Gesundheitsversorgung

Zahnärzte: Nicht alle Behandlungen laufen während der Coronakrise weiter

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Während der Corona-Krise beschränken Zahnärzte unter Umständen die Behandlung auf notwendige und nicht aufschiebbare Eingriffe beschränken oder nehmen nur Notfallbehandlungen vor.

Die Empörung bei Zahnärzten ist in der Coronakrise groß: Sie, die durch die Nähe zum Patienten besonders gefährdet sind, beklagen mangelnde Unterstützung vonseiten der Politik.

  • Zahnärzte sind in der Coronakrise empört
  • Sie fühlen sich nicht ausreichend unterstützt
  • Nicht alle Behandlungen sind in Zeiten von Corona weiterhin möglich

Manche Zahnärzte reagieren öffentlich über Videos im Netz oder mit der Reduzierung auf Notfälle. Wir sprachen mit Dr. Michael Loewener, Pressereferent der KZV-Niedersachsen.

Herr Loewener, was sagen Sie zu der Kritik einiger Mitglieder, es gäbe zu wenig Hilfe und Unterstützung in Zeiten vor Corona?

Dass Kolleginnen und Kollegen verunsichert sind, ist mehr als verständlich, zumal sich die Situation fast täglich ändert. Auch ist die Versorgung mit Schutzmasken und Desinfektionsmitteln teilweise kritisch.

Ende der vergangenen Woche gab es einen Lichtblick, weil von Minister Jens Spahn versprochen wurde, dass Kliniken und Praxen in Kürze mit 10 Millionen Atemschutzmasken versorgt werden sollen. Zudem sollen die Kosten für eine zusätzliche Ausstattung für unaufschiebbare Behandlungen von Infizierten und Patienten mit Verdacht von den Krankenkassen übernommen werden.

Wann kommen die Schutzmasken?

Bisher ist es noch nicht zu Lieferungen durch das Beschaffungsamt des Bundes an die Kassenzahnärztlichen Vereinigungen gekommen, sodass diese noch keine Weiterleitung an die Praxen vornehmen konnten.

Corona: Praxen haben kaum noch Schutzausrüstung

Sind die Materialien in Praxen knapp?

In vielen Praxen gehen die Vorräte an Schutzausrüstung absehbar zur Neige. Dentaldepots und weitere Lieferanten haben Lieferschwierigkeiten, und eine Beschaffung über andere Quellen ist oft nur zu deutlich überhöhten Preisen möglich – dabei zeigt sich die Marktwirtschaft von ihrer hässlichen Seite.

Zum Glück helfen sich Praxen in dieser Notlage auch gegenseitig aus. Die Zahnärztekammer hat zu diesem Zweck eine niedersachsenweit aktive Tauschbörse initiiert.

Ist der Schutz vor Corona in Zahnarztpraxen extrem wichtig?

Ja, absolut. In Zahnarztpraxen ist man sehr auf die Einhaltung der strengen Hygienerichtlinien angewiesen – zum Schutz der Patienten, zum Selbstschutz und zum Schutz des Personals. Während der Behandlung lässt sich die Nähe zum Patienten nicht vermeiden, oft kommt es zur Entwicklung eines Luft-Wasser-Nebels (Aerosol), mit dem Krankheitserreger, auch das gefährliche Coronavirus, übertragen werden können. 

Schutzeinrichtungen wie Gesichtsmasken, Schutzkittel, Einmalhandschuhe, Absaugvorrichtungen und Gesichtsschutzschilde sind unbedingt notwendig. Alle das wird schon seit vielen Jahren angewendet.

Corona: Praxen beschränken sich auf notwendige Eingriffe

Laufen die Behandlungen in den Praxen trotz Corona weiter?

Ja. Das ist Bestandteil der Verträge, die Zahnärzte mit den Krankenkassen über die Kassenzahnärztliche Vereinigung geschlossen haben. Natürlich gibt es Umstände, bei denen eine sichere Behandlung nicht mehr geschehen kann, so wenn keine Schutzmaterialien mehr vorhanden sind.

Dieser Punkt ist aber wohl bei den meisten Praxen noch nicht erreicht. Mir ist aktuell auch keine Praxis bekannt, die deshalb die Behandlung eingestellt hätte.

Sagen Zahnärzte verstärkt Termine wegen Corona ab?

Es ist verständlich, wenn Zahnärztinnen und Zahnärzte unter der Bedrohungslage durch das Coronavirus die Behandlung auf notwendige und nicht aufschiebbare Eingriffe beschränken oder nur Notfallbehandlungen vornehmen.

Jeder Zahnarzt wird das Vorgehen mit seinen Patienten besprechen; so sollten angefangene größere prothetische Versorgungen zu Ende geführt werden, während Behandlungen, die der Ästhetik oder Prophylaxe dienen, problemlos verschoben werden können. Das ist im Moment auch sinnvoll.

Praxen entscheiden selbst, welche Behandlungen sie in der Coronakrise noch machen

Das wurde ja auch als Kritik an den Vereinigungen geäußert, dass nichts geschehe.

Letzten Endes muss jeder Zahnarzt, jede Zahnärztin selbst entscheiden, ob er oder sie aufgrund der besonderen Umstände nur noch die nötigsten Behandlungen zur Erfüllung des Auftrages als Vertragszahnarzt ausführt.

Praxisinhaber können aus eigener Verantwortung ihren Praxisbetrieb herunterfahren oder im Extremfall auch schließen. Weder die KZVN, noch die Zahnärztekammer ist berechtigt, Praxisschließungen zu verfügen. Dazu sind nur die Gesundheitsämter und der Gesetzgeber ermächtigt.

Wie gefährdet sind Praxen durch Einschränkungen wegen Corona?

Jede Einschränkung der Behandlungen hat zur Folge, dass die fixen Praxis-Kosten für Miete, Personal, Kredite, Versicherungen weiterlaufen, während die Einnahmen schrumpfen. Für einige Praxen kann das – in Abhängigkeit von der Dauer der Ausnahmesituation – die Existenz bedrohen.

Finanzielle Hilfen für die Praxen, die wegen Corona weniger Einnahmen haben?

Kann die KZVN dort helfen, wie mit Krediten?

Kredite vergibt die KZVN nicht, das darf und kann sie nicht. Die Situation muss der Zahnarzt mit seiner Bank klären. Auf Bundesebene werden Gespräche mit Banken geführt, um den Kreditrahmen für Praxisinhaber zu verbessern.

Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) und Bundeszahnärztekammer (BZÄK) fordern einen Finanz-Schutzschirm für Zahnarztpraxen, wie er für Krankenhäuser und Unternehmen konzipiert wurde. Es geht dabei um die den Erhalt der zahnärztlichen Versorgung in der Fläche.

von Thomas Kopietz

Zur Person: Dr. Michael Loewener

Dr. Michael Loewener, geboren in Bad Pyrmont, ist Zahnarzt und hat 30 Jahre eine eigene Praxis in Bissendorf betrieben. Er ist Pressesprecher der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KZVN) und hat zudem langjährige Erfahrung in der Pressearbeit für die Zahnärztekammer Niedersachsen gesammelt.

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