Kommunikation übers Internet

Corona-Krise: Appell aus Geisterschulen in Göttingen

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Nichts los: An der berufsbildenden Arnoldischule (BBS I) sind keine Schüler und Lehrer zu sehen. Die Jugendlichen lernen daheim und bereiten sich beispielsweise aufs Abitur vor.

Geisterspiele im Fußball sind in Zeiten des Corona-Virus die Regel. Nun gibt es auch Geisterschulen. Wegen des Corona-Virus haben alle Schulen Niedersachsens schon zwei Wochen vor den Osterferien geschlossen.

Wie die Schulen damit umgehen, zeigen vier Beispiele aus Göttingen.

Es sei schon sehr eigenartig als Schulleiter durch eine leere Schule zu gehen, schildert Tom Wedrins aus derGeschwister-Scholl-Gesamtschule. In seiner 20-jährigen Schullaufbahn habe er so etwas noch nicht erlebt. Mit den städtischen Verwaltungsmitarbeitern seien insgesamt nur fünf Menschen in der Schule, in der sich normalerweise mehr als 1000 Menschen tummeln.

Geisterschulen in Göttingen: Miteinander fehlt

„Wir fehlen uns alle miteinander“ spricht er für das Kollegium und denkt dabei vor allem an die Schüler. „Mein größter Wunsch ist es, Schüler und Kollegen gesund und heil wiederzusehen.“

Tom Wedrins, Geschwister-Scholl-Schule

Wedrins beschreibt das Schulleben ohne Schüler: Derzeit lauf die Kommunikation unter Kollegen und mit Schülern per E-Mail. Lediglich allein oder in Zweier-Teams erledigten Lehrkräfte Arbeit in der Schule. So hätten zwei Kollegen die Gelegenheit ergriffen, um die naturwissenschaftliche Sammlung neu zu organisieren. In größeren Teams arbeiten Kollegen online. Sie aktualisieren Jahrespläne und Unterrichtseinheiten online und bereiten Projekte für das kommende Schuljahr vor.

Über E-Mail seien die Kurslehrer in Kontakt mit ihren Lerngruppen und versorgten sie mit Lernangeboten zu Stoffen, die sie bereits durchgenommen haben.

Geisterschulen in Göttingen: Einzigartige Situation

In den 36 Jahren im Schuldienst (seit 1984) sei Vergleichbares noch nicht vorgekommen, bestätigt Georg Bartelt, Schulleiter des Hainberg-Gymnasiums (HG) in Göttingen. Was jetzt passiere, sei einzigartig. Ihm gelingt es, der schwierigen Lage einen Vorteil abzugewinnen. Zwar würden in den 14 Tagen ohne Unterricht rund 120 Klassenarbeiten nicht geschrieben.

Georg Bartelt, Hainberg-Gymnasium

Doch im Gegensatz zu den Berufs- und Gesamtschulen müssten die Gymnasien wegen der Umstellung von G 8 auf G 9 in diesem Jahr kein Abitur abnehmen. Nur für die Abschlussklassen im Jahrgang 10 müssen die Kollegen also Noten hinterlegen. Eine geplante Fortbildung der Lehrer werde digital organisiert.

Geisterschulen in Göttingen: Abiturprüfungen

Rainer Wiemann, Schulleiter an der berufsbildenden Arnoldi-Schule, geht davon aus, dass die Abiturprüfungen wie geplant stattfinden können. „Natürlich treffen wir Vorsorge für den Fall, dass sich die Situation ändert.“ Bei allen Alternativplanungen werde streng darauf geachtet, dass den Abiturienten kein Nachteil entstehe. Bayern werde das Abitur verschieben, gibt Wedrins zu bedenken.

Rainer Wiemann, Arnoldischule

In der Arnoldi-Schule stehen laut Wiemann verschiedene Kommunikationswege offen, so über den Schulmessenger, per Mail oder über das Intranet. Aufgrund der aktuell stark angestiegenen Nutzung komme es aber vereinzelt zu Ausfällen. Das Problem soll schnellstmöglich behoben werden.

Geisterschulen in Göttingen: Notbetreuung

Keine Probleme hat die Berufsschule wegen des Alters ihrer Schüler mit möglichen Engpässen bei der Betreuung. An den allgemeinbildenden Schulen wird eine Notbetreuung für Kinder bis zur achten Klasse angeboten. Doch auch an der Geschwister-Scholl-Schule gibt es laut Wedrins keine Nachfrage dafür. Im Hainberg-Gymnasium sind es ein bis vier Schüler, die in die Notbetreuung kommen. Im Theodor-Heuss-Gymnasium ein Schüler. Das Angebot ist allerdings beschränkt auf Kinder von Eltern, die beispielsweise im medizinischen Bereich oder beim Katastrophenschutz arbeiten.

Georg Bartelt betont, dass Betreuung auch möglich sei, wenn Eltern beim Fernbleiben vom Arbeitsplatz mit Verdienstausfall oder gar mit Kündigung rechnen müssten. Er lobt die Bereitschaft von Kollegen, bei der Notbetreuung mitzuhelfen. Eingespannt seien auch zwei „Bufdis“ – Menschen im Bundesfreiwilligendienst.

Sicher freuten sich die Schülerinnen und Schüler zwar zunächst über die verlängerten Ferien, vermutet Tom Wedrins. Und bevor zu große Langeweile aufkomme, könnten sie sich den Lerninhalten widmen, die die Lehrkräfte für sie zusammenstellten. Für Eltern von Kindern bis zur Sekundarstufe I hat Bartelt einen Brief der schulpsychologischen Dezernentin, Christine Schlockwerder, weitergeleitet. In Mails wendet sich er sich direkt an die Schüler.

Geisterschulen in Göttingen: Keine Treffen!

Nachdem er gehört hat, dass viele die freie Zeit und das schöne Wetter nun nutzten, um sich in Gruppen außerhalb der Schule zu treffen, appelliert Georg Bartelt an die Vernunft: „Es ergibt keinen Sinn, die Schulen dicht zu machen, wenn sich die Schüler dann privat treffen.“ Damit die Schüler das leichter schaffen, hat er für das Wochenende ein Gewinnspiel vorbereitet.

Geisterschulen in Göttingen: Digitale Medien am THG

Schulen sind offene Häuser. Momentan ist der Einlass im Theodor-Heuss-Gymnasium für nicht-lehrendes Personal ist aber nur nach Klingeln möglich, wie Schulleiterin Dr. Ulrike Koller sagt. Dennoch sei das THG von 7 bis 14 Uhr grundsätzlich geöffnet. Vor Ort sei stets das Schulleitungsteam.

Dr. Ulrike Koller, Theodor-Heuss-Gymnasium

Wichtig für Schüler: In der Schule gelagerte Materialien können bis zum 23. März abgeholt werden. Derweil laufe die Versorgung von Arbeitsaufträgen an die Schüler „sehr gut über die digitale Infrastruktur (i-serv)“, wie Koller sagt. Das werde vom Kollegium intensiv genutzt. „Einen Präsenzunterricht kann es aber nicht ersetzen.“

Die Schule hält über E-Mails zu Eltern und Schülern Kontakt. Auch die Kollegen stünden über die digitalen Medien in regem Austausch. Fachgruppensitzungen laufen über Videokonferenzen und Skype oder digitale Dienste. Auch die Kommunikation mit der Landesschulbehörde und dem Schulträger Stadt Göttingen laufe reibungslos, wie Ulrike Koller beschreibt, die aktuell ihr letztes Schuljahr als THG-Schulleiterin absolviert.

VON UTE LAWRENZ UND THOMAS KOPIETZ

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