach Zulassung möglichst schnell liefern zu können“, berichtet Kirchhoff.
Der Firmencampus der Göttinger Sartorius AG: Der weltweite Run auf die Entwicklung und Einführung von Corona-Impfstoffen und Medikamenten sorgen für steigende Umsätze bei dem Konzern.
Welche Produkte und Dienstleistungen sind bei der Zulassung der Impfstoffe und Medikamente gefragt?
Die Produktpalette ist groß und richtet sich konkret nach den Bedürfnissen der Hersteller. Was exakt benötigt wird, hängt davon ab, auf welcher Basis der Impfstoff entwickelt wird – ob Boten-RNA oder auf einem Protein. Biontech setzt auf die Boten-RNA, das heißt: Der Körper entwickelt eigene Abwehrmechanismen. „Die Kunden setzen, je nach Projekt, unterschiedliche Produkte von uns ein, zum Beispiel Einwegbeutel, Filter und weitere Separationstechnologien“, ergänzt Sartorius-Sprecher Andre Hofmann.
Welche Anforderungen erwachsen für Sartorius aus der enormen Nachfrage nach Impf- und Wirkstoffen – ist eine Aufstockung von Produktionskapazitäten nötig?
Das muss abgewartet werden, aber Sartorius hat schon in den vergangenen Jahren die Produktionskapazitäten massiv ausgebaut – nicht nur in Göttingen, wo ein riesiger Firmencampus entstanden ist und weitergebaut wird, sondern auch in Puerto Rico, Frankreich und China. „Wir haben uns bereits vor der Pandemie auf ein weiteres Wachstum vorbereitet“, sagt Petra Kirchhoff. Und seit Beginn der Corona-Pandemie hat das Unternehmen massiv zusätzliche Mitarbeiter in der Produktion eingestellt – diese arbeiten teilweise im 24-Stunden/7-Tage Schichtbetrieb.
Sartorius-Vorstandsvorsitzender: Dr. Joachim Kreuzburg.
Statt Produktionseinschränkungen wie in vielen Unternehmen also Produktionsausweitungen – könnte eine lang anhaltende zweite Welle nicht großen Schaden bringen – auch für Sartorius?
Wie gesagt, es gab keine Produktionseinschränkungen, auch die Lieferketten haben weitgehend durchgehalten, selbst beim totalen Lock-Down in einigen Ländern, wie China und Indien. Das Unternehmen hat viel getan, um gerade diese Lieferketten stabil zu halten. Laut Vorstandschef Joachim Kreuzburg wurde darauf ein extremer Focus gerichtet. Sartorius hilft auch, dass sowohl Produktionsstandorte als auch die Absatzmärkte weltweit gut gestreut sind. Allein die Umsätze dritteln sich in etwa auf die Bereiche Amerika, Asien/Pazifik und Europa. Das schafft Stabilität  – und hat auch viele Anleger überzeugt und die Aktie beflügelt.
Wie entwickelt sich die Auftragslage?
Sie dürfte vorerst stabil bleiben. „Die Auftagslage ist weiterhin sehr gut“, präzisiert Petra Kirchhoff. Grund dafür sei aber nicht nur die Pandemie und Impfstoffentwicklung, sondern Ursache sind auch andere Arzneien, wie gegen Krebs, Rheuma oder Diabetes. Bezüglich der Aufträge habe sich in den vergangenen Monaten das Bestellverhalten der Sartorius-Kunden verändert, worauf auch schon Vorstandschef Kreuzburg in einem Interview mit unserer Zeitung im Mai hingewiesen hatte: „Die Kunden bauen Lager auf, um auf Lieferengpässe vorbereitet zu sein. Die werden sicher auch irgendwann wieder abgebaut“, sagt Andre Hofmann. Folge wäre, dann auch eine zeitweise geringere Auftragsquote. (Thomas Kopietz)

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